von Tim Schulz
   

Chemnitz: Stadionshow für Neonazi-Hooligan

In der Fußball-Fanszene herrscht oft ein familiärer Zusammenhalt. Wenig verwunderlich, dass es etwa bei Todesfällen zu emotionalen Szenen kommen kann. In Chemnitz bot sich am Samstag allerdings eine Stadionshow der anderen Art: Verein und Fans gedachten in einer regelrechten Großinszenierung dem verstorbenen Neonazi-Hooligan Thomas Haller. Haller war einer der wichtigsten Anführer der rechten Szene in Chemnitz und Umgebung.

Bild: Screenshot

Im Fanblock weht ein metergroßes Banner. Ein weißes Kreuz auf schwarzem Grund. Darunter der Schriftzug „Ruhe in Frieden, Tommy“ in Frakturschrift. Melancholisch-kitschige Musik erfüllt die Arena, während der Stadionsprecher des 1. Chemnitzer FC sein Beileid bekundet. Ein Dutzend Pyrofackeln werden entzündet. Das emotionale Abschieds-Spektakel sollte die Gespräche unter den Fußballfans bestimmen. Über dem ganzen Spektakel thront er gut sichtbar auf einem Großbildschirm. Das Stadion der „Himmelblauen“ gehörte am Samstag dem Hooligan-Anführer Thomas Haller, der kürzlich einem Krebsleiden erlag.

Nach dem Spiel gegen den VSG Altglienecke strömten einige dutzende Fans zu einer bekannten Szene-Kneipe nahe dem Stadion und legten dort einen Trauerkranz nieder – viele von ihnen offenkundige Anhänger der extrem rechten Hooligan-Szene. Kaum überraschend angesichts der Person, die sie betrauern. Denn Thomas Haller war keineswegs ein unbeschriebenes Blatt.

Keine harmlose Fangruppe

Haller galt Beobachtern zeitlebens als einer der einflussreichsten Köpfe der rechtsextremen Szene in Chemnitz. In den 90er Jahren gründete er die Hooligan-Gruppierung „HooNaRa“ - Hooligans - Nazis - Rassisten. Eine Selbstbezeichnung die wenig Raum für Interpretationen lässt. Man wollte damals „Klarschiff machen“, gab Haller 2007 im Interview mit dem Fußballmagazin RUND an. „HooNaRa“ hätte „Deutschland und Europa mal gezeigt […], dass es Sachsen gibt“.

Was das bedeutet? Zeitweise habe die rechtsextreme Hool-Truppe monatlich an brutalen Kämpfen mit rivalisierenden Gruppierungen teilgenommen. Und die Gewalt blieb - entgegen Hallers Beteuerungen - nicht auf „Wald und Wiese“. Im Laufe der 90er Jahre soll HooNaRa wiederholt an rechtsmotivierten Übergriffen beteiligt gewesen sein. Ein Beispiel: Mindestens einer von Hallers Mitstreitern war 1999 in den Mord an Patrick Thürmer in Oberlungwitz nahe Chemnitz verwickelt. Mehrere bewaffnete Neonazis verprügelten den jungen Punk so schwer, dass er am Folgetag seinen Verletzungen erlag. Zeugen wollen damals auch Haller beobachtet haben, wie er am gleichen Abend mit anderen Rechtsextremen in einem Nachbarort vermeintliche Linke verfolgte.

 

Bald tauchte HooNaRa auch im sächsischen Verfassungsschutzbericht auf. Die Verbindungen der Gruppe um Haller reichten bis in Umfeld des NSU-Trios. Ralf Marschner, V-Mann und enger Weggefährte der Rechtsterroristen, soll ebenso Kontakte zu den Hooligans gepflegt haben, wie André Eminger. Der Bericht des zweiten NSU-Untersuchungsausschusses im Bundestag widmete HooNaRa ein eigenes Unterkapitel. Nicht unwahrscheinlich also, dass die Neonazi-Hools Teil des Netzwerks waren, auf das die rechtsterroristische Gruppierung im Untergrund zurückgreifen konnte.

Erklärtes Ziel von Haller und seinen Mitstreitern: Die Fanszene des CFC, die ohnehin als wohl vernetzt und offen nach rechts gilt, dominieren. „Die Leute müssen wissen: Der macht keinen Spaß. Der holt mich noch drei Wochen später ab, auch von Zuhause, auch vom Nachtschrank [...] Wir gehören zur Stadt. Wir gehören zum Verein.“ - 2006 führte dieses Auftreten zum Stadionverbot. 2007 übernahm der mittlerweile verstorbene, rechtsextreme Kampfsportler Rico Malt die Führung. Zu dieser Zeit wurde die Gruppierung aber zunehmend inaktiv, bis sie sich 2007 eigenen Aussagen zufolge auflöste. Auf die Frage ob HooNaRa noch aktiv sei, antwortete Haller damals: „Eigentlich nicht mehr. Andererseits sind wir in einer halben Stunde da.“

