Brauner „Kulturverein“

Geheimes Neonazi-Zentrum in Oberösterreich wurde enttarnt – mit dabei sind auch Aktivisten vom „Freien Netz Süd“.

Dienstag, 10. August 2010
Marcel Brecht

Ein zentrales Herzstück der Neonazi-Szene in Oberösterreich ist aufgeflogen: Amtsbekannte Kadergrößen und rechtsextremer Nachwuchs haben einen Bauernhof zu einem fixen Treff mit Partys und internationalen Konzerten umgebaut. Mit dabei: Aktivisten der „Freien Kräfte“ Niederbayern. Die grenzüberschreitende Kameradschaft zählt im Kern rund 30 Leute, zusammen mit Sympathisanten und Unterstützern sind es weit über 200.

Doppelt dreist: Die Truppe hat sich auf dem elterlichen Hof von Stefan Ruzowizky eingenistet. Der Regisseur hatte 2009 für den Film „Die Fälscher“, der die Gräuel der NS-Zeit und der Konzentrationslager thematisiert, einen Oscar bekommen. Zudem hat die Gruppe ihren Treff im März dieses Jahres als „Kulturverein“ eintragen lassen. Der Name: „OBJEKT 21“ – nach der Adresse Windern 21, Desselbrunn.

„Schwarze Sonne“ als riesige Feuerstelle

Seit Mitte 2009 erschuf sich die Gruppe hier eine von der Wirklichkeit abgeschottete, völkisch-mystische Erlebniswelt. Überdimensionale Szenen aus nordischen Sagen, Wikingerkrieger und ihre Gottheiten, zieren die Wände. Ein Blickfang: die mit germanischen Runen verzierte Bar – darunter die in Deutschland verbotene Tyr-Rune, die als Symbol für Kampf und Krieg von SA und HJ getragen wurde. Auch Odal-Rune („Blut und Boden“) oder Wolfsangel sind zu finden. Und natürlich sind die Räume mit Devotionalien aus der Zeit des Dritten Reiches geschmückt, mit Bildern, Flaggen, Reichsadlern mit Hakenkreuz.

Der absolute Höhepunkt dieses Reigens an dumpfer Symbolik: die riesige Feuerstelle im Garten. Den Untergrund bildet eine gewaltige „Schwarze Sonne“, jenes zwölfspeichige Rad, das in der NS-Esoterik eine zentrale Rolle als „Zeichen arischer Größe“ spielte. Längst wird auch Merchandising betrieben, darunter T-Shirts mit dem Schriftzug „OBJEKT21“. Hier hat man auch mit Größen für Kinder ab zwei Jahren an den Nachwuchs gedacht.

„Kampfverband Oberdonau“

Betrieben und geführt wird dieses „nordische Universum“ von einschlägigen Neonazi-Größen. Prominente Leitfigur: Jürgen W. Der 26-Jährige machte bereits als Anführer des „Kampfverbandes Oberdonau“ (Anm: Name Oberösterreichs im Dritten Reich) von sich reden. Zusammen mit einigen Aktivisten wurde er wegen NS-Wiederbetätigung verurteilt, W. tritt in Kürze eine Haftstrafe von 28 Monaten an. Auch seine Kampfgenossen erhielten Haft- oder Bewährungsstrafen – was sie nicht davon abhält, sich bei „OBJEKT 21“ einzubringen.

Mit dabei sind unter den Aktivisten neben dem einen oder anderen FPÖ-Jungpolitiker auch mindestens drei junge Männer, die dem deutschen Staatsschutz als Teil des „Freien Netz Süd“ – explizit als Aktivisten des „Nationalen Bündnisses Niederbayerns“ bekannt sind.

Verhindertes Konzert mit „Kategorie C“

Der offizielle Obmann des Vereins, Manuel S., stand laut Auskunft des Verfassungsschutzes bereits wegen Wiederbetätigung vor Gericht, ein weiteres Verfahren sei am Laufen. Stellvertreter Alexander M. wiederum ist der – verhinderte – Veranstalter eines Konzerts der Hooliganband „Kategorie C“. Das Event wurde im Mai beziehungsweise Juni durch Druck der Behörden in Bayern verhindert. Ausweichversuche nach Salzburg und Oberösterreich scheiterten.

Dafür gab im OBJEKT 21 andere Auftritte: So ist „Liedermacherin Isi“ aus Wien, die schon im Zusammenhang mit der „Heimattreuen Deutschen Jugend“ auffiel, hier Dauergast. Und auch thüringische „Barden“ fanden – laut offizieller Einladung im Thiazi Forum – den Weg nach Windern 21.

„OBJEKT 21“ steht auf der Abschussliste

Doch die Tage des Treffs sind gezählt: Noch versucht Regisseur Ruzowitzky allein, die unliebsamen Mieter loszuwerden. Für eine Kündigung bräuchte es aber eine strafrechtliche Grundlage. Doch bei einem inoffiziellen Gespräch mit den Behörden kam der Tipp, nicht auf die Mühlen der Justiz zu vertrauen, sondern mietrechtlich Druck zumachen. Zwar bezahlte die Truppe sofort, als sie von den Anstrengungen Wind bekam, ausstehende Miete und Kaution. Aber jetzt könnten die eigenen Konzerte den Kameraden den Hals brechen: Es wird geprüft, ob sie gewerberechtlich einen Verstoß darstellen könnten und damit Grund für einen Rauswurf wären.

Doch Druck kommt nun auch Druck von anderer Seite. Seitdem der Fall ein prominentes Gesicht hat, beschränken sich die Ordnungshüter nicht mehr nur aufs Beobachten. Seit Mitte Juli stimmen Justiz und Exekutive wöchentlich das weitere Vorgehen ab, das „OBJEKT 21“ steht bei Verfassungsschutz und der Staatsanwaltschaft Wels auf der Abschussliste.

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