Bulletin "Antisemitismus und Antiamerikanismus in Deutschland"

Antisemitismus ist in den zurückliegenden Jahren in Teilen der deutschen Bevölkerung wieder salonfähig geworden: Da wird bei Demonstrationen auf Transparenten Israel mit Nazi-Deutschland gleichgesetzt. Schüler beschimpfen sich als "du Jude". Der Zentralratsvize der Juden, Michel Friedman, wird nach Bekanntwerden seines Kokainkonsums in den Medien weit über einen angemessenen kritischen Rahmen hinaus diskriminiert.

Mittwoch, 05. Mai 2004
Gudrun Giese
Der wieder auflebende Antisemitismus ist nicht nur in Deutschland zu beobachten, sondern in vielen europäischen Ländern. Deshalb hat die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) am 28. und 29. April zu einer Konferenz zum Thema Antisemitismus nach Berlin eingeladen. Während es bei dieser Zusammenkunft vor allem darum gehen wird, das Phänomen als ernst zu nehmendes Problem zu bewerten, wollen die Herausgeber eines aktuellen Bulletins "Antisemitismus und Antiamerikanismus in Deutschland" noch etwas anderes erreichen: Aufklärung, damit sich die Verhältnisse wieder ändern können. Oder, wie Anetta Kahane, die Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, bei der Präsentation des Bulletins sagte: "Es muss tabu sein, öffentlich Israel mit Nazi-Deutschland zu vergleichen." Die 112 Seiten starke Publikation wurde Mitte April in der Stiftung präsentiert. Herausgegeben wird sie vom Zentrum Demokratische Kultur, der Regionalen Arbeitsstelle für Ausländerfragen, Jugendarbeit und Schule (RAA) Berlin in Kooperation mit der Amadeu Antonio Stiftung und dem Klett-Verlag. Gerade in den Schulen sei unter Lehrern eine große Unsicherheit im Umgang mit Antisemitismus verbreitet, erläuterte Britta Kollberg, Geschäftsführerin der RAA Berlin. "Vielen fehlt Hintergrundwissen, so dass sie sich im Unterricht um das Thema herummogeln", stellte sie fest. Lehrern, aber auch Journalisten und allen Interessierten soll die Publikation Informationen und Ansätze für Strategien gegen Antisemitismus und Antiamerikanismus an die Hand geben. Ein Jahr verging von der Idee für die Broschüre bis zu ihrer Fertigstellung. In dieser Zeit verfass-ten 15 Autorinnen und Autoren die Beiträge des Bulletins, die in drei thematische Blöcke gegliedert sind: "Zur Genese von Antisemitismus und Antiamerikanismus" handelt die historischen Hintergründe des Phänomens ab. Der Abschnitt "Aspekte von Antisemitismus und Antiamerikanismus" enthält unter anderem eine Chronik antisemitischer Vorfälle aus dem Jahr 2003, fasst aktuelle Umfragen zum Thema zusammen und liefert Beispiele für Antisemitismus und Antiamerikanismus in der linken wie der rechten Szene. Im dritten Abschnitt "Umgang mit Antisemitismus in der Bildungs- und Projektarbeit" geht es um praktische Anleitungen für Lehrer und in der Jugendarbeit Tätige. Die Zunahme antisemitischer und antiamerikanischer Äußerungen sei stark verknüpft mit der Wahrnehmung des Nahostkonfliktes in der deutschen Öffentlichkeit, sagte Anetta Kahane bei der Präsentation des Bulletins. Doch werde der reale Konflikt oft nur als willkommener Aufhänger für die Artikulation altbekannter Stereotype benutzt. "Uns geht es nicht darum, israelische und US-amerikanische Außenpolitik zu erläutern oder zu bewerten. Wir wollen vielmehr zeigen, wie hartnäckig sich bestimmte Vorurteile reproduzieren." Auch die pauschale USA-Kritik insbesondere seit dem Anschlag auf das World-Trade-Center sei eng mit dem Thema Antisemitismus verknüpft. "Antisemitismus funktioniert auch ohne Juden, und er weist deutliche Überschneidungen mit dem Antiamerikanismus auf", schreibt Kahane in ihrem Vorwort. So werden auch von manchen – linken – Globalisierungsgegnern unzulässige und unbelegbare Verknüpfungen zwischen "dem" US-Imperialismus und "dem" jüdischen Großkapital der amerikanischen Ostküstenstaaten hergestellt. Aufklärung tut Not. Die Amadeu Antonio Stiftung hat ein Modellprojekt gegen Antisemitismus in den neuen Bundesländern entwickelt. Gemeinsam mit verschiedenen Partnern setzt die Stiftung in Schulen, Jugendeinrichtungen, Verwaltungen und Betrieben an, um Diskussionen über das Thema in Gang zu bringen. Und anlässlich der OSZE-Konferenz in Berlin lädt das Bündnis für Demokratie und Toleranz zu einer Veranstaltungsreihe unter dem Titel "Antisemitismus – was tun?" Zwischen dem 27. und 29. April werden Filme, Ausstellungen und Diskussionen zum Themenkomplex präsentiert. Das Bulletin kann unter www.zdk-berlin.de bestellt werden. Informationen über das Modellprojekt unter: www.projekte-gegen-antisemitismus.de
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