Alte Seilschaften und Geschäftskontakte

Dass er - was das Mobilisierungspotential innerhalb der Fussball-Szene angeht - nicht ganz Unrecht hatte, zeigte sich zuletzt im Spätsommer 2018. Die gewalttätigen Ausschreitungen und Jagdszenen Ende August gingen maßgeblich von der lokalen Hooligan-Szene aus. In den Reihen von Kaotic Chemnitz, jener Gruppe die am Morgen nach Daniel H.s Tod den ersten Demonstrations-Aufruf veröffentlichte, fanden sich in der Vergangenheit immer wieder Mitglieder rechtsextremer Hool-Gruppen, etwa der "NS-Boys". Angeführt wurde der erste, spontane Aufmarsch am 26. August auch von Patrick Gentsch. Gentsch wurde in den 90er Jahren HooNaRa zugerechnet und ist heute für die NPD als Lokalpolitiker aktiv.

Haller war aber auch Unternehmer. Seine Sicherheitsfirma „Haller Security“ stellte unter anderem Ordnerkräfte für Großevents in der Stadt. Das Pressefest der Lokalzeitung „Freie Presse“ gehörte dazu. Auch für Security-Aufträge im Stadion des CFC bekam er bis 2006 den Zuschlag - seine Aussagen im eingangs erwähnten Interview hielten die Entscheidungsträger beim Regionalligisten schließlich für „vereinsschädigend“. Das Auftreten als seriöser Geschäftspartner brachte Haller bis dahin allerdings Ansehen bei Vereinsführung und Fangemeinde ein - für viele anscheinend genug, um über seine politischen Aktivitäten hinwegzusehen.

Dabei steht sein Unternehmen seither im Ruf gewaltaffine Neonazis in Lohn und Brot zu bringen. Mitarbeiter seiner Firma sollen vermehrt in rechte Gewalttaten verwickelt gewesen sein. Auch in den Ermittlungsakten im Fall Patrick Thürmer tauchen Namen seiner Türsteher auf.

Verein distanziert sich – von eigener Show

Nachdem an der Trauer-Inszenierung erste Kritik laut wurde, distanzierte sich der 1. Chemnitzer FC von den Ereignissen. Die Aufführung sei keine offizielle Trauerbekundung gewesen, sondern ging von der Fangemeinde aus. Der umstrittene Torjubel von Stürmer Daniel Frahn, der als Zeichen der Anteilnahme ein Hooligan-Shirt in die Luft hielt, werde mit einer Geldstrafe geahndet. Und auch schwerere Konsequenzen bahnten sich bereits an: Zuerst verkündete der kaufmännische Geschäftsführer Thomas Uhlig seinen Rücktritt an und dann vermeldete auch der Hauptsponsor des vom Bankrott bedrohten Vereins, die Sparkasse Chemnitz, an, die Zusammenarbeit beenden zu wollen.

Schon vor der Stadionshow sorgte am Samstag zudem eine Wortmeldung von SPD-Stadträtin Peggy Schellenberger für einen Eklat. Die Kommunalpolitikerin und Fanbeauftragte gedachte Haller in einem Facebook-Post mit emotionalen Worten. Der Hooligan-Anführer sei immer „fair“ und „herzlich“ gewesen. Auch ein AfD-Funktionär schloss sich den Beileidsbekundungen an. Für ihre Partei ist das anscheinend nicht tragbar: In einer Stellungsnahme distanziert sich der Kreisvorsitzende Jürgen Renz von der „Verharmlosung für Menschen aus dem rechtsextremen Spektrum“. Außerdem werde Schellenberger bei den anstehenden Kommunalwahlen nicht erneut als Kandidatin aufgestellt werden.

Besonders brisant: Erst vor wenigen Tagen votierte der Stadtrat gegen eine Vertragsänderung mit dem Verein, die die weitere Finanzierung an ein Engagement gegen Rechtsextremismus geknüpft hätte. Stadtrat Lars Fassmann, dessen Fraktion Volkssolidarität/ Piraten den entsprechenden Antrag stellte, kritisierte die Entscheidung massiv. Das Rathaus und der Verein würden sich vor einer Positionierung scheuen, da befürchtet wird, dass die "Stimmung im Stadion" darunter leiden könnte, so Fassmann.

Möglicherweise zieht der Tod von Haller noch weitere Kreise: Auf Facebook kündigten erste Sympathisanten an, einen Trauermarsch für den geschiedenen Neonazi organisieren zu wollen.

Kommentare(1)

Dirk J. Montag, 11.März 2019, 01:51 Uhr:
Als steuerzahlender Bürger dieser Stadt bin ich es allmählich leid, dass meine Steuergelder permanent in diesen laufend nach Hilfen klagenden Sch...verein der vierten Liga investiert werden, während unsere Europa- und Weltmeister sowie Olympiasieger jedem Euro hinterher rennen müssen. Der CFC und dieses verkorkste Stadion bringen seit Monaten die Stadt bundesweit in Verruf, und weder eine völlig inkompetente Oberbürgermeisterin noch einen Stadtrat, scheint das wirklich zu interessieren. Hallo, im Mai sind Wahlen!! Ich werde diese Vorgänge in meiner Wahlentscheidung gebührend zu würdigen wissen.
 

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