Braune Hassmusik in der Scheune

Am kommenden Samstag soll im thüringischen Ilm-Kreis an nicht genau benanntem Ort das Rechtsrock-Spektakel „Thüringen rockt“ stattfinden – angekündigt sind Bands wie „Ex Umbra In Solem“, „N.A.P.O.L.A.“ sowie „Unbeliebte Jungs“ auch  „TreueOrden“ aus der Schweiz.

Mittwoch, 02. November 2016
Horst Freires

Die rechte Musikszene in Thüringen hat sich in den vergangenen Jahren zu einem wahren Hot-Spot entwickelt, egal ob es Open-Air-Acts sind, Rechtsrockveranstaltungen oder Liederabende in kleinerem Format. Am 5. November stehen die nächsten diesbezüglichen Termine an.

Insbesondere die so genannte „Erlebnisscheune“ in Kirchheim hat sich zu einer wahren Pilgerstätte der rechten Szene entwickelt, wenn es um Rechtsrock-Veranstaltungen geht. Nach Auskunft der Bundesregierung hat es von Oktober 2013 bis Juni 2016 dort mindestens 21 Konzerte gegeben, und die Liste wird nun nahtlos fortgeführt. Bereits am jetzt anstehenden Samstag wird es wohl wieder laut im Ilm-Kreis und speziell in besagter Scheune, die zu einem Hotelkomplex gehört und auch bereits NPD-Parteitagen als Örtlichkeit diente.

Ankündigungen im Internet machen seit längerem darauf aufmerksam, dass am 5. November unter dem Titel „Thüringen rockt“ Bands wie „Ex Umbra In Solem“, „N.A.P.O.L.A.“, „Unbeliebte Jungs“ und „TreueOrden“ (Schweiz) aufspielen sollen, dazu eine nicht genannte Überraschungsband. Der genaue Ort wird nicht genannt, doch Indizien sprechen für eine abermalige Veranstaltung in Kirchheim, etwa wenn für Kartenbestellungen eine Kontoverbindung einer Person angegeben wird, die bereits für ein Rechtsrock-Konzert im November 2015 als „Geldeinsammler“ fungierte. Er sitzt im Übrigen seit Dezember 2015 neben anderen Gesinnungsfreunden vor dem Landgericht Erfurt auf der Anklagebank, weil ihm eine Beteiligung an einem gewalttätigen Überfall im Februar 2014 auf eine Kirmesgruppe im kleinen Ort Ballstädt vorgehalten wird.

Finanzielle Unterstützung für die Angeklagten des Ballstädt-Verfahrens

Mit ihm müssen sich auch andere Angeklagte verantworten, die entweder selbst in Rechtsrock-Bands aktiv sind oder deren Umfeld zugeordnet werden können. (bnr.de berichtete) Ein Ende des teuren Mammutprozesses zeichnet sich noch nicht ab, die Kosten dafür sind immens. Mit zahlreichen Rechtsrock-Konzerten, gerade auch in Kirchheim, werden Beobachtern zufolge offenbar Finanzmittel gezielt für die Angeklagten des besagten Ballstädt-Verfahrens zusammengetragen. Es ist nicht auszuschließen, dass auch Gelder des großen Rechtsrock-Konzertes am 15. Oktober im schweizerischen Unterwasser (bnr.de berichtete) zur Unterstützung der Angeklagten abgezweigt werden, denen beim Nachweis einer Beteiligung an dem ausgeübten brutalen Überfall empfindliche Strafen drohen.

Recherchen über das Schweizer Konzert Mitte Oktober mit mehr als 5000 Besuchern lassen vermuten, dass es eine gezielte freundschaftliche Achse zwischen Neonazis in der Schweiz und Thüringen gibt, was wohl auch erklärt, dass gerade „TreueOrden“ in keinem anderen Bundesland so oft auftritt wie in Thüringen und dabei dann zum Teil auch auf dortige Musiker zurückgreift. Involviert in die freundschaftlichen Kontakte soll auch die Combo „S.K.D.“ sein, ein Kürzel, das für „Sonderkommando Dirlewanger“ steht, einer Rechtsrock-Band, die sich 2005 in Gotha formierte. Auch deren Kopf Thomas W. ist einer der derzeit Angeklagten in Erfurt. Für das Schweizer Konzert diente ein Konto von David H. aus Saalfeld als Zahlstelle. Konzertanmelder mit falschen Angaben war Matthias M., der inzwischen in einem Tattoo-Studio in Rapperswil arbeitet, aber ursprünglich aus der rechten Szene in Thüringen kommt.

