Brauner Schulterschluss in Jena

Am Tag der deutschen Einheit sind etwa 250 Neonazis durch Jena marschiert. Es war seit langer Zeit der erste rechtsextreme Aufmarsch in der Universitätsstadt in Thüringen.

Dienstag, 06. Oktober 2015
Kai Budler

Jena ist für Neonazis in Thüringen seit langem ein rotes Tuch – immer wieder scheiterten sie bei Aufmarschversuchen dort an Protesten, Gegendemonstrationen und Blockaden. Erst im Juni standen 112 Neonazis, die dem Aufruf des Holocaustleugner-Netzwerkes „Europäische Aktion“ (EA) gefolgt waren, etwa1800 Gegendemonstranten gegenüber. Die Neonazis mussten unverrichteter Dinge wieder abziehen. Neben der EA und ihrem Gebietsleiter Axel Schlimper mobilisierten jetzt auch die Kleinstpartei „Die Rechte“ (DR) und das rechtsextreme Netzwerk „Thüringen gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Thügida) zum Aufmarsch am 3. Oktober in Jena. Das Motto: „Einheit ist unsere Stärke und ihre Angst“. Um diese Einheit zu verdeutlichen, posierten auf einem Bild im Vorfeld nebeneinander Michel Fischer für DR, David Köckert für Thügida und Schlimper für die EA.

Doch etwa 2500 Nazigegner sorgten am Tag der deutschen Einheit dafür, dass der Aufmarsch in der Innenstadt von Jena erst mit erheblicher Verspätung beginnen konnte. Dazu gehörten Blockaden von Bahnsteigen, auf denen Neonazis erwartet wurden sowie eine Blockade auf der geplanten Route kurz vor dem Auftaktort, an der sich auch Jenas Oberbürgermeister Albrecht Schröter beteiligte. Standen dort anfangs noch nur rund 50 Neonazis, erhöhte sich deren Zahl schlagartig, als etwa 150 Personen hinzu stießen. Sie hatten sich an einem etwa sieben Kilometer entfernten Bahnhof getroffen und waren geschlossen zum Sammelpunkt am Paradiesbahnhof gereist. Darunter waren unter anderem Aktivisten aus Bayern, Niedersachsen Sachsen und Sachsen-Anhalt.

Photojournalisten handgreiflich bedroht

Aus Erfurt reisten Neonazis aus der jüngst gegründeten Gruppierung „Kollektiv 56“ nach Jena. Diese wird für einen Überfall in der Landeshauptstadt nach dem letzten AfD-Aufzug verantwortlich gemacht. Die Neonazis mussten allerdings auf eines von ihren zwei Transparenten verzichten. Das rote Banner mit der Aufschrift „Blut und Öl. Ein Gesicht USrael“ und einem stilisierten Vampir mit einem Davidstern als Eckzahn durfte während des Aufmarschs nicht mitgeführt werden. Auch der als Lautsprecherwagen vorgesehene Pritschenwagen von Axel Schlimper steckte noch stundenlang in einer Blockade fest und konnte die braune Demonstration nicht mehr erreichen.

Statt der geplanten drei zeitlich versetzten Aufmärsche auf derselben Route zogen die rund 200 Neonazis zusammen eine etwa halbstündige Runde zurück zum Auftaktort, wo die Abschlusskundgebung stattfand. Bereits zu Beginn hatte ein Journalist leichte Verletzungen erlitten, als ihm die Kamera aus der Hand geschlagen wurde. Und beim Abschluss zeigte sich die Aggression gegenüber der verhassten „Lügenpresse“ erneut: Unter den Augen der Polizei bedrohten Neonazis um den Bamberger DR-Aktivisten Andreas G. Photojournalisten handgreiflich, drängten sie zurück und kündigten ihnen „die Schläge deines Lebens“ an.

Neonazis erhöhen die Taktzahl ihrer Aufmärsche

Die Liste der Redner zeigt, dass die Neonazis aus den verschiedenen Spektren in Thüringen auf ein Zweckbündnis setzen, um die steigenden Flüchtlingszahlen für sich zu nutzen. Für „Thügida“ sprachen David Köckert, der gleichzeitig als Organisationsleiter des NPD-Landesverbandes fungiert, Robert Köcher von der Tarninitiative „Wir lieben Ostthüringen“, der vorher beim „Freien Netz Kahla“ aktiv war, und der ursprünglich aus Kassel stammende Peter P., der dort bereits 2007 mit Aktionen für den „Bund für das Deutsche Reich“ von sich reden gemacht hatte. Der jüngst gegründete Thüringer DR-Landesverband schickte den verurteilten Neonazi Michel Fischer ans Mikrofon, außerdem redeten Alexander Kurth vom Landesverband Sachsen und Johannes Welge von DR aus Hildesheim. Als siebter Redner trat Ulrich Pätzold aus Bayern ans Mikrofon, der noch 2009 bei der Bundestagswahl für die NPD im Erzgebirgskreis kandidiert hatte und mittlerweile im „Freundeskreis Udo Voigt“ aktiv ist.

Die Neonazis feierten ihren Aufmarsch als Erfolg, obwohl ihre Anzahl die durchschnittliche Teilnehmerzahl bei den „Thügida“-Aufmärschen nicht überschritt. Ob die von Köckert angekündigten wöchentlichen Aufmärsche in Jena wirklich stattfinden, scheint angesichts der Ressourcen der rechtsextremen Szene fraglich.

Denn die Neonazis in Thüringen erhöhen die Taktzahl ihrer Aufmärsche augenblicklich stetig. Ebenfalls am 3. Oktober zogen durch Nordhausen 100 Neonazis zum „Tag der patriotischen Einheit“, zu dem die „German Defence League“ und die extrem rechte Gruppierung „Ndg.ge.Sa“ mobilisiert hatte. Bereits am Vortag hatte die NPD einen Aufmarsch mit rund 300 Teilnehmern in Rudolstadt organisiert. Am gestrigen Montag beteiligten sich etwa 250 Personen an einem NPD-Aufmarsch im nordthüringischen Sondershausen. Ein Ende der rechtsextremen Mobilisierung ist vorerst nicht in Sicht.

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