Brauner Spuk in Dresden

Rund 2000 Neonazis waren zum „Trauermarsch“ in die Elbmetropole gekommen, darunter die NPD-Landtagsfraktionen aus Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern – die Abschlusskundgebung ging dann allerdings ohne einen Großteil der Demonstranten über die Bühne.

Dienstag, 14. Februar 2012
Andrea Röpke

Einigkeit sieht anders aus. Die Gräben, die sich durch die bundesdeutsche Neonazi-Szene ziehen, scheinen tiefer als bisher eingeräumt. Insbesondere beim alljährlichen „Gedenkmarsch“ zur Bombardierung Dresdens am 13. Februar waren die Differenzen kaum übersehbar. Schon im Vorfeld hatte sich die seit Jahren einladende Junge Landsmannschaft Ostdeutschland aus der Organisation zurückgezogen. Auch Burschenschafter mobilisierten nicht zu der Kultveranstaltung. Dafür übernahm der Freie Nationalist Maik Müller und ein „Aktionsbündnis gegen das Vergessen“ aus Dresden, scheinbar unabhängig von der NPD-Führung unter Holger Apfel, die Anmeldung.

Doch nur vorgeblich hielt sich die sächsische NPD-Fraktion aus der Organisation des Marsches heraus, so waren die beiden Redner des Abends beide Parteifunktionäre: Eckart Bräuniger und Olaf Rose. Mit dem Parteikarrieristen Maik Scheffler aus Delitzsch überließ die Apfel-Truppe einem vertrauten Aktivisten und Drahtzieher des als militant geltenden „Freien Netzes“ die Bühnenmoderation.

Führende „Autonome“ bleiben fern

Doch wenig geschlossen wirkte der Auftritt der Bundespartei. Unter den rund 2000 teilnehmenden Neonazis beim diesjährigen Fackelmarsch waren außer den fast vollständigen Landtagsfraktionen aus Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern nur wenige westliche Kader wie unter anderem Hans-Joachim Voss aus Hamm/Unna oder der schleswig-holsteinische Wahlkämpfer Jörn Lemke. Obwohl augenscheinlich vor allem Vertreter des wohl eher radikalen Parteilagers anreisten, unter ihnen auch der ehemalige Söldner und Bankräuber Alexander Neidlein aus Baden-Württemberg oder die Parteichefs aus Hamburg, blieben einige führende „Autonome Nationalisten“ fern.

Nicht nur der distanzierte NPD-Umgang mit dem inhaftierten potenziellen NSU-Unterstützer und ehemaligen stellvertretenden thüringischen Partei-Chef Ralf Wohlleben, sondern auch der Ausschluss radikaler Redner wie Axel Reitz und Martin Wiese hatte Holger Apfel wenig Sympathien innerhalb dieser Szene eingebracht.  Zudem rumort es intern nicht nur im niedersächsischen Landesverband. Auch in Ostsachsen drohen NPD-Mitglieder wohl mit einem Ausstieg aus der Partei.

Erwartungsgemäß zeigten sich aus Bayern nur der wieder aktive „Fränkische Heimatschutz Coburg“, von der dortigen Führung  des „Freien Netzes“ um Norman Bordin oder Matthias Fischer  war niemand vor Ort. Obwohl bei Twitter oder Facebook noch thüringische Nazis wie Thomas Gerlach oder Andre Kapke engagiert mit einem Schäfchenbutton „Freiheit für Wolle“ posten, nutzte kaum einer aus deren Reihen den Aufmarsch. Offene Solidaritätsbezeugungen waren nicht erwünscht, obwohl Ralf Wohlleben früher zum Umfeld auch um Apfel zählte. Einzig ein kleiner Block Getreuer aus Südthüringen reiste nach Dresden an.

