Bombenbastler aufgeflogen

Funktionär der Jungen Nationaldemokraten in Baden-Württemberg hortet chemische Zutaten zur Sprengstoffherstellung und ein beachtliches Waffenarsenal.

Freitag, 28. August 2009
Andrea Röpke/Andreas Speit

Eine anonyme Anzeige verhinderte offenbar einen geplanten Anschlag. In Weil am Rhein sammelte der Stützpunktleiter der Jungen Nationaldemokraten Thomas Baumann chemische Zutaten für eine Bombe. Am Donnerstag nahm die Polizei den 22-jährigen NPD-Nachwuchskader fest. „Die Kollegen fanden verschiedenste Chemikalien, etliche Laborgerätschaften und auch selbstgebaute Geräte“, sagt ein Polizeisprecher. „Unsere Experten gehen davon aus, dass damit funktionsfähige Sprengsätze hergestellt werden können“, betont er.

Die Militanz von Baumann, der seit dem 13. Juni den „JN-Stützpunkt Lörrach“ leitet, war in der Szene nicht bloß ein Gerücht. Sein Mailname scheint Ansage: er nannte sich intern „Schattenmensch“. Die Kameraden kennen ihn als Waffenfreak, der auch die „Freien Kräfte Lörrach“ anführte. Bei seiner Festnahmen stellten die Beamten gleich Waffen sicher. „Er führte zwei Messer im Rucksack und eines im Gürtel mit sich“, sagt der Polizeisprecher. Der ehemalige Zeitsoldat wohnt noch im Haus seiner Eltern. Dort in der kleinen baden-württembergischen Gemeinde fanden die Ermittler ein „beachtliches Arsenal“. Neben den Chemikalien etliche Zündschnüre, unterschiedliche Laborgeräte, Bauteile für Rohrbomben, Material für Fernzünder, Fachliteratur zu Sprengstoff, listete die Polizei auf. „Nach bisherigen Erkenntnisse hatte sich der junge Mann seit Monaten Chemikalien in größeren Mengen beschafft“, erklärt der Polizeisprecher und betont: „In zwei bis vier Stunden hätte er etwas herstellen können, das mit einer Handgranate vergleichbar ist“. Aus Ermittlerkreisen heißt es aber auch: „damit kann man viel hochjagen“.

Mitglied im örtlichen Schützenverein

Baumann besaß unter anderem Kalkammonsalpeter, Wasserstoffperoxid, Schwefelsäure, Nitromethan und Calciumkarbid − chemisches Material mit dem auch Nitroglycerin und ANM, ein Mischsprengstoff stärker als Dynamit, hergestellt werden kann. Das Mitglied des JN-Landesvorstandes hortete zudem verschiedenste Waffen: ein Schweizer Sturmgewehr, mehrere Pistolen und zahlreiche Messer, Dolche und Bajonette. „Für eine scharfe Pistole, Kaliber 22, besitzt der Mann eine Waffenkarte“, sagt der Polizeisprecher. Der Grund: Baumann ist in einem Schützenverein. „Anders kann man nach den neuen Gesetzten auch kaum noch legal eine Waffe besitzen“ erläutert er.

Über die möglichen Ziele der Anschläge schweigt sich der angehende Altenpfleger aus. Zwei Jahre war er Zeitsoldat bei der Bundeswehr, wo er bei den Krisenreaktionskräften gewesen sein soll. „Es gibt Anhaltspunkte, dass als wahrscheinliches Anschlagsziel die Kreise der Freiburger Antifa in Frage kommen“, räumt aber der Leiter der Kriminalpolizei Lörrach, Engelbert Brüstle, ein. Gezielt soll Baumann Ausspionierungsversuche von Veranstaltungen, auch von der Gewerkschaft sowie Sammlung von „Feinddaten“ betrieben haben.

Kurzer Weg zwischen Rechtsextremismus und Rechtsterrorismus

Baumann war nicht alleine tätig. Auch scheint er bezüglich seines Chemie-Depots Mitwisser gehabt zu haben. Der Verdacht erhärtet sich, dass andere NPD- und JN-Mitglieder in Südbaden involviert sein könnten. „Bei der Beschaffung der benötigten Materialien bekam er tatkräftige Unterstützung vom Lörracher NPD-Chef Christoph Bauer, dessen Vater Chemiker ist“, heißt es. Stephan Braun, SPD-Landtagsabgeordneter in Stuttgart und Rechtsextremismusexperte, betont: dieser Fall zeige, „wie kurz der Weg zwischen Rechtsextremismus und Rechtsterrorismus ist“. Es sei auch ein Beispiel dafür, wie eng die NPD mit der Szene gewaltbereiter Rechtsextremer verwoben sei.

