Braunes Event verliert Teilnehmer

Im neunten Jahr seines Bestehens entwickelt sich der jährliche „Eichsfeldtag“ im nordthüringischen Leinefelde zu einem Fiasko für die NPD. Nur noch bis zu 140 Personen besuchten am Samstag das Rechtsrock-Open Air.

Montag, 20. Mai 2019
Kai Budler

Als der „Eichsfeldtag“ im Mai 2012 im südlichen Teil der knapp 20 000 Einwohner zählenden Stadt Leinefelde stattfand, reisten trotz strömenden Regens knapp 1000 Personen an, um Rechtsrock-Bands wie „Timebomb“, „Sturmtrupp“, „Tätervolk“ und den ehemaligen Sänger der verbotenen Band „Landser“, Michael Regener mit seiner Formation „Die Lunikoff-Verschwörung“ zu sehen. Im Vorjahresvergleich konnte das Organisationsteam um den langjährig aktiven Neonazi und NPD-Funktionär Thorsten Heise damit die Zahl der Teilnehmer verdoppeln.

Doch acht Jahre nach der Premiere ist von der anfänglichen Euphorie auf dem Ohne-Sportplatz in Leinefelde-Süd nichts mehr zu spüren. Zum Zeitpunkt des angekündigten Beginns um 13.00 Uhr am Samstag laufen noch die Aufbauarbeiten. Nach etwa 90 Minuten befinden sich gerade mal rund 50 Personen auf dem Gelände. Dort haben die Neonazis auch schon die obligatorischen Stände aufgebaut, um wenigstens das Konsumbedürfnis ihrer Kundschaft zu befriedigen. Vor dem Stand vom „Deutschen Warenhaus“, das von Heise betrieben wird, locken Kisten mit preislich heruntergesetzten „Deutschen Waren für deutsche Herzen“ wie zum Beispiel „Jeder Pulli 10 Euro“ und „CD und Themd 20 Teuro“. Auch das rechtsextreme Magazin „Werk Codex“ des NPD-Beisitzers Tobias Schulz, der sich Baldur Landogart nennt, präsentiert sich am „Warenhaus-Stand“, gleich nebenan zeigt Patrick Schröder sein aktuelles Sortiment von „Ansgar Aryan“.

„Politische Veranstaltung“ mit Rednern

Das aus Schweden operierende Neonazi-Netzwerk „Gefangenenhilfe wirbt ebenso wie die NPD auf Bundes- und Kreisebene, daneben präsentiert der nordrhein-westfälische Neonazi Sascha Krolzig das von ihm heraus gegebene Blatt „N.S. Heute“. Für Kinder ist eine Ecke mit Hüpfburg und Kinderschminken eingerichtet, die die Spitzenkandidatin der Thüringer NPD, Antje Vogt, betreute. Einen Antrag, die Veranstaltung als jugendschutzgefährdend einzustufen und Kinder und Jugendliche auszuschließen, hatte der Landrat des Landkreises Eichsfeld Ende März mit der CDU-Mehrheit von der Tagesordnung genommen. Statt eines Alkoholverbots wie in den Vorjahren erließ die Versammlungsbehörde eine modifizierte Regelung, nach der bis zum Nachmittag Leichtbier und anschließend vollwertiges Bier ausgeschenkt werden dürfte. Doch die Stadt Leinefelde als Inhaberin des Platzes machte der Behörde einen Strich durch die Rechnung und beharrte auf einem Alkoholverbot.

Als Reaktion darauf kündigte die NPD Eichsfeld einen Aufmarsch parallel zum „Eichsfeldtag“ an. Die Resonanz war verhalten: Nur 29 Neonazis reihten sich in der prallen Sonne den Aufmarsch ein und mussten etwa 45 Minuten warten, bis die Lautsprecheranlage ihren Dienst tat. Auch sonst waren die Aktivitäten der Neonazis auf dem Sportplatzgelände von einem regen Treiben weit entfernt. Seit Beginn wird das Rechtsrock-Event in Leinfelde unter dem Deckmantel einer „politischen Veranstaltung“ angemeldet, weshalb zwischen den angekündigten Bands auch Redner ans Mikrophon treten müssen. Diese Gelegenheit ergriffen unter anderem der Vertreter der NPD im Europaparlament und frühere Bundesvorsitzende Udo Voigt, Landogart alias Schulz und der NPD-Bundesorganisationsleiter Sebastian Schmidtke.

Ermittlungen wegen Nötigung von Pressevertretern

Auch die Rechtsrock-Bands „Faust“, die 1995 in Hessen gegründet worden waren, und „Brigade 88“ aus Thüringen mit personellen Überschneidungen mit der Band „Randgruppe Deutsch“ konnten den Platz mit ihren Auftritten nicht füllen. Dies gelang auch der 1995 gegründeten Band „Oidoxie“ um den Sänger Marko Gottschalk nicht, obwohl sie in der Szene deutlich bekannter sind als die beiden anderen Formationen. „Oidoxie“ und Gottschalk gelten als eng mit dem in Deutschland verbotenen „Blood&Honur“-Netzwerk (B&H) verstrickt, Gottschalk gilt als ein Kader des bewaffneten Arms von B&H „Combat 18“.

Am Ende des Tages spricht die Polizei von 130 Teilnehmern des Rechtsrock-Events und von zwei „Hitlergrüßen“. Außerdem werde wegen des „Verdachts der Nötigung zum Nachteil eines Pressevertreters“ ermittelt. Immer wieder kam es beim „Eichsfeldtag“ zu Behinderungen von Pressevertretern, sie wurden von Neonazis körperlich bedrängt, die auch in die Kameras griffen. Medienbeauftragter der NPD war offenbar Gianluca B., der sich demnächst vor Gericht wegen des Angriffs auf zwei Journalisten im April 2018 verantworten muss.

Die Attacke der zwei Neonazis war von Thorsten Heises Haus in Fretterode ausgegangen, einer der angegriffenen Journalisten erlitt Schädelverletzungen. Bei dem zweiten Beschuldigten soll es sich um Heises Sohn handeln, der sich zurzeit in der Schweiz aufhält. Ob der „Eichsfeldtag“ auch im kommenden Jahr auf dem Sportplatz in Leinefelde stattfindet, scheint fraglich. Immerhin liegt das Gelände im Bereich der fünften Thüringer Landesgartenschau, die Leinfelde-Worbis 2024 ausrichtet. Für die Vorbereitung der Schau sollen schon bald die Baumaßnahmen beginnen.

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