von Tim Schulz
   

Chemnitz: Eskalation bei Hooligan-Demo

Hunderte Hooligans marschierten am Sonntag in der Chemnitzer Innenstadt auf. Zu der spontanen Demonstration rief die Hooligan-Gruppe „Kaotic Chemnitz“. Im Verlauf des Aufmarsches kam es zu chaotischen Zuständen: Den Sicherheitskräften gelang es kaum, die Kontrolle über die Veranstaltung zu behalten und deren Teilnehmer machten immer wieder Jagd auf umstehende Migranten. Hinter den Ausschreitungen scheint eine Art Racheaktion zu stehen.

Parolen skandierend zogen die Demonstranten durch das Chemnitzer Zentrum, Foto: Screenshot

Hunderte Demonstranten ziehen durch die Straßen, attackieren Menschen mit Migrationshintergrund und liefern sich schließlich Ausschreitungen mit der Polizei – Im westsächsischen Chemnitz herrschte am Sonntag zwischenzeitlich der Ausnahmezustand. Zunächst ließen die Sicherheitskräfte den unangemeldeten Aufmarsch gewähren. Augenzeugen zufolge standen nur vereinzelte Beamte den mehreren hundert aufgebrachten und teils gewaltbereiten Personen entgegen. Auch die herbeigerufene Verstärkung schafft es zunächst nicht, die Situation unter Kontrolle zu bringen. Polizeiketten wurden schlicht durchbrochen. Die wütenden Demonstranten stürmten die Innenstadt.

Migranten werden attackiert

Immer wieder spalteten sich zudem Kleingruppen vom Aufzug ab und verteilten sich. Die Lage wurde zunehmend unübersichtlich. Andere Beobachter berichteten von regelrechten Jagdszenen auf Migranten. Videos von mutmaßlichen Teilnehmern der Aktion scheinen dies zu untermauern. Erst als mehr Sicherheitskräfte eintrafen und sich die Masse langsam auflöste, kehrte relative Ruhe ein. Bis in die Abendstunden zeigte die Polizei Präsenz im Innenstadtbereich.

Der Grund für den Aufruhr: In der Nacht von Samstag auf Sonntag kam es nahe dem Versammlungsort zu einer Auseinandersetzung, in deren Folge ein 35-jähriger Deutscher starb. Gerüchte machten schnell die Runde, welchen zufolge irakische und syrische Migranten, die zuvor versuchten, eine Frau zu belästigen, dafür verantwortlich seien. Die Polizei dementiert derartige Meldungen über den Hintergrund der Tat bisher. In einer Pressemitteilung ist lediglich die Rede von einer „Auseinandersetzung zwischen mehreren Personen unterschiedlicher Nationalitäten“.

Keine unpolitische Fangruppe

Zunächst folgten mehrere hundert Personen dem Aufruf der rechten Ultra-Szene des Chemnitzer FCs. Die Hooligan-Gruppe „Kaotic Chemnitz“ rief alle Fans und Sympathisanten des Drittligisten auf, sich im Stadtzentrum zu treffen. Man wolle „zeigen wer in der Stadt das sagen hat“. Die Stoßrichtung des Aufrufs ist klar und auch die Gruppe selber ist kein unbeschriebenes Blatt: Als die rechtsextreme Hooligan-Gruppe NS-Boys aufgrund ihrer politischen Positionierung Stadionverbot erhielt, organisierten sich ihre Anhänger neu – unter anderem bei „Kaotic“.

Entsprechend verwundert es kaum, wer sonst noch auf den Plan trat: Mutmaßliche Aktivisten der neonazistischen Kleinstpartei Der Dritte Weg, stadtbekannte Kameradschafter oder Akteure aus dem Umfeld fremdenfeindlicher Bürgerinitiativen wie Chemnitz Pegida Erzgebirge oder Wellenlänge Heidenau. Dabei mobilisierten die Gruppen erstaunlich schnell, schließlich tauchte der Aufruf erst am Sonntagmorgen auf. Die verschiedenen Milieus und Gruppierungen scheinen also bestens vernetzt zu sein. Zusätzlichen Zulauf erhielt der Aufzug durch das gerade erst abgebrochene Stadtfest: Viele Passanten schlossen sich den rechten Demonstranten an. An die 1.000 Personen sollen zum Höhepunkt des Marsches teilgenommen haben.

Am Rand der Veranstaltung waren zudem auch lokale AfD-Funktionäre anzutreffen. Inwiefern diese aber tatsächlich am Aufmarsch teilnahmen oder nur Zaungäste waren, lässt sich nicht abschließend klären. Die Partei hielt etwa eine Stunde zuvor eine spontane Kundgebung am Ort des Geschehens ab.

Nächste Demonstration am Montag

Ruhe wird in Chemnitz so schnell nicht wieder einkehren: Für morgen ist eine weitere Demonstration angekündigt, die unter anderem vom Verein „Heimat und Tradition Chemnitz Erzgebirge“ beworben wird. Aus der rechtsextremen Szene gab es bereits erste Meldungen: Man wolle morgen auch „mitmischen“.

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