Brauner Schulterschluss bedingt harmonisch

In Neuruppin versuchen die neonazistischen Konkurrenz-Parteien „Die Rechte“ und „Der III. Weg“ einen gemeinsamen Auftritt auch mit Vertretern der NPD. Blockaden setzen der Inszenierung ein Ende.

Montag, 08. Juni 2015
Andrea Röpke

„Wir stehen heute hier, um dem System den Kampf anzusagen“, brüllt Maik Eminger ins Mikrophon. Der untersetzte Mann mit Kinnbart, Tattoos und Sonnenbrille liest seine Rede vom Zettel ab. Neben ihm steht Glatzkopf Karl-Heinz Statzberger, ein verurteilter Rechtsterrorist aus Bayern. Beide sind aktiv in der als äußerst militant geltenden Partei „Der III. Weg“, die gerade vom Süden in Richtung Nordosten expandieren möchte und in Brandenburg bereits Fuß gefasst hat. Gemeinsam mit den gewaltbereiten Anhängern von „Die Rechte“ Dortmund scheinen sie die Organisation des „Tags der deutschen Zukunft“ (TddZ) in Neuruppin weitestgehend an sich genommen zu haben. Vordergründig geht es um „Überfremdung“ – hinter den Kulissen allerdings wohl eher um die Zukunft radikaler Parteienstrukturen.

Es ist der Versuch, über die Parteigrenzen hinweg, das rechte Lager zu bündeln. Etwa 600 Neonazis sind angereist. Doch nur wenige führende Parteiaktivisten sind dem Szenemagneten „TddZ“ trotz monatelanger, bundesweiter Vorbereitungen gefolgt. Bekannte Gesichter von der NPD sind der Landtagsabgeordnete aus Mecklenburg-Vorpommern Stefan Köster und sein Mitarbeiter Torgej Klingebiel, der Berliner NPD-Chef Sebastian Schmidtke sowie der Brandenburger NPDler Klaus Beier. Der Neuruppiner NPD-Stadtverordnete Dave Trick fungiert als Anmelder. Die Jungen Nationaldemokraten (JN) werden vom Hardliner und Brandenburger Landeschef Pierre Dornbrach vertreten. Die JN tritt in Neuruppin zwar massiv auf, doch wichtige Kader um Sebastian Richter haben den NPD-kritischen TddZ seit Jahren gemieden.

Gegen eine „Nivellierung der Rassen“

Richtige Harmonie mag auch zwischen den Vertretern der „Rechten“ und des „III. Wegs“ augenscheinlich nicht aufkommen. Einzig Aggression und Hassgesänge einigen den Aufzug. Von sieben Rednern treten die meisten nicht an, die Organisation scheint nicht zu funktionieren. Traditionelle Organisatoren des in Hildesheim gegründeten TddZ sind nicht zu entdecken, Solidarität mit dem zur Zeit noch inhaftierten Mitbegründer Dieter Riefling scheint kein Thema. Aus Niedersachsen sind nur wenige Anhänger gekommen, einzig ein paar Bremer Anhänger von „Die Rechte“ waren vor Ort. 

Beatrice Koch von den „Freien Kräften Neuruppin/Oberhavel“ übernahm die Redebeiträge für die regionalen Mitwirkenden. Die Rothaarige mit der Kranzfrisur trat selbstbewusst auf, verteidigte die Verehrung des Dichters Theodor Fontane mit dem Spruch: „Wir sind keine billigen Fontane-Groupies, sondern mögen einfach seine Heimatverbundenheit.“ Lautstark plädierte sie gegen eine „Nivellierung der Rassen“ und kündigte an,  zur Not werde sie das Reizwort „Rasse“ auch singen. Koch heizte den „werten Mitstreitern“ ein, sie schrie: „.Auch wenn wir heute weder das Regime stürzen, Adolf Hitler nicht aufersteht und sich die Asylanten nicht in Luft auflösen, können wir ein Zeichen setzen: ...Nationaler Sozialismus!“

Dominanz der „III. Weg“-Organisatoren

Ein paar ältere Neonazis wie Thomas Wulff, Steffen Holthusen aus Hamburg oder Uwe Meenen blieben unscheinbar. Den Anklang wie früher fanden sie nicht. Dortmunder Neonazis wie Michael Brück, Alexander Deptolla oder Christoph Drewer verließen immer wieder mit ihren Anhängern den Zug und streuten sich in Richtung Gegendemonstranten. Die Polizei ließ  sie weitestgehend gewähren. Drewer trug ein „Israel ist scheiße“-Shirt, andere Neonazis wollten „den Zionismus bekämpfen“ oder sich laut Bekenntnis auf ihrer Kleidung mit „Palästina solidarisieren“. Etwa ein Drittel der Anwesenden trug einheitliche rote TddZ-Shirts. Maschinengewehre, Handgranaten oder die typischen „Combat 18“-Bekenntnisse gab es an diesem Tag weniger zu sehen. Obwohl beim TddZ die militanten Strukturen aus Nordrhein-Westfalen traditionell stark vertreten sind, fiel diesmal auf, dass Anführer wie Sven Skoda oder Paul Breuer fehlten. Vielleicht war die Dominanz der „III. Weg“-Organisatoren um Maik Eminger nicht allen recht?