In dessen unmittelbarer Nähe wohnt mit Kevin Gutmann der verurteilte Sänger der Schweizer Rechtsrock-Band „Amok“, die in Unterwasser aufgetreten ist. Gutmann, so wird gemutmaßt, sei einer der Drahtzieher der geheim vorbereiteten Großveranstaltung in Unterwasser gewesen, über die in Nachhinein immer mehr pikante Details bekannt werden. So soll etwa Michael Regener alias „Lunikoff“ aus Berlin, für einen Song auf die Bühne gestiegen sein. Gutmann werden enge Beziehungen zum „Blood&Honour“-Netzwerk nachgesagt, „Amok“-Auftritte unter dem B&H-Banner hat es jedenfalls bereits gegeben.

Indirekter Mordaufruf von „Erschiessungskommando“

Und noch ein weiteres aktuelles Vorkommnis lässt Schweizer wie deutsche Sicherheitsbehörden aufschrecken: Nicht nur, dass zwei neue Tonträger einer offenbar aus der Schweiz kommenden Band mit dem Namen „Erschiessungskommando“ beworben werden, über YouTube hat just diese Band einen darauf befindlichen Titel verbreitet, der quasi einem Mordaufruf gegen die im Kampf gegen Rechts besonders aktive Thüringer Landtagsabgeordnete der Linken, Katharina König, gleichkommt und gleich noch mit zur Tötung ihres Vaters, einem engagierten Pfarrer, auffordert. Welche Musiker genau hinter „Erschiessungskommando“ stecken, ist nicht bekannt. Denkbar ist, so wird spekuliert, dass es sich auch um ein deutsch-schweizerisches Gemeinschaftswerk handeln könnte. Der Titel der ersten neuen CD lautet „Sieg oder Tod“. Der dritte Track daraus trägt den Namen „Katharina König“. Weitere Titel heißen „Ab in den Ofen“ oder „Der Deutschen größter Sohn“ – also Anspielungen an einen zu glorifizierenden Nationalsozialismus.

Daneben gibt es ebenfalls noch das neue Album namens „Blut & Ehre“ – der Hinweis auf das seit 2000 in Deutschland verbotene Netzwerk „Blood&Honour“ liegt nahe. Tracks voller Hetze und Hassmusik dort heißen beispielsweise „Erschiessungskommando“, „88 Rock’n‘ Roll Band“, „An allem sind die Juden schuld“, „Ist uns doch egal, ob der Neger verreckt“ oder „Hail C18“. Letzterer Song ist damit ein Lobgesang auf den von der ursprünglich als Seitenzweig von der B&H-Bewegung agierenden, den bewaffneten Kampf propagierenden Aktionstruppe „Combat 18“. Downloads der Alben werden seit dem Unterwasser-Konzert am 15. Oktober online angeboten. Laut Ankündigung werden sie ohne ein Vertriebslabel selbst vermarktet. Es fällt auf, dass offenbar gar kein Versuch unternommen wurde, Titel und Texte ob strafbarer Aussagen zu prüfen oder gar „abzuschwächen“.

Liedermacher-Abend in Erfurt

Bereits 2013 hat „Erschiessungskommando“ über das US-Label Freivolk das Album „Todesmarsch“ veröffentlicht, das von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien kurz darauf wegen seiner Strafrelevanz auf den Index gesetzt wurde. Das lag an Titeln wie „Gaskammerlüge“, ein Coversong von „Kraftschlag“ oder die „Six Million Lies“, im Original von der Band „Stoneheads“. Und auf dem Album befindet sich mit „Wir sind Blood & Honour“ auch ein deutliches Bekenntnis, wohin man die Combo „Erschiessungskommando“ zuzuordnen hat. Mit dem Titel „Hängt sie auf!“ steht auf „Todesmarsch“ auch ein Stück, das ursprünglich von der Thüringer Band „S.K.D.“ stammt. Über strafrechtliche Ermittlungen wegen bestimmter Textaussagen aus dem 2013er-Album ist nie etwas bekannt geworden.

Unerwähnt bleiben darf hier auch nicht, dass im Internet mit versteckten Hinweisen dafür geworben wird, dass am 5. November in Erfurt ein Liedermacher-Abend steigen soll. In Kirchheim werden immer nur 200 Besucher eingelassen. Daher ist nicht auszuschließen, dass weitere rechte Szene-Aktivisten den Weg in Thüringens Hauptstadt einschlagen.

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