„Bürgerdemo“ in Bützow: Ohne NPD geht nichts

Mit reichlich Verspätung wollte die rechtsextreme Szene in Mecklenburg-Vorpommern nun auch anhand einer „Bürgerinitiative“ gegen Asylbewerber hetzen. Was andernorts teilweise von Erfolg gekrönt war, misslang heute in Bützow allerdings. Erneut wurde deutlich: Ohne personelle und logistische Unterstützung der NPD wäre die Demonstration so nicht zustande gekommen. Und am Ende musste NPD-Chef Udo Pastörs gar um neue Mitglieder werben.

Samstag, 19. Juli 2014
Redaktion
Bereits in den frühen Morgenstunden deutete sich an, dass am heutigen Sonnabend ein äußerst heißer Tag bevorstünde. Bei sengender Hitze und über 30 Grad in der Sonne versammelten sich ab 10 Uhr die ersten Asylgegner in Bützow. Als Treffpunkt diente der Parkplatz vor der Schloss, doch auch die Gegendemonstranten nutzten diesen, um zusammenzukommen. Eine skurrile Situation, in der sich die beiden politischen Lager nur wenige Meter voneinander entfernt befanden. Ursprünglich war der Start des Aufmarsches für 11 Uhr geplant, doch eine Blockade der Wegstrecke sorgte nicht nur dafür, dass es zu einer zeitlichen Verzögerung kam, auch die ursprünglich geplante Route musste verworfen und durch eine neue Strecke ersetzt werden. Der Mob, dem sich rund 130 Personen angeschlossen hatten, war ein Testballon für die NPD. Bislang wurden sämtliche Asylproteste in Mecklenburg-Vorpommern durch die rechtsextreme NPD initiiert. Doch der Mannschaft um Landeschef Stefan Köster war klar, dass sich etliche Sympathisanten aus dem bürgerlichen Spektrum kaum den oft martialisch wirkenden Aufmärschen der NPD anschließen würden. So wurde die Aufgabe der „Bürgeriniative Bützow wehrt sich“ übertragen. Parteinahe Personen mobilisierten zur Teilnahme, die sich gerade im Verbotsverfahren befindliche Partei hielt sich bewusst zurück mit Aufrufen. Doch schnell wurde klar: Ohne maßgebliche Beteiligung der NPD sind Demonstrationen in der Form kaum möglich. So saß der ehemalige Bürgerschaftskandidat für die Hansestadt Rostock, Jörn Stelter, hinter dem Steuer des Transporters, den die NPD seit Jahren ebenfalls nutzt. Hinter Stelter nahm David Petereit, stellvertretender NPD-Landesvorsitzender, in dem Fahrzeug Platz. Seine Zuständigkeit lag in der Beschallung der Teilnehmer mit Musikstücken und aufgezeichneten Redebeiträgen, von denen in den vergangenen Monaten mehrere bereits auf Aufmärschen der Neonazi-Partei gespielt wurden. „Kommt zu uns“ Zudem war der Bundesvorsitzende Udo Pastörs in Bützow erschienen, reihte sich in den Zug ein und übernahm – wie so oft – gleich den ersten Redebeitrag. Positionieren konnte sich der rechtskräftig verurteilte Politiker direkt auf den Rathaustreppen, wenige Meter vor dem Eingang. Der 61-Jährige ging kurz auf die Asylthematik ein, ließ es sich dann aber nicht nehmen, erneut zu einem Rundumschlag gegen Deutschland, Israel und die USA anzusetzen. Die lange Ansprache fand bei den Anti-Asylmob nur mäßigen Anhang, zumal die Sonne weiter unnachgiebig vom Himmel strahlte. Zum Ende griff Pastörs zu einer eher außergewöhnlichen Aktion: „Kommt zu uns“, forderte er die Sympathisanten mit lauter Stimme zum Beitritt zu seiner Partei auf. Diese hat in den letzten Jahren deutliche Mitgliederverluste verkraften müssen. Weiter ging es auf der Strecke durch die Kleinstadt, es folgte die zweite Kundgebung und spätestens zu dem Zeitpunkt wurde klar, dass öffentlich wirksame Protestformen gegen Asylbewerber derzeit ohne die NPD nicht machbar sind. Den Organisatoren des Aufmarsches ist es trotz mehrfacher Aufrufe nicht gelungen, auch nur einen einzigen Einwohner zu einer Ansprache zu bewegen. Erneut musste Udo Pastörs an das Mikrofon treten, zuvor durfte der frisch gewählte Kreistagsabgeordnete Nils Matischent seinen Einstand geben. Der gewichtige Hobbypolitiker, der sich in wenigen Wochen vor Gericht verantworten muss, wetterte gegen einen „ungezügelten Zuzug“ – bei derzeit nur 30 in dem Ort wohnhaften Asylbewerbern eine eher skurril anmutende Aussage. Bürgerprotest? Fehlanzeige! Nicht nur bei der Organisation und Logistik bekamen die Asylfeinde Unterstützung von der NPD, auch am Sonnabend übernahmen Fraktionsmitarbeiter der Partei beispielsweise Ordnerfunktionen. Auch die Teilnehmer waren größtenteils identisch mit denen etlicher NPD-Aufmärsche. Dutzende Kameradschaftsmitglieder, von denen etliche die Logos ihrer T-Shirts abkleben mussten, reihten sich in die Formierung ein. Die breite Mehrheit bestand aus jungen Männern in eindeutiger Szenekleidung, die dem eher bürgerlichen Spektrum zuzuordnenden Teilnehmer konnten bis auf 20-30 Personen nicht mobilisiert werden. Das Experiment ist missglückt. Dieser Umstand dürfte zu einem Teil allerdings auch der Wetterlage geschuldet sein. Denn die Gegendemonstranten, die aufgrund der sehr kurzen Vorbereitungszeit ohnehin einen schweren Stand hatten, dürften ebenfalls einige potentielle Unterstützer verloren haben, die sich der sengenden Sonne nicht aussetzen wollten. Dennoch protestierten rund 200 Personen gegen die asylfeindliche Demonstration, mehrfach konnten die durch die Initiative „Eine Blume für Bützow“ in die Wege geleiteten Aktionen direkt neben der Wegstrecke der „Bürgerinitiative“ durchgeführt werden. Es gab zwei Sitzblockaden, allerdings wurde die rechte Demo unmittelbar an dieser vorbeigeleitet. Ein Sicherheitsrisiko schien die Polizei nicht gesehen zu haben.
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