Brauner Spuk in der Domstadt

Rund 300 Neonazis demonstrierten am vergangenen Samstag in Münster – der bunte Protest Tausender empörter Bürgerinnen und Bürgern zeigte ihnen deutlich, dass sie unerwünscht waren.

Montag, 05. März 2012
Andrea Röpke

Westdeutschland Naziland“ skandierten die über 300 Neonazis, als sie am Samstag durch die Wohnstraßen im Norden der westfälischen Domstadt Münster marschierten. Immer wieder schrieen sie auch Parolen wie: „Kriminelle Ausländer – raus, raus, raus – und der Rest? Auch!“ Oder brachten sich mit „Nie wieder Krieg – nach unserem Sieg!“, „Nationaler Sozialismus bis zum Tod“ oder „Ruhm und Ehre der deutschen Nation“ in Stimmung.

Angeführt wurden sie von dem verurteilten Hammer Neonazi Sascha Krolzig, der in Bielefeld Rechtswissenschaften studieren soll. Unterstützung bekam Krolzig vor allem von Christian Worch, der in Parchim lebt, Sven Skoda und Dieter Riefling. Die NPD war nicht sichtbar vertreten. Es gab weder Banner noch Abzeichen der Partei. Hans-Joachim Voss, Vorsitzender des NPD-Kreisverbands Unna-Hamm, der die „Autonomen Nationalisten“ (AN) offen unterstützt, reihte sich mit einigen älteren Männern hinten an.

Ein Transparent mit der Aufschrift „Freies Netz Kreis Unna“ zeigte den Anschluss der regionalen Kameradschaften an das expandierende, zunehmend parteikritische „Freie Netz“ aus Sachsen. Hamburger Neonazis um Steffen Holthusen warben für den „4. Tag der deutschen Jugend“ im Juni in der Hansestadt. Auch Holthusen gilt als  radikaler Neonazi-Anführer, der das Parteiamt im Sinne des „Freien Netzes“ nutzt. „Bock auf Revolution“ zeigten die Teilnehmer des „Aktionsbündnis Nordfranken“. Einen „Black Block“ mit anderen bildeten der „Nationale Widerstand AG Rems-Murr“ sowie mecklenburg-vorpommersche Neonazis mit dem Tranparent „NS Rostock“. Der „Freie Widerstand Oberhausen“ hatte in Frakturschrift  „Wir kämpfen für unsere Zukunft – Damals wie heute“  auf sein Banner geschrieben. Hinzu kamen die „Nationalen Sozialisten Niederlande“ mit ihrem Hitler-Double Stefan Wijkamp sowie Anhänger von „Westfalen Nord“ und aus der berüchtigten Neonazi-Szene in Dortmund-Dorstfeld. Eine andere Gruppe nannte sich „Vereinigte Kameradschaft Deutschland“ (VKD), als Symbole zierten eine Krone und das eiserne Kreuz ihr Logo.

Die „schwarze Sonne“ in Pink

Viele junge Rechte aus Nordrhein-Westfallen erschienen eher als Pop-Nazis mit bunten Caps und großen modischen Sonnenbrillen. „Veganism – Love, Respect, Compassion“ stand an einem ihrer Rucksäcke oder: „Nein zu Tierversuchen!“ Schwarz-weiß-rote Fahnen wurden geschwenkt, auch von einigen jungen Frauen. Eine davon trug die „schwarze Sonne“, Symbol der SS, in Pink an einer Tasche mit Strasssteinchen und Schmetterlingen.

