von Elmar Vieregge
   

Borussia Dortmund, der Rechtsextremismus und die Medien

Zukünftige Fans des BVB werden bei der Betrachtung der Vergangenheit das Jahr 2012 als ein sportlich ruhmreiches Jahr der Vereinsgeschichte bewerten. Andererseits wird sich der ein oder andere Anhänger an die kurveninternen Querelen über den Protest gegen das DFL-Sicherheitskonzept sowie an eine weitere Eintrübung erinnern: Der Entfaltung rechtsextremistischer Aktivitäten sowie deren Thematisierung durch die Medien. Ein Gastbeitrag.

Von der Borussenfront nach Dorstfeld

Rechtsextremismus in Dortmund und beim BVB ist kein neues Thema. Die Ruhrgebietsstadt ist seit Jahren das Zentrum der rechtsextremistischen Aktivitäten in Nordrhein-Westfalen. Obwohl sich in ihr schwerste Straftaten bis hin zu Morden ereigneten, war das Ausmaß dieses Problems dem Großteil der überregionalen Öffentlichkeit nicht bewusst. Zu diesen Verbrechen gehörten, dass ein Neonazi im Jahr 2000 drei Polizisten erschoss, einer seiner Gesinnungsgenossen 2005 einen Punker erstach und die Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) 2006 einen türkischstämmigen Kioskbetreiber ermordete.

Wer meint, dass es sich bei diesen Taten nur um eine Aneinanderreihung von tragischen Zufällen handelt, übersieht die Existenz einer traditionell bestehenden rechtextremistischen Szene in der Stadt. Bereits in den 1980er Jahren war in ihr die 1995 verbotene neonazistische „Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei“ (FAP) aktiv, die über den die örtliche NS-Szene prägenden Siegfried Borchardt Kontakte zur Anhängerschaft des BVB unterhielt. Diese bestanden insbesondere zu der von Borchardt geleiteten Hooligan-Truppe „Borussenfront“, die durch eine Kombination von extremistischer Ausrichtung und schlagkräftigen Auftritten bei Auswärtsspielen bundesweit Aufmerksamkeit erregte. Der unter dem bezeichnenden Spitznamen „SS-Siggi“ bekannte Neonazi ist bis heute aktiv und mitverantwortlich dafür, dass sich die rechtsextremistische Szene in der Ruhrgebietsstadt verfestigte. Deren Mitglieder treten seit einigen Jahren als „Autonome Nationalisten“ (AN) in Erscheinung und haben sich im Stadtteil Dorstfeld unter anderem durch die Bildung von Wohngemeinschaften eine Gegend geschaffen, in der sie ungewöhnlich handlungsfähig sind.

Von Dorstfeld zur Südtribüne

2012 kam es beim BVB im Jahresverlauf zu mehreren Vorfällen, die sich im Herbst bündelten. So zeigten Fans am 18. August während des DFB-Pokalspiels beim FC Oberneuland ein an einen verstorbenen Chemnitzer Rechtsextremisten erinnerndes Banner. Eine Woche später wurde am 23. August die rechtsextremistische Vereinigung „Nationaler Widerstand Dortmund“ (NWDO) verboten, begleitet von Hausdurchsuchungen, insbesondere im Stadtteil Dorstfeld. Bereits einen Tag später erfolgte eine Reaktion in der noch immer unter dem Traditionsnamen „Westfalenstadion“ bekannten Spielstätte. Auf ihrer den Kern der BVB-Fans beheimatenden, ca. 25.000 Personen fassenden Südtribühne erschien während des Spiels gegen Werder Bremen ein Banner mit der Aufschrift „Solidarität mit dem NWDO“. Wiederum nur eine Woche später präsentierten BVB-Anhänger in der 3. Liga während des Auswärtsspiels der zweiten Mannschaft bei Rot-Weiß Erfurt schwarz-weiß-rote Reichsfahnen, die Rechtsextremisten auch als Ersatz für die verbotene Hakenkreuzfahne einsetzen.

