Braune „Bewegung“ sucht Einigkeit

Der 6. „Tag der deutschen Zukunft“ zeigt Verfallserscheinungen. Die Demonstration mit knapp über 400 Neonazis fand erstmals nicht mehr in Norddeutschland sondern in Dresden statt. Blockaden von Nazigegnern hielten sie aus der Innenstadt  fern.

Montag, 16. Juni 2014
Andrea Röpke

Der Marsch in Dresden sollte nicht nur ein „Symbol“ gegen „Überfremdung“ darstellen, sondern auch ein Signal für die Einigkeit der  „Bewegung“ sein.  Monatelang hatten die Organisatoren um Dieter Riefling und dem Dresdener Versammlungsleiter Maik Müller im zerklüfteten radikalen Lager dafür geworben, dass Anhänger der Freien Kräfte, aus den konkurrierenden Parteien NPD, „Die Rechte“ und „Der III. Weg“ gemeinsam beim so genannten „Tag der deutschen Zukunft“ auftreten.

Die Initiative hatte nur mäßigen Erfolg. Der NPD-Vorstand ließ sich am 7. Juni durch den ohnehin isoliert wirkenden stellvertretenden Vorsitzenden Karl Richter aus München vertreten. Hochrangige sächsische Parteivertreter überließen regionalen Mitgliedern die Teilnahme. Alexander Kurth von der NPD in Leipzig war mit Kamera und großem Teleobjektiv unterwegs. Der Dresdener Jens Baur, Mitarbeiter im sächsischen Landtag, fand sich ebenso wie die NPD-Kandidaten Sven Nobis (Jg. 1990), Dennis Schiller und Sascha Ehlig aus der Sächsischen Schweiz im Ortsteil Pieschen ein. Für „Die Rechte waren die Führungskader Christian Worch und Sven Skoda angereist, doch die Beteiligung der Truppe von Rhein und Ruhr war weitaus schwächer als in den Jahren zuvor. „Der III. Weg“ wurde von Rico Döhler, einem Vertreter vom „Stützpunkt Vogtland“ repräsentiert.

„Aufrechte Deutsche“ in Dresden

Kurzfristig war die Neonazi-Aufmarschroute geändert worden, sie führte nun nicht mehr in Richtung Dresdener Neustadt, sondern bis in die Wohngebiete des Ortsteils Trachau. Scheinbar um kurzfristigen Blockaden zu entgehen, drängten die Organisatoren zum Start. Die Besatzung eines Reisebusses der NPD Schleswig-Holstein um Daniel Nordhorn aus dem Landkreis Segeberg sowie eine kleine Hamburger Gruppe mit NPD-Landeschef Steffen Holthusen fand sich noch ein. Einer blondierten Zopfträgerin mit „Stahlgewitter“-Shirt wurde zunächst der Zugang verweigert, sie soll Abwehrspray mitgeführt haben.

Ein schwarzes Transparent mit homophobem Inhalt wurde entrollt: Unter der Überschrift „Deutschland braucht Zukunft“ waren drei bunte Buttons abgebildet, der rote zeigte zwei männliche Figuren nebeneinander, darunter  als Kommentar „krank“. Daneben ein gelber Kreis mit zwei Frauen und  „unnormal“. Den dritten Button schließlich zierte eine weibliche und eine männliche Figur sowie der Spruch „richtig“.  Unterschrieben war das Ganze mit dem Kürzel „ND.W.U.“

Mit einem großen Strohhut auf dem kahlen Kopf begrüßte Maik Müller in sengender Hitze die Anwesenden als „aufrechte Deutsche“, die sich über alle Parteigrenzen hinweg nach Dresden aufgemacht hätten. Internationale Grußworte sprachen Erik Lamprecht, Vorsitzender der „Dělnická mládež“ (DM), der Jugendorganisation der Arbeiterpartei für soziale Gerechtigkeit „Dělnická strana sociální spravedlnosti“ (DSSS) aus der Tschechischen Republik sowie ein Vertreter der „Nordischen Widerstandsbewegung“ in Finnland. Angekündigt wurden auch Aktivisten aus den Niederlanden, Großbritannien und Dänemark. Einige Neonazis trugen Solidaritäts-Parolen für die beiden in Griechenland ermordeten Anhänger der Neonazi-Partei „Chrysi Avgi“ (Goldenen Morgenröte).

„Deutsche Menschen tragen deutsche Gesichter“

Als erster Redner trat der jüngst wiedergewählte Münchner Stadtvertreter der NPD-Tarnorganisation „BI Ausländerstopp“ Karl Richter an. Im roten Hemd mit zerzausten Haaren zeigte sich Richter über die Einladung hocherfreut und fand Worte wie: „Lasst uns zusammenhalten, lasst uns  durchhalten, lasst uns kämpfen... bis auch wir in unserem Land das Sagen haben.“ Zum Motto des Tages „Überfremdung“ erklärte er, wie seiner Meinung nach das Land auszusehen habe: „Keine Maximalpigmentierten und andere Zuwanderer“ und ergänzte salbungsvoll „sondern deutsche Menschen, die deutsche Gesichter im Antlitz tragen“.