Das Motto des braunen Spuks lautete: „Für eine deutsche Zukunft – Freiheit und Selbstbestimmung“. Massenhafte Protestplakate, singende und tanzende Gruppen von Anwohnern und einige Sitzbockaden säumten den Weg der Neonazis. Tausende empörter Schüler, Studenten und Bürger ließen die Rechten spüren, dass sie in Münster nicht erwünscht waren. Zu den Kundgebungen verbarrikadierten die Neonazis sich zu einem völlig geschlossenen Kreis. Pressevertreter wurden weggeschubst, unter den Augen der Polizei bedroht oder mit Schildern an ihrer Arbeit gehindert. Einige der besonders aggressiven jungen Neonazis versuchten auch immer wieder, in Kameraobjektive zu schlagen. Die Stimmung war immer wieder kurz aufgeheizt.

„Gutmenschenmafia und ihre Kettenhunde“

Insbesondere als an einer Ecke Obst in die Neonazi-Reihen flog, kam es fast zu einem Ausbruch. Das Einsatzkommando der Polizei setzte bereits Helme auf, da versuchte Christian Worch, die Lage zu entschärfen. „Anti-Antifa“-Photografen dokumentierten die Gesichter von Gegendemonstranten. Eine Neonazi-Anhängerin, die sich mit Pressevertretern unterhalten wollte, wurde sofort unsanft von Kameraden weggedrängt. Auf die Frage nach den Verbrechen der NSU gab es entweder eisiges Schweigen oder nur den monotonen Spruch: „Wir reden nicht mit der Presse“.

Ein Redner, als „Martin aus Münster“ vorgestellt“, wetterte für deutsche Interessen. Paul Breuer entschuldigte seinen erkrankten Freund Axel Reitz und verlas dessen Grußworte. Es war von der „Gutmenschen-Mafia und ihren antifaschistischen Kettenhunden“  die Rede und der Meinung, die Neonazi-Demo sei „politischer Sprengstoff in der roten Hochburg.“ Auch der mehrfach verurteilte Dieter Riefling aus Hildesheim empörte sich gegen „Dreck und Abschaum“ in Münster. Der 43-Jährige verkündete: „Die deutsche Jugend lässt sich nicht aufhalten auf dem Weg zum Sieg einer Idee, deren Zeit schon längst gekommen ist.“

Konfrontiert mit dem mächtigen Protest der Münsteraner Bevölkerung, versuchten sich die Neonazis Mut zu machen. 1998 seien sie mit „weitaus weniger Leuten als heute“ vor Ort gewesen. „Heute sind wir deutlich mehr geworden“ beschwor Redner Sven Skoda. Er würdigte das „deutsche Blut“ und den nationalen Kampf. Einige „junge Volksgenossen“ versuchten sich als Redner: „Wir sind ganz kurz vorm Ausrasten“, hieß es. Auch sie schimpften über „Speichellecker der Globalisierung“ und forderten als „einzige Antwort“ eine homogene  „deutsche Volksgemeinschaft“.

„Im nächsten Jahr kommen alle wieder“

Während die Fußgängerzone in der Innenstadt von Münster von überlebensgroßen Portraits der zehn ermordeten Opfer des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) als Mahnung gesäumt wurde, fiel der Protest am Rand des Neonazi-Aufmarsches sehr bunt aus. Kinder hielten selbst gemalte Plakate in die Luft. Überall in den Fenstern und auf Balkonen zeigten sich empörte Menschen.

Ausgerechnet Dortmunder Teilnehmer des Neonazi-Aufmarsches regten sich darüber auf, dass ein Anwohner ein Kleinkind auf dem Arm hielt. Er solle sich schämen, schrieen sie und „Wie faschistoid kann man sein, dass man so was seinem Kind antut?“ Ein makabres Schauspiel: Denn nicht zuletzt in den militanten braunen Reihen wird der Nachwuchs immer früher in die rechtsextreme „Erlebniswelt“ involviert. Bei Facebook oder anderen sozialen Netzwerken häufen sich die Photos stolzer rechter Eltern mit Kindern beim Hitlergruß oder in soldatischer Uniform.

Zum Abschluss spielten die extrem rechten Organisatoren den Kölner Schlager: „Im nächsten Jahr kommen alle wieder, wieder hierher zurück“.

 

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