Von der Südtribühne in die Medien

Die wiederholten Vorfälle erregten ein gesteigertes Interesse der Öffentlichkeit. Nach der Präsentation des NWDO-Solidaritätstransparents berichteten zunächst regionale Medien. Diese thematisierten unter anderem die Ultra-Gruppe „Desperados“ sowie die Hooligan-Gruppe „Northside“ und bezifferten das auf der Südtribühne vorhandene rechtsextremistische Potential auf 60-80 Personen. Darüber hinaus bezeichnete der Rechtsextremismusexperte Olaf Sundermeyer die nun im Blickpunkt stehende „Süd“ in einem WDR-Fernsehbericht als „Rekrutierungsfläche“. Ein von ihm und dem ebenfalls durch Veröffentlichungen zum Rechtsextremismus bekannten Christoph Ruf mitverfasster Artikel im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ sorgte in der Folge für eine bundesweite Aufmerksamkeit. Den Höhepunkt erreichte die Berichterstattung mit einem in der ZDF-Sportreportage vom 16. Dezember gesendeten Beitrag des Sportjournalisten Thomas Wark. In dem ausgewogenen Bericht äußerten sich unterschiedliche Personen - vom Rechtsextremismusexperten bis zum Fanbeauftragten, vom Szene-Aussteiger bis zum Bürgermeister und von der Mitarbeiterin einer Opferberatungsstelle bis zum Vereinspräsidenten. Spätestens mit diesem Film gelangte das Thema in ganz Deutschland in das Bewusstsein vieler Fußballfans, Dafür sorgte dann auch die Januar-Ausgabe des Fußballmagazins „11 Freunde“ mit einem ausführlichen Artikel des Autorenteams Sundermeyer/Ruf.

Von den Medien in die Diskussion

Die Berichterstattung fiel durch einen im Grundsatz sachlichen Stil auf und regte nicht nur die bereits innerhalb der BVB-Anhängerschaft bestehende Diskussion an, sondern erzeugte einen großen Druck auf die Vereinsverantwortlichen. Diese stehen vor dem Problem, dass die Existenz rechtsextremistischer Fans eine nun weithin beachtete Tatsache ist. Andererseits ist der Rechtsextremismus ein gesellschaftliches Problem und es ist deshalb nicht verwunderlich, dass in einem ca. 80.000 Menschen beherbergenden Stadion auch Rechtsextremisten ihre Freizeit verbringen, wie sie es auch bei anderen Massenveranstaltungen tun, etwa bei Popkonzerten oder Volksfesten. Die Brisanz für Borussia Dortmund besteht jedoch darin, dass diese Personen im Stadion aktiv sind und der Verein aufgrund der jüngsten Vorfälle nicht den Eindruck erwecken kann, als täte er nichts. Dabei stellt sich für die Verantwortlichen die Frage nach einem angemessenen Umgang mit rechtsextremistischen Anhängern, denn sofern diese das Stadion lediglich als Fans besuchen, dürften nur begrenzte Handlungsmöglichkeiten bestehen. Zudem besteht die Gefahr, dass man Personen aus dem rechtsextremistischen Umfeld durch äußeren Druck in dem Glauben bestätigen könnte, allein aufgrund einer abweichenden Haltung bestraft zu werden und man dadurch deren feste Einbindung in die Szene fördern könnte. Andererseits muss sich der BVB um sein Ansehen sorgen, da die Gefahr einer dauerhaften Rufschädigung und damit des Werbewerts der „Marke“ Borussia Dortmund besteht. Zudem könnte es innerhalb der Fanszene zu Spannungen über einen angemessenen Umgang kommen, bis hin zu körperlichen Auseinandersetzungen zwischen Rechtsextremisten und politischen Gegnern.

