Brauner O-Ton

Mehr als 400 Neonazis kamen am 1. Mai zu einer Demonstration der Worch-Partei „Die Rechte“ nach Dortmund – Neonazismus pur.

Donnerstag, 02. Mai 2013
Tomas Sager

Als Siegfried Borchardt spricht, kennt die Begeisterung seines Publikums kaum noch Grenzen. Eigentlich beherrschen Neonazis zwei Tonlagen: eine verbal ungeschminkte für die internen Runden; eine – strafrechtlich möglichst nicht angreifbare – für Auftritte unter den Augen und Ohren der Öffentlichkeit. Doch rhetorische Zurückhaltung ist nicht die Sache von „SS-Siggi“ Borchardt, der in den frühen 80er Jahren begann, den Aufbau von Neonazistrukturen im Ruhrgebiet zu betreiben, und seit dem vorigen Herbst als Kreisvorsitzender von Christian Worchs Partei „Die Rechte“ in Dortmund fungiert.

Die Partei hat am 1. Mai zum „Aufmarsch“ in die Stadt im Revier gerufen. Mehr als 400 Neonazis sind gekommen. „Ich weiß, ihr hättet natürlich lieber Dr. Robert Ley heute hier gesehen“, ruft Borchardt ihnen zu. Ley, einer der fanatischsten Antisemiten des „Dritten Reiches“ und Leiter der „Deutschen Arbeitsfront“ (DAF) ist aber seit 57 Jahren tot. Also verspricht Borchardt, er selbst werde an diesem Tag sein „Bestes“ geben. Das tut der vielfach vorbestrafte Neonazi dann auch und bettelt quasi um eine weitere Strafanzeige, als er den früheren nordrhein-westfälischen DGB-Chef und jetzigen Sozial- und Integrationsminister Guntram Schneider eine „fette, verlogene Mistsau“ nennt.

Ohne taktische Zurückhaltung

Taktische Zurückhaltung ist auch nicht die Sache jener Neonazis, die die Spitze des Demonstrationszuges bilden. „Wir putzen unsre Stiefel mit dem Blut der Antifa“, brüllen sie, „Deutschland den Deutschen – Ausländer raus“, „Für die Rasse in den Tod“ und „Arbeit, Freiheit, Recht und Brot – Nationaler Sozialismus bis zum Tod“. „Die Rechte“-Parteichef Christian Worch schreitet dagegen nicht erkennbar ein, achtet lediglich darauf, dass der unter schwarz-weiß-roten Fahnen laufende braune Tross nicht von seiner Route abweicht, um Gegendemonstranten anzugreifen. Das militante Potenzial ist vorhanden: Beinahe bruchlos hat „Die Rechte“ in der Ruhrgebietsstadt die Nachfolge der verbotenen Neonazi-Organisation „Nationaler Widerstand Dortmund“ angetreten.

„Nazi“ genannt zu werden, werte er nicht als Beschimpfung, versichert der niedersächsische Neonazi Dieter Riefling seinen Zuhörern – den „Deutschen Volksgenossen und Volksgenossinnen“, wie er sie donnernd begrüßt hat. Hitler wird bei ihm zum Chef der „letzten von einem souveränen Volk frei gewählten Regierung“. Wie Borchardt ist Riefling seit den 80er Jahren in der Szene aktiv. Der 1. Mai sei „ein nationaler Feiertag“, „unser Feiertag“, bläut er seinen Zuhörern ein. Die Gewerkschaften seien „Arbeiterverräter“. Was sie in den letzten Jahrzehnten getan haben, fragt er rhetorisch und gibt als Antwort: „Randaliert haben sie am 1. Mai, jahrzehnte- und jahrhundertelang, blutige Opfer haben sie gefordert, jahrzehnte- und jahrhundertelang.“ Die sozialen Errungenschaften seien hingegen den Nazis zu verdanken. Und sie haben, folgt man Rieflings kruder Logik, noch mehr geschafft: „Wer hat denn die KdF-Schiffe damals gebaut und so heutzutage dafür gesorgt, dass zum Beispiel Mallorca zum 17. Bundesland erklärt wurde? Wer hat denn als erstes die Balearen angefahren?“ Riefling fragt sein Publikum: „Das waren die...?“, und er bekommt die Antwort: „Nazis!“

Auf NPD nicht gut zu sprechen

„Über 1500 nationale Sozialisten“ seien an diesem Tag auf der Straße, übertrieb Riefling und meinte die Teilnehmerzahl der nicht von der NPD organisierten Demonstrationen in Dortmund, Würzburg und Erfurt, die tatsächlich bei insgesamt knapp 1100 gelegen haben dürfte. Die Veranstaltungen der NPD in Berlin und Hessen erwähnt er nicht. Speziell auf deren Vorsitzenden Holger Apfel ist man bei der „Rechten“ und bei „parteifreien“ Neonazis nicht gut zu sprechen. Dennoch sind einzelne NPDler in Dortmund mit dabei: Thorsten Heise etwa, der stellvertretende Landesvorsitzende aus Thüringen, dem die Parteispitze einen Auftritt als Redner untersagt hatte, oder Hans Jochen Voß, Mitglied im NRW-Landesvorstand und Kreisvorsitzender für Unna und Hamm.

Dennis Giemsch, führender „Kopf“ der Rechts-„Autonomen“ in Dortmund und NRW-Landesvorsitzender von „Die Rechte“, bittet derweil unterwegs um Unterstützungsunterschriften für die Bundestagswahl. 2000 muss die Partei bis Mitte Juli vorlegen, um in Nordrhein-Westfalen mit einer Liste antreten zu können. 820 sind nach Angaben der Partei bisher zusammengekommen. Dass die Neonazi-Partei an dieser Hürde für die Zulassung zur Wahl scheitert, ist nicht ausgeschlossen.

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