Ob Richter damit tatsächlich sein heterogenes, teils bis zur Halskrause zutätowiertes Dresdener Publikum gemeint hatte bleibt dahingestellt. Denn wenige Tage später, am 11. Juni, lästerte der NPD-Politiker mit Hang zu Militär und schönen Künsten dann bei Facebook: „Sag’ ich ja immer wieder – wir haben es mit Truppenteilen zu tun, mit denen wir es am 1. September nicht einmal bis zum polnischen Schlagbaum geschafft hätten ... es gehört viel Idealismus (oder erhebliche Idiotie) dazu, hier bei der Fahne zu bleiben. Bin mir manchmal nicht ganz sicher, welcher Beweggrund bei mir zutrifft.“

Nur wenige Neonazis schienen dem Inhalt von Richters Rede zu folgen. Ansonsten wäre der Beifall in Dresden wohl größer gewesen, als der Münchener Stadtrat eine gefährliche Anspielung fallen ließ: „Die Deutschen haben in der Geschichte immer besonders lange gebraucht, Entwicklungen nachzuvollziehen, die im europäischen Ausland längst eingesetzt hatten, aber wenn die Deutschen dann auf dem Plan erscheinen, dann machen sie vieles auch gründlicher und endgültiger als die anderen Völker in Europa.“

„Rasse, Volk, Nation und Sozialismus“

Eilig setzte sich der Demonstrationszug in Bewegung. Frauen trugen ein  rotes Transparent mit der Aufschrift: „Unseren deutschen Kindern eine deutsche Zukunft“. Die Kameradschaft „Weisse Wölfe Terrorcrew“ war mit neuer „Sektion“ aus Thüringen um Michael Fischer aus Weimar vertreten. Ihr Motto:  „Wir wollen leben – Zukunft statt EU-Wahn“. Aus Südniedersachsen und Hannover kamen Anhänger der „Kameradschaft Northeim“ und „Die Rechte Braunschweiger Land“. Andere Demonstrationsteilnehmer gehörten zu Gruppen aus Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Ohne die im Verhältnis starke Beteiligung aus Nordrhein-Westfalen wäre der braune Event wohl ein absoluter Flop gewesen.

So stand dem bis zum Januar 2014 fast zwei Jahre in Untersuchungshaft befindlichem Rheinländer Sven Skoda ein Großteil der Redezeit bei der Endkundgebung am Nachmittag zu. Skoda, Vorstandsmitglied der Worch-Partei „Die Rechte“ muss sich wegen der Unterstützung des als kriminell geltenden „Aktionsbüros Mittelrhein“ immer noch vor Gericht verantworten. Angereist war auch ein weiterer Mitangeklagter: Paul Breuer aus Köln.

Nachdem Dieter Riefling aus Hildesheim, einer der Erfinder des „Tags der deutschen Zukunft“, ein kurzes Statement abgab und die Anwesenden als „Elite“ pries, erhielt Skoda das Wort. Der Neonazi idealisierte: „Rasse, Volk, Nation und Sozialismus“ und propagierte dem Infoportal „Endstation Rechts“ zufolge den Ausbau von „Widerstandsnestern“. Skodas Radikalität scheint auch durch die Haftzeit nicht gebrochen. So meinte er wohl, in einer Stadt wie Dresden würden „30 entschlossene Männer reichen“, denen es egal sei, wie viele Leute sich ihnen in den Weg stellen. Mit diesen 30 Männern könne man jede Großstadt sprengen. Dort, wo der nationale Widerstand stehe, werde „nicht verhandelt, sondern nur gehandelt“.

Für die neue Kleinstpartei „Der III. Weg“, die sich aus ehemaligen fränkischen und sächsischen Aktivisten des „Freies Netzes“ zusammen setzt, sprach der Neonazi Rico Döhler vom „Stützpunkt Vogtland“. Neben ihm stellte sich ein Kamerad mit einer Fahne und dem Symbol der Partei auf. Auch der Franke Uwe Meenen, NPD-Funktionär in Berlin, begrüßte die von der Sonne geplagte Runde als „Mitstreiter der nationalen Sache“, mahnte deren Einigkeit an, um „gemeinsam zuzuschlagen“. Bevor sich die ungeduldig werdende verschwitzte Menge eilig auflöste, wurde vom Lautsprecherwagen das „Lied der Deutschen“ angestimmt. Mit den Zeilen „Von der Maas bis an die Memel … Deutschland, Deutschland über alles in der Welt“ verabschiedeten sich die Neonazis aus Dresden.

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