Von der Diskussion zu …

Das Ausmaß des auf dem Verein lastenden Drucks zeigt sich dadurch, dass er bereits am 21. Dezember, also nur fünf Tage nach der Ausstrahlung des Sportreportage-Beitrags, eine umfassende Pressemitteilung veröffentlichte. Dabei ist der BVB nicht erst seit den Presseberichten aktiv, sondern hatte sich zuvor schon grundsätzlich gegen Rechtsextremismus gestellt, was sich auch in einer seit Jahren bestehenden Stadionordnung zeigt, die etwa das Tragen von bei Rechtsextremisten beliebten Kleidungsmarken untersagt. Vor diesem Hintergrund hatte der Verein bereits Anfang Oktober Stadionverbote gegen Personen ausgesprochen, die in Erfurt aufgefallen waren und ein bundesweites Stadionverbot gegen den für das NWDO-Spruchband verantwortlichen Rechtsextremisten erwirkt. Darüber hinaus kooperiert er in einem „Runden Tisch“ mit der Stadtverwaltung sowie mit der Polizei und beabsichtigt eine Erhöhung der Anzahl der auf der Südtribühne eingesetzten Ordner. Der Umgang mit dieser Herausforderung verdient eine anhaltende Aufmerksamkeit, denn aufgrund der Stärke der rechtextremistischen Szene in Dortmund und ihren öffentlichkeitswirksamen Auftritten beim Fußball ist der BVB längerfristig gefordert. Dabei dürfte das bei den Medien geweckte Interesse, insbesondere bei weiteren Vorfällen, dafür sorgen, dass die Problematik so schnell nicht in den Hintergrund treten wird.

Artikel zuerst bei fankultur.com erschienen
Fotos mit freundlicher Genehmigung von Elmar Vieregge zur Vergügung gestellt

Kommentare(5)

Peter Lückmann Donnerstag, 10.Januar 2013, 18:20 Uhr:
Wie im Bericht erwähnt,25.000 Fans in der Südkzrve-davon 60-80 der Naziszene zuzuordnen!
Von so einem Verhältnis kann Mensch in Hamburg,Kölln,Kaiserslautern,Rostock oder in Erfurt nur träumen.
Um nicht mißverstanden zu werden aufpassen und raus mit denen aus den Stadien!
Wir müssen es selber schaffen,auf Polizei und so weiter kann Mensch leider nicht bauen!
 
Roichi Donnerstag, 10.Januar 2013, 21:08 Uhr:
@ Peter

Dann musst du dir, bzw. ihr euch das aber auch ans Bein binden lassen, wenn solche Transparente gezeigt werden.
 
Amtsträger Freitag, 11.Januar 2013, 01:47 Uhr:
"Wir müssen es selber schaffen,auf Polizei und so weiter kann Mensch leider nicht bauen!"

Ganz besonders in der Südkurve nicht, wo gestandene udn ehrbare Bürger Schwerkriminelle schützen, nur weil diese das selbe Trikot tragen.

Wenn man für die Festnahme eines Täters, nach schwerer Körperverletzung, 2 Züge einer Hundertschaft braucht, weil Hinz und Kunz der Meinung sind, der habe ja nix gemacht, ist das ein trauriges Bild einer friedlichen Fangemeinschaft.
 
Mario Freitag, 18.Januar 2013, 17:44 Uhr:
Das „Solidarität mit dem NWDO“ Banner wurde nicht auf der Südtribüne gezeigt.
 
Amtsträger Samstag, 19.Januar 2013, 11:55 Uhr:
Lieber Mario,

ich war jetzt erst ein paar Mal im Stadion des BVB, aber in meinen Augen ist dies die Südtribüne:

http://sportbild.bild.de/SPORT/bundesliga/vereine/borussia-dortmund/2012/08/28/polizei-ermittelt/kein_20bock_20auf_20nazis.JPG__28278949__MBQF-1346160276,templateId=renderScaled,property=Bild,height=349.jpg

So sieht es auch der Spiegel, die Sport Bild und der BVB Vorstand.
 

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