Neonazis als „Presse“
Boom „alternativer“ und brauner Medienvertreter
Seit Jahren expandiert die Szene der rechts-„alternativen“ Medienaktivisten, Influencer und Journalisten. Selbst Neonazis agieren mittlerweile als Medienvertreter. Die Grenzen zwischen Verschwörungsideologen, dem Umfeld der AfD und Neonazis verschwimmen dabei.
Anfang November fand in Halle die rechte Buchmesse „Seitenwechsel“ statt. Die zuvor angekündigte Teilnahme des Neonazi-Strategieorgans „N.S. heute“ sorgte für Negativschlagzeilen. Die Zeitung und der Verlag von Sascha Krolzig wurden schließlich auf Intervention maßgeblich von Dieter Stein, Chefredakteur der „Jungen Freiheit“, ausgeschlossen. Damit wurde suggeriert, dass Neonazis unerwünscht seien.
Zugleich war das Magazin „Aufgewacht!“ aus dem Umfeld der rechtsextremen „Freien Sachsen“ als Aussteller und Berichterstatter vor Ort, etwa in Person des langjährigen Neonazi-Aktivisten Michael Brück. Der „Heimat“-Aktivist und frühere Parteifunktionär Sebastian Schmidtke war offenbar als Medienvertreter akkreditiert und führte Interviews mit Ausstellern und Teilnehmern.
YouTube statt Waffen
Gegen Sebastian Schmidtke liegt ein vorläufiges Waffenverbot vor. Er hat einen Online-Shop mit legalen Waffen betrieben und sich als Survival-Trainer präsentiert. Zuletzt streamte Schmidtke nicht nur extrem rechte Veranstaltungen, sondern filmte und streamte auch provokativ propalästinensische, linke oder antifaschistische Versammlungen. Er streamte auch von den Protesten gegen die Gründung der neuen AfD-Jugend in Gießen.
Im Oktober trat bei einer antifaschistischen Demonstration in Weiden (Oberpfalz) eine ganze Gruppe von Neonazi-Aktivisten um den rechtsextremen Aktivisten Patrick Schröder und das Grafik- und Mediennetzwerk „Balaclava Graphics“ als Medienvertreter in Erscheinung. Sie berichteten provokativ über die antifaschistische Versammlung. Vermeintlich journalistisch berichteten überdies die „Freien Sachsen“ kürzlich unter anderem auf ihrem Telegram-Kanal, dass sie vor einem „Hass-Marsch“ der Antifa im erzgebirgischen Schwarzenberg in der „Antifa-Kommandozentrale“ ein „Waffenlager“ entdeckt hätten.
„Waffenlager“ in Schwarzenberg
Als vermeintliche Journalisten hatten Vertreter der „Freien Sachsen“ ein linkes Zentrum durch eine offene Eingangstür betreten und in einer Art Vorraum eine Ansammlung kleiner Fahnen vorgefunden, die auch als Schlagstöcke benutzt werden können. Andere „Waffen“ wurden offenbar nicht vorgefunden oder gefilmt. Ein Antifaschist verwies die Rechtsextremen des Hauses. Vor dem Haus machte Michael Brück dann seinen Aufsager. Die Nachricht wurde breit geteilt und von anderen Formaten wie der „Deutschen Stimme“ und dem „identitären“ Magazin „Freilich“ aus Österreich aufgegriffen.
Die aktuelle Entwicklung, dass Rechtsextreme als Journalist und Medienaktivist mit Presseausweis auftreten, begann ungefähr vor 12 oder 13 Jahren, beispielsweise bei einem Neonazi-Aufmarsch in Aachen 2013. Für Irritationen unter den Polizeibeamten sorgten dabei die damaligen Führungskader der Partei „Die Rechte“, Sascha Krolzig und Brück (siehe oben), sowie zwei weitere Neonazis. Unter anderem wurden Gegendemonstranten fotografiert und provoziert. Als Polizisten das Quartett wieder in die neonazistische Kundgebung zurückdrängen wollten, wiesen sich alle vier mit Presseausweisen aus.
Pressevertreter in eigener Sache
Bei einem Prozess gegen Krolzig im Jahr 2023 hatte es den Anschein, dass der Angeklagte als Quasi-Medienvertreter die eigene PR-Aktion im Gerichtssaal selbst ablichtete. Schon vor rund zehn Jahren hatte bei einem Fachseminar ein Pressesprecher einer Behörde aus Nordrhein-Westfalen als Gastdozent die anwesenden hauptberuflichen Journalisten und Redakteure ironisch darauf hingewiesen, dass er auch über „Ihre Kollegen“ und deren Taktik berichten werde.
Der Mann schilderte daraufhin die Erfahrungen bei Pressestellen von Behörden mit Neonazis, die über einen amtlichen Presseausweis verfügten. Sie würden ab und zu Presseanfragen einreichen. Formal gesehen müssten diese oft beantwortet werden. Presseanfragen betrafen demnach auch Angelegenheiten von „Kameraden“. Behörden müssten nunmehr stetig abwägen, ob und wie sie antworteten, schilderte der Pressesprecher vor rund zehn Jahren schon.