Kameraden mit peinlichen „Jogginghosen“ unauffällig eingereiht

Der parteitreue „Ring Nationaler Frauen“ (RNF) ließ sich von den Stadträtinnen Katrin Köhler und Antje Hiekisch sowie der einzigen weiblichen NPD-Landtagsabgeordneten Gitta Schüßler und der unermüdlichen völkischen Chefin Edda Schmidt vertreten. Ansonsten waren eher wenige junge Frauen anwesend. Vom historischen Motto des Aufmarsches angezogen, beteiligten sich dagegen zahlreiche ältere Personen.

Es dauerte einige Zeit, bis die Polizei Neonazi-Teilnehmer als geeignete Ordnungskräfte zuließ. Unter der Aufsicht von Tommy Naumann und Andy Knape waren die dann sichtlich damit beschäftigt, wenigstens einen disziplinierten Anschein zu waren. Sechserreihen kamen anders als geplant nicht zustande. Bomberjacken-Anhänger wurden von der Ordnertruppe aussortiert, Betrunkene ermahnt oder herausgeholt, Zigaretten ausgetreten oder – wie es im extrem rechten „Thiazi-Forum“ lapidar heißt – Kameraden mit peinlichen „Jogginghosen“ unauffällig „in die Mitte“ eingereiht.

„Freiluftkäfig“ für die Aktivisten

Der neu gewählte Berliner NPD-Vorsitzende Sebastian Schmidtke, vormals emsiger Vertreter der Freien Nationalisten, rückte mit seiner großen Truppe nur zögerlich an. „Die Berliner zurück!“, lautete der Befehl und gehorsam sammelten sich die Anhänger zunächst vor dem abgelegenen großen Versammlungsplatz weit hinter dem Dresdner Hauptbahnhof.

Frühzeitig hatte sich herumgesprochen, dass aufgrund von Blockaden engagierter Nazigegner nur eine von der Polizeieinsatzleitung auf rund 1,5 Kilometer gekürzte Demo-Route genehmigt werden würde. Das brachte viele Neonazis nach den in den Anfangsjahren so erfolgreichen Aufmärschen mit über 7000 Teilnehmern in Rage. Rund 13 000 Menschen protestierten in der Altstadt gegen die Neonazis. Erstmalig war der NPD auch die Teilnahme an der öffentlichen Trauerfeier der Stadt Dresden auf dem Heidefriedhof verleidet worden.

Umso widerspenstiger begaben sich die Neonazis am Montag gegen 18.00 Uhr in den von der Polizei eigens errichteten „Freiluftkäfig“ aus Absperrgittern. Das zeigten Aktivisten um Dieter Riefling aus Niedersachsen, dem Rheinland-Block oder Chemitzer und Zwickauer Nationalisten um Patrick Fischer  offensichtlich.

Im Bekennervideo der Zwickauer Zelle aufgetaucht

Erst nach mehrmaliger Aufforderung durch die polizeilichen Einsatzkräfte ließ sich auch die unzufriedene Berliner Gruppe um Schmidtke dazu bewegen, hinter die Absperrung bis zur improvisierten Bühne vor zu rücken. Die Fäden schien dabei auch der polizeibekannte völkische Neonazi Lutz Giesen zu ziehen. Giesen, der im Sommer ein Lager in Schweden mit dem Nordischen Hilfswerk durchführte und Kameraden dort das Überleben im Gelände beigebracht haben soll, fiel zuletzt auf, als ein Redebeitrag von ihm während einer Demonstration in Skandinavien unter der Bezeichnung „Geisen“ im Bekennervideo der terroristischen Zwickauer Zelle auftauchte. Scheinbar gefiel dem mörderischen Trio der Auftritt des in Mecklenburg-Vorpommern ansässigen Neonazis.