Ein Mann forderte auf seinem Shirt „Freiheit für Horst Mahler“, ein anderer warb für den „Freundeskreis Gefangenenhilfe“. Besonders aggressiv gegenüber Medienvertretern traten Anhänger einer „Division Sachsen“ auf, die sich offensiv und in unmittelbarer Sichtweite der Einsatzkräfte der Polizei zunächst vermummten und sich dann wild aufspielten. Weitere schwarz gekleidete Neonazis vertraten „Divisionen“ aus Sachsen-Anhalt und Brandenburg.

Unter den bekannteren Frauen der Szene waren die Berlinerin Gesine Schrader, ehemals Hennrich, die nun zum Landesvorstand der „Rechten“ gehört, sowie Manuela Kokott aus Brandenburg. Die „Freien Kräfte Königs Wusterhausen“ fanden sich mit einem Transparent am Lautsprecherwagen ein. Der ehemalige führende Aktivist der „Autonomen Nationalisten“ in Berlin, Steve Hennig, war ebenso vertreten wie der NPD-Vorsitzende aus Pankow, Christian Schmidt. Aus dem eher völkischen Lager der Szene waren Andrew Stelter und Sebastian Dahl vor Ort. Mit auffälliger Silberkette um den Hals begrüßte der unter dem Pseudonym „Villain 051“ bekannte Rapper Patrick Killat die Kameraden mit Handschlag. Die Musik kam an diesem Tag allerdings aus der Konserve, Live-Auftritte gab es nicht.

Inszenierte Einheit wenig glaubwürdig

Auch Hauptredner Maik Eminger wirkte schlecht vorbereitet. Zunächst versuchte er es mit einzelnen Sätzen als Mitmach-Animateur, etwas später las er seinen Redebeitrag dann vom Zettel ab. Eminger, dessen Bruder als mutmaßlicher Unterstützer des für zehn Morde verantwortlich gemachten  „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) vor dem Oberlandesgericht in München angeklagt ist, machte keinen Hehl aus seinem Fremdenhass. Er schwadronierte von „Fremden, die hier nicht hingehören“ und von Deutschen, die durch ihr Blut zu einer „Schicksalsgemeinschaft“ würden. Immer wieder sagte der Mann aus dem Erzgebirge, der seit Jahren in Brandenburg lebt, dem „System“ den Kampf an.

In Neuruppin wurde zwar die gemeinsame „Volksgemeinschaft“ gepredigt, aber die inszenierte Einheit wirkte wenig glaubwürdig. Die Zusammenkunft vor allem zwischen den ehrgeizigen Vertretern von „Die Rechte“ und „Der III. Weg“ kam unstimmig rüber, die NPD wirkte gar antiquiert. Vor allem die Bayern Karl-Heinz Statzberger und Matthias Fischer wirkten im Hintergrund.  Der ehemalige führende Fürther Neonazi Fischer gehörte zahlreichen radikalen Gruppierungen an, unter anderem der „Fränkischen Aktionsfront“ und zuletzt dem „Freien Netz Süd“. Inzwischen ist er ins brandenburgische Angermünde umgezogen und gilt neben Tony Gentsch als einer der wichtigsten Initiatoren des „III. Wegs“.

Dem Neonazi-Spuk Grenzen aufgezeigt

Die NPD schwächelt bundesweit und sogar in Mecklenburg-Vorpommern. Ein NPD-Verbot könnte womöglich näher rücken. Beobachter erwarten den Versuch einer Expansion der neuen radikalen Parteien auch über die Hoheitsgrenzen der NPD-Bastion im Nordosten hinweg. Das würde erklären, warum  zahlreiche radikale Kräfte unter anderem aus Vorpommern nicht ins nahe Neuruppin fuhren. Einige Sympathisanten aus Mecklenburg-Vorpommern hat „Der III. Weg“ allerdings längst. Vertreter einer Dreiländerkameradschaft reisten aus Wismar an sowie die „Nationalen Sozialisten Müritz“ und Anhänger einer „Aktionsgruppe Nord-Ost“.

An diesem Samstag gelang es dem TddZ-Aufzug erstmalig nicht, die beabsichtigte Strecke zu laufen. Die Neonazis kamen nur etwa einen Kilometer weit. Dann war eine der Blockaden so stark, dass die Polizei sie zur Umkehr aufforderte. Die Neonazis weigerten sich zunächst, drohten verbal und ließen sich von den Sicherheitskräften einkesseln. Vorübergehend war unklar, was deren Organisatoren in brütender Hitze unternehmen wollten. Es gab einige Durchhalteparolen und kurze Kampfansagen wie von Pierre Dornbrach.  Anders als unter Dieter Riefling fehlte dem diesjährigen TddZ der allgegenwärtige Wortführer. Der Versuch eines überparteilichen Zusammenwirkens schien deren Dynamik völlig auszubremsen. Die Versammlung wurde aufgelöst und die Neonazis wurden zum Bahnhof zurückgeleitet.

Etwa 1400 Gegendemonstranten ist es gelungen, dem braunen Spuk Grenzen aufzuzeigen. Später werden die Organisatoren die „Überfremdungskampagne“ des TddZ 2015 als Erfolg werten, weniger den Aufzug. „Dass dort nicht alles wie geplant lief, ist wohl offensichtlich“, heißt es vorsichtig. Doch von einer Niederlage wolle man auch nicht reden.

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