von Tim Schulz
   

Chemnitz: Gezielte Anschläge auf Gedenkort über NS-Zeit und jüdische Kita?

Gleich zwei Orte in Chemnitz wurden im Laufe der Woche Ziel von Angriffen. Neben einer jüdischen Einrichtung wurde auch ein Gedenkort für die Opfer des NS-Regimes attackiert. Die Motive hinter den Taten sind bisher unklar.

Eine vom jüdischen Kindergarten genutzte Holzhütte brannte vollständig aus, Foto: Tim Schulz

Auf dem Gelände eines städtischen Kindergartens brannte am Donnerstagabend ein Gartenhaus komplett nieder. Zudem fanden sich Spuren weiterer Einbruchsversuche. Die kommunale Einrichtung beherbergt unter anderem die jüdische Kindergruppe „Schalom“; Kinder verschiedener Religionen sollen hier zusammenkommen, heißt es auf der Internetpräsenz der Jüdischen Gemeinde Chemnitz.

Nach ersten Ermittlungen geht die Polizei von einem Brandanschlag aus. Geschätzter Sachschaden: 2.000 Euro. Mittlerweile wurde der Fall an das Terrorismus und Extremismus-Abwehrzentrum des Landeskriminalamtes abgegeben. Auch wenn bisher keine belastbaren Hinweise auf konkrete Motive vorliegen, lässt sich ein politischer, etwaiger antisemitischer Tathintergrund also nicht ausschließen.


Eine der zerstörten Scheiben der Gedenkstätte Kaßberg, Foto: „Kaßberg-Gefängnis“

Wenige Tage zuvor wurden Sachbeschädigungen an Gedenktafeln der Erinnerungsstätte „Kaßberg-Gefängnis“ entdeckt. Die ehemalige Haftanstalt wurde sowohl von den Nationalsozialisten als auch dem DDR-Regime zur Inhaftierung politischer Häftlinge genutzt. Die Gedenktafeln an der Außenwand, die über die Geschichte des Ortes aufklären, wurden erst vor einem Jahr eingeweiht. Mehrere der Glaswände wurden beschädigt und gezielt solche mit einem Bezug zu NS-Verbrechen zerstört. Laut Polizei könnte die Tat bereits einige Tage zurückliegen, erst am Dienstag bemerkten Zeitzeugen die Schäden. Auch in diesem Fall sind die Motive noch nicht klar, auch ob eine Verbindung zu der Brandstiftung besteht, kann weder bestätigt noch ausgeschlossen werden. Für einen möglichen politischen Hintergrund spricht die Übernahme der Ermittlungen durch den Staatsschutz.

Zwar gab es bisher keine größeren Angriffe auf die hiesige jüdische Gemeinde, allerdings gilt der Sonnenberg, das Viertel in dem die betroffene Kindertagesstätte liegt, als Schwerpunkt rechter Aktivitäten. Bis zu ihrer Enttarnung Ende 2016 versuchte das „Rechte Plenum“, eine rechtsextreme Nipster-Gruppierung, in dem Stadtteil eine rechte Hegemonie aufzubauen. Zudem gab es in den letzten Jahren zahlreiche Vorfälle im Quartier: So kam es über Monate immer wieder zu Sachbeschädigungen an einem Linken-Parteibüro. Das alternative Kulturzentrum „Lokomov“ wurde mehrfach Ziel von Angriffen, mitunter wurden Schaufenster der Bar gesprengt. Ein großes Medienecho verursachte zuletzt ein Fall von Vandalismus im Januar: Mehrere Täter beschmierten eine kurdische Bäckerei, nahe dem kommunalen Kindergarten, mit Hakenkreuzen und rechtsextremen Parolen.

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