Bei den baden-württembergischen JN ist Baumann sehr aktiv. Nach der Teilnahme an Schulungen richtete er dann selbst welche aus. Er hielt Kontakt zu den Mitgliedern und umwarb Interessierte, plante Aufmärsche und Aktionen. In dem Bundesland hat sich die JN um den Landesvorsitzenden Lars Gold nicht bloß stabilisiert, sie gilt als besonders starker Verband und ist äußerst straff ausgerichtet. Anfang August sollte ein geheimes JN-Zeltlager im Raum Heilbronn stattfinden. In der Einladung hieß es unter anderem: „Gehst du nach vorn, Kamerad, ich gehe mit! (…) Und geht’s zum Sterben, ich bin dabei“.

Baumann biederte sich ehrgeizig bei Szenegrößen wie dem JN-Landesgeschäftsführer Alexander Neidlein an. Neidlein verfügt über eine äußerst militante Vergangenheit. Anfang der 90er Jahre verdingte er sich als Söldner in Kroatien und später in Südafrika. Bei einer Schießerei wurde einer seiner Kameraden getötet. 1993 überfiel der Neonazi mit anderen eine Bank in Lübeck und erhielt dafür eine mehrjährige Jugendstrafe. Nach der Haftentlassung konnte er als umtriebiger Drahtzieher im Hintergrund seinen Einfluss auch im Umfeld der NPD noch ausbauen.

Völkisch-militant ausgerichteter JN-Stützpunkt

Bundesweit haben die JN dem baden-württembergischen Verfassungsschutz zufolge an die 400 Mitglieder. In Baden-Württemberg verfügen sie alleine über 100 Anhänger, der Verband um Gold gibt allein 13 JN-Stützpunkte im Ländle an. Auf der JN-Bundeswebsite führen sie die Rubrik „JN vor Ort“ an. In der Nähe von Weikersheim soll die NPD-Nachwuchsriege eine Unterkunft betreiben, intern ist von Renovierung die Rede. Unter den Aktivisten des Landesvorstandes ist auch Sascha Jörg Schüler, der bereits 2005 an der „Schuloffensive“ der JN in Niedersachsen maßgeblich beteiligt war. Er soll enge Kontakte zum Umfeld der verbotenen „Heimattreuen Deutschen Jugend“ (HDJ) pflegen. Ebenso völkisch-militant ausgerichtet scheint auch dessen JN-Stützpunkt Hohenlohe in Künzelsau. Zu Zeltlagern müssen schwarze Hosen und weiße Hemden getragen werden, es gibt Heldengedenken, Morgenfeiern, rituelle Brauchtumsfeiern und Frühsport.

Nicht nur in Baden-Württemberg ist zu beobachten, dass Kader der Freien Kameradschaften sich der Parteijugendorganisation angeschlossen haben. Der JN-Bundesvorsitzende Michael Schäfer erklärte schon am Donnerstagnachmittag der „taz“: „Die Umfrageergebnisse bei den Wahlen scheint einige zu sorgen, dass jetzt solche Durchsuchungen stattfinden“. Auf der NPD-Website führt er später weiter aus, die Fakten seien dünn und beteuert, die JN und „ihre Mutterpartei NPD“ lehnten Gewalt in der politischen Auseinandersetzung ab. „Der Fall vom ‚Lebkuchenmesser’-Mannichel habe gezeigt“, so Schäfer, „wie die Medien genutzt“ würden, um gegen den „Nationalen Widerstand“ vorzugehen. „Also, ruhig Blut und die Fakten sprechen lassen“, gibt er die Linie vor. Auf dem NPD-Parteitag in Berlin am 4./5. April 2009 meinte er hinter geschlossenen Türen allerdings unter großem Applaus, die NPD solle als Wahlverein ein bürgerliches Image pflegen und die JN mit den Kameradschaften den Kiez der Linken und Ausländer „knacken“.

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