Boom der Medienaktivisten
Einen Boom erlebte die Mischszene aus Medienaktivisten, Influencern und rechts-„alternativen“ Journalisten während der Proteste gegen die Corona-Maßnahmen und gegen das Impfen. Querdenker traten mit Presseausweisen auf, teils reguläre, teils selbst gestaltete. Für Aufsehen sorgte etwa der damalige „Volkslehrer“, der Rechtsextremist und Holocaustleugner Nikolai Nerling. Als YouTuber zeigte er einen selbst entworfenen Presseausweis vor. Er konnte 2020 einen Polizeisprecher interviewen, der AfD-Kommunalpolitiker und Streamer Sebastian Weber alias „Weichreite“ interviewte im März 2025 ebenso einen Polizeisprecher.
Die AfD-Fraktion im Bundestag hat in den letzten Jahren bei „Konferenzen der freien Medien“ oder ähnlichen Treffen wie dem „Alternativen Medienempfang“ eine Vernetzung mit rechts-„alternativen“ Medienaktivisten und Journalisten vorangetrieben. Nach einem „Alternativen Medienempfang“ hieß es auf dem Kanal „Politik im Fokus“ am 11. Juli etwa, der Betreiber habe „enorm gute Kontakte knüpfen können“ zwecks Kooperationen mit ähnlichen Formaten und AfD-Abgeordneten.
Vernetzung mit der AfD
Seitdem folgte auf dem Kanal „Politik im Fokus“ eine Flut an Videos mit AfD-Vertretern. Ende 2024 berichteten Medien darüber, dass der Szene-Aktivist „Björn Banane“ für einen Brandenburger AfD-Abgeordneten arbeitet und zugleich immer wieder wohlwollend über die AfD postete und streamte. Überdies fallen Streamer aus diesem Bereich wiederholt dadurch auf, dass sie Menschen aus antifaschistischen Gegenprotesten interviewen und vorführen wollen oder diese provozieren.
Ein rechts-„alternativer“ YouTuber vom Niederrhein, der regelmäßig von Demonstrationen berichtet hat, postete Ende November auf X über diese Taktik: „Livestreamer von Demos sollten sich in Grund & Boden schämen. Es geht nur noch um die Jagd nach der Sensation, um Provokation. Damit wird Kohle gemacht […] Und dann bezeichnet man sich noch als Journalist? Nein, ihr seid Clowns!“ Die Taktik der Provokation wurde unter anderem vom AfD-nahen Kanal „Weichreite“ quasi professionalisiert.
Behördenvertreter oder Politiker interviewen
Es ist nach wie vor auch beliebt, möglichst Behördenvertreter oder gar Politiker zu interviewen, um sich selbst als Journalist zu legitimieren und eine ausgewogene Berichterstattung zu suggerieren. So streamte der rechtsradikale und verschwörungsideologische Kanal „Patriot on Tour“ 2025 nicht nur die Proteste gegen die Karlspreis-Verleihung in Aachen. Im Livestream vom offiziellen „Karlspreis-Fest“ ließ sich später sogar die damalige Oberbürgermeisterin Sibylle Keupen (parteilos, aber den Grünen nahestehend) interviewen.
Indem sie sich am Rande der #Karlspreis-Verleihung unter Passanten & Medienvertreter mischte, konnte die rechtsradikale & verschwörungsideologische YouTuberin Yennyfer I. (▶️ kurzelinks.de/lef5) aus #Düren heute #Aachen|s Oberbürgermeisterin Sibylle Keupen kurz interviewen.
— Michael Klarmann (@klarmann.bsky.social) 29. Mai 2025 um 18:57
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Eine andere Art von „Journalismus“ bietet aktuell das „RedaktionsnetzwerkRechts“ um den AfD-nahen, rechtsextremen und „identitären“ Troll Patrick Kolek alias „Wuppi“. Das „Netzwerk“ will nach eigenen Angaben und Aussagen in Interviews Gegner „journalisieren“, gemeint ist damit „Outing“ und „Doxing“. Man kopiert dabei zum einen vage Jan Böhmermann, der in seinen Satireshows auch kritisch einordnend und kommentierend über gesellschaftliche Fehlentwicklungen journalistisch berichtet und rechtsextreme Aktivisten und Hetzer mit hoher Reichweite in den sozialen Netzwerken „geoutet“ hat.
Doxing als Geschäftsmodel
„Wuppi“ argumentierte zudem, dass antifaschistische Aktivisten als Journalisten arbeiten und rechte Aktivisten im Web bloßstellen würden. Das „RedaktionsnetzwerkRechts“ besteht aus rechtsextremen Trollen und Fakeprofilen, die anonym agieren, die indes wie „Wuppi“ teils der AfD nahestehen. Regelmäßig wird zudem um Spenden geworben, die die Arbeit des „RedaktionsnetzwerkRechts“ ermöglichen sollen.
Deutlich wird bei alldem, dass die diffus wirkende Mischszene längst keine Abgrenzung mehr kennt. „Alternative“, AfD-nahe und neonazistische Aktivisten kooperieren und vernetzen sich. Die Finanzierung erfolgt über Spendengelder und Kooperationen. Während man den „etablierten“ Medien finanzielle Verflechtungen mit Politik, Behörden, NGOs oder der Bundesregierung vorwirft, werden mit und im Umfeld der AfD Netzwerke aufgebaut und die Arbeit und Propaganda über solche Kooperationen finanziert.