Braune Scharfmacher

Mit jährlichen „Volkstod“-Demonstrationen soll im östlichen Ruhrgebiet offenbar ein fester Termin im Kalender der Neonazi-Szene etabliert werden.

Dienstag, 27. September 2011
Tomas Sager

Vier Wochen nach dem Aufmarsch zum „Nationalen Antikriegstag“ in Dortmund plant die regionale Neonazi-Szene im 40 Kilometer entfernten Hamm eine weitere Demonstration. Geht es bei den alljährlichen Veranstaltungen in Dortmund vor allem um eine Glorifizierung der nationalsozialistischen Außen- und Kriegspolitik, so stehen in Hamm rassistische Parolen im Vordergrund. Das Motto der für den 1. Oktober angekündigten Demonstration: „Den deutschen Volkstod stoppen! Wir lassen uns nicht BRDigen!“

In ihrem Demo-Aufruf wettern die Veranstalter aus der „Nationalen und Sozialistischen Kameradschaft Hamm“ unter anderem gegen die Zuwanderung „volks- und kulturfremder Ausländer“ und den „vietnamesischstämmigen Wirtschaftsminister Philipp Rösler“. Die etablierten Politiker steuerten „unser Land wissentlich und scheinbar unaufhaltsam dem deutschen Volkstod entgegen“, schreiben die Neonazis, die ihrerseits „ein artgemäßes Leben führen und dadurch den Gedanken der Volksgemeinschaft verwirklichen“ wollen.

„Kampf gegen das System bis aufs Blut“

Vermutet wird in der 180.000 Einwohner zählenden Stadt am Ostrand des Ruhrgebiets, dass die örtlichen Neonazis dort mit jährlichen „Volkstod“-Demonstrationen einen festen Termin im Kalender der Szene etablieren wollen, ähnlich wie es ihren „Kameraden“ in Dortmund mit deren „Antikriegstags“-Veranstaltung gelungen ist. Im vorigen Jahr waren unter dem Motto „Das System bringt uns den Volkstod – Freie Völker statt freie Grenzen“ rund 230 Neonazis gekommen, um unter anderem dem seit mehr als 30 Jahren in der Szene aktiven Hartmut Wostupatsch zu lauschen, der gegen einen Untergang der weißen Rasse wetterte. „Kampf gegen das System bis aufs Blut, bis aufs Messer – bis dieses Scheißsystem endlich zerschlagen wird!“, gab er als Parole aus.

In diesem Jahr sollen unter anderem Arnulf Priem, Axel Reitz und Manfred Breidbach für die scharfmacherischen Töne sorgen. Eine „illustre“ Rednertruppe: Der Berliner „Nazi-Rocker“ Priem ist unter anderem wegen der „Bildung eines bewaffneten Haufens“ vorbestraft; Reitz, der bei Demonstrationen der Szene in Nordrhein-Westfalen und darüber hinaus regelmäßig als Redner agiert, saß nach antisemitischen Tiraden bei einer Demo in Bochum wegen Volksverhetzung ein; Breidbach schließlich darf aktuell als einer der „Vormänner“ des offen bekennend neonazistischen Flügels innerhalb der NRW-NPD gelten.“

„Eine entartete Skulptur“ beschädigt

Bei einem Aufmarsch im Oktober 2010 in Velbert warnte Breidbach vor einer „Rassenmischung“ und forderte sein Publikum dazu auf, es solle „bis aufs Blut gegen die Überfremdung kämpfen“ und so „unsere Rasse vor dem Untergang bewahren“. Bei einem Aufmarsch im Januar in Wuppertal bejubelte ihn sein Publikum wegen seiner durch und durch antisemitischen Sprüche. Noch einmal knapp drei Monate später trat er bei einer Demonstration der Szene in Stolberg auf und ließ dort wissen, eines Tages werde Deutschland „im Glanze brennender Moscheen“ erstrahlen.

Logistische Unterstützung – vom Lautsprecherfahrzeug bis zu den schwarz-weiß-roten Fahnen – erhielten die Hammer Neonazis im vorigen Jahr von ihren „Kameraden“ aus Dortmund. An ihnen orientieren sie sich auch bei der Vorbereitung ihrer aktuellen Demonstration. Zum Beispiel mit „Aktionswochen“ im Vorfeld der Demo. Sie starteten Mitte September. Geplant sind unter anderem Verteilaktionen und Infostände.

„Hamm ist seit 1933 unsere Stadt“, tönte einer der Hammer Neonazis bei der Demonstration vor einem Jahr. Auch mit ihren (Allmachts-)Fantasien sind sich die „Kameradschaft Hamm“ und die Rechts-„Autonomen“ aus der Nachbarschaft, die seit Jahren mit der Parole „Dortmund ist unsere Stadt“ unterwegs sind, sehr ähnlich. Und wie die Neonazis in Dortmund, so neigen auch die in Hamm zum „Spiel“ mit verbaler oder ganz handfester Militanz. Nicht immer geht es dabei direkt um Politik. Als vor zweieinhalb Wochen mitten in der Stadt ein Kunstwerk beschädigt wurde – nach Ansicht der Kameradschaft „eine entartete Skulptur“ –, hieß es anschließend auf deren Internetseite, die unbekannten Täter hätten damit einen „Akt von Zivilcourage“ gezeigt.

Sozialdemokraten als bevorzugtes Feindbild

Ein Hass, der es nicht nur bei Parolen belässt, richtet sich gegen demokratische Parteien, denen die Neonazis vorhalten, „widernatürliche Ideologie-Gebilde“ zu vertreten, während sie selbst nach der Maxime „Nationaler Sozialismus ist Naturgesetz!“ agieren. So waren im vergangenen Jahr und Anfang dieses Jahres die Räume der örtlichen Linkspartei immer wieder Ziel von Attacken. In einem Fall hieß es anschließend auf der Homepage, das Büro sei „Ziel des Volkszorns“ geworden.

Seit dem Sommer sind Sozialdemokraten offenbar das bevorzugte Feindbild. Im August stellten zwei Jungsozialisten Farbschmierereien in ihrem Umfeld fest. Unter anderem wurden Hakenkreuze, Drohungen und Beleidigungen auf Stromkästen und Laternen in der Nähe ihrer Wohnungen geschmiert und Autoreifen zerstochen. Ebenfalls im August wurden die Scheiben des SPD-Parteibüros eingeworfen. In der vorigen Woche konnte die Polizei zwei Männer aus der örtlichen Neonazi-Szene vorübergehend festnehmen, die vermutlich eine erneute Attacke auf das SPD-Büro planten. Große Bruchsteine lagen schon bereit.

 

Kategorien
Tags