Zuletzt folgte dann die große Anhängerschar aus Mecklenburg-Vorpommern unter der Aufsicht der Brüder Marko und Tino Müller aus Ueckermünde auf das Versammlungsgelände. Eingereiht hatte sich auch NPD-Fraktionschef Udo Pastörs mit seinem Parteigefolge. Diese Gruppe war es dann wohl auch, die später, etwa auf halber Strecke, den langen Aufzug durch die dunklen Dresdner Straßen spaltete. Während der vordere Teil um die sächsische NPD gegen 20.00 Uhr bereits wieder zurück zum Kundgebungsplatz am Busbahnhof an der Ammonstraße kehrte, blieb der hintere Teil des Aufmarsches einfach stehen und riss damit den  Zug auseinander. Mit der Verweigerung wollten sie ihre Wut über die verkürzte Strecke aufzeigen.

„Standblockade“ von aufgebrachten Kameraden

Schnell vermummten sich immer mehr Neonazis und skandierten, entgegen dem Motto des braunen „Trauermarschs“, lauthals Parolen wie „Frei, Sozial und National“. Während ein Großteil der Kameraden von der „Standblockade“ wenig mitbekam, eilte Anmelder Maik Müller herbei, um zu beschwichtigen, wie Beobachter aus den Reihen der „Leipziger Internet-Zeitung“ berichteten. Wortgefechte seien entbrannt und der Organisationsleitung wurde von aufgebrachten Kameraden vorgehalten,  man sei keine „Hammelherde“ und alle „würden doch eh schon über sie lachen“.

Zum gleichen Zeitpunkt begann die Abschlusskundgebung mit dem ersten Redner, NPD-Bundesvorstandsmitglied Eckart Bräuniger. Er wetterte gegen die Dresdener Protestbewegung als „sittlich minderwertige Gestalten“, sprach von „Umerziehung“ und titulierte die Sieger des Zweiten Weltkrieges als die wahren „Kriegsverbrecher“.  Während ein Trompeter die Melodie von „Ich hatt’ einen Kameraden“ spielte und ein Polizeihubschrauber laut über dem Platz kreiste, ertönten über die Lautsprecheranlage Sätze vom tapferen deutschen Frontsoldaten, der im „sechsjährigen Ringen“ nur Volk und Reich beschützt hätte. Gegenüber dem „wahnsinnigen Bomben-Terrorkrieg“ der Alliierten wäre der  jedoch machtlos gewesen.

„Erhebliche Beeinträchtigungen wegen äußerer Umstände“

Auch NPD-Redner Olaf Rose gab sich wütend, er wetterte gegen das „Gewaltgesindel in einfältiger Kooperation“ mit „Kirchen und Gutmenschen“. In Richtung des sächsischen Ministerpräsidenten Stanislav Tillich bezeichnete Rose es als „unsäglich“, wenn ein „Sorbe, der sich gern als Sachse ausgibt“, die nationalen Marschierer verunglimpfen würde. Daraufhin spannte ein Neonazi-Redner den Bogen gar zum fanatischen NS-Propagandaminister Joseph Goebbels und warnte, Tillich solle sich hüten,  über Goebbels „ein falsches Wort zu verlieren“.  Ohnehin fehle ihm dessen „Eleganz“.

Während sich gegen 20.45 Uhr am 13. Februar der offizielle braune Spuk hinter dem Hauptbahnhof der Elbmetropole langsam lichtete, erreichten die letzten braunen Blöcke eskortiert von der Polizei erst den Platz. Sie fanden ihn fast verlassen vor. Die Veranstaltung war ohne einen Großteil ihrer Teilnehmer über die Bühne gegangen.

Von einem Erfolg mögen außer der NPD denn auch die meisten Neonazis nicht reden. „Es würde schwer werden“, hieß es bereits im Vorfeld, denn „äußere Umstände“ hätten zu „erheblichen Beeinträchtigungen“ geführt. Scheinheilig war davon die Rede, dass man keinen „nationalen Massenevent mehr verfolgt“, sondern eher eine „angemessene Form des Gedenkens“ für 2012 gesucht habe. Offene Worte waren zunächst bei aller scheinheiligen Allianz nicht gewählt worden.  Die fallen jetzt wohl umso härter in den anonymen Neonazi-Foren im Internet.

 

Kategorien
Tags