Blick in das Innere der braunen Szene

Der Journalist Thomas Kuban berichtet in seinem Buch „Blut muss fließen. Undercover unter Neonazis“ von seinen Recherchen mit versteckter Kamera in diesem Bereich des Rechtsextremismus: authentisch wirkend, aber auch subjektiv gehalten.

Freitag, 12. Oktober 2012
Armin Pfahl-Traughber

„Blut muss fließen“, so lauten drei Worte aus einem antisemitischen Lied der SA, das deren Angehörige bei Aufmärschen auf den Straßen laut brüllten. Danach folgt im Text „knüppelhageldick und wir scheißen auf die Freiheit dieser Judenrepublik“. Seit den 1990er Jahren gehört das Lied auch zum Standardrepertoire rechtsextremer Rockbands. Häufig wird es als Zugabe bei Konzerten gespielt und dort von den Anwesenden laut mitgesungen.

„Blut muss fließen“ lautet auch der Titel eines Buchs, das der freie Journalist Thomas Kuban jetzt veröffentlicht hat. Bei dem Namen handelt es sich um ein Pseudonym, betreibt der Autor doch verdeckte Recherche in der Neonazi- und Skinhead-Szene. Gut neun Jahre war er in diesem Lager des Rechtsextremismus mit der versteckten Kamera unterwegs. Einige Aufnahmen von Konzertbesuchen und Veranstaltungen konnte man im Fernsehmagazin „Spiegel-TV“ sehen. 2012 wurde ein ganzer Film über Kubans Recherchen auf der Berlinale ebenfalls unter dem Titel „Blut muss fließen. Undercover unter Nazis“ gezeigt.

In die „Bewegung“ eingeschleust

Das Buch von Kuban beschreibt aus persönlicher Sicht die verdeckte Arbeit. Als Begründung für dieses Vorgehen formuliert der Autor: „In konspirativen Strukturen der Neonazi-Szene ist das in offizieller Mission nicht möglich. Berichterstatter bekommen keinen Zutritt – und wenn im Einzelfall doch, dann präsentieren ihnen die Kader kein authentisches Bild von der Wirklichkeit. Um unzensierte Einblicke zu gewinnen, blieb mir nicht anders übrig, als mich in die Bewegung einzuschleusen“ (S. 8). Und so berichtet Kuban vor diesem Hintergrund von den unterschiedlichsten Erfahrungen: Es geht um die Band „Race War“, um Frauen im Rechtsextremismus, um Anwälte der Szene und um die Bedeutung von Musik, um interne Äußerungen des NPD-Politikers Udo Pastörs und des Sängers Frank Rennicke, ferner um Konzerte in Bayern und Österreich, um Neonazi-Läden, um die Band „Landser“ oder die Verbindung von Black Metal und Rockern zum Rechtsextremismus. Das Buch endet mit Vorwürfen zur geringen Aufmerksamkeit von Medien und Sicherheitsbehörden.

Die einzelnen Kapitel „leben“ von der Authentizität der Schilderungen, berichtet Kuban doch aus dem Innenleben der neonazistischen Szene. So frage dort Pastörs ganz offen: „’Könnte es nicht ... sein ..., dass wir in einer Art judendominierten Republik leben ...“. Und Rennicke assistierte nach der Schilderung mit der – auf die seinerzeitige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, bezogenen – Forderung „Charlotte, hau einfach ab“, der dann das antisemitische Lied „66 Nasen“ folgte (S. 128f.).

Mobilisierende Wirkung der Musik

Besonders eindrucksvoll wirken darüber hinaus die Berichte über die Stimmung bei den Konzerten, wo eine Mischung von Aggressivität und Alkoholkonsum, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit, Gewaltfixierung und Männerkult auszumachen ist. Immer wieder weist Kuban auf die mobilisierende Wirkung der Musik hin und zitiert in diesem Kontext die Worte des verstorbenen Neonazi-Sängers Ian Stuart Donaldson: „Ein Flugblatt wird nur einmal gelesen, aber ein Lied wird vom tiefsten Herzen heraus gelernt. Das wiederholt sich tausende Male’“ (S. 82).

Der besondere Erkenntnisgewinn des Buchs besteht darin, dass der Autor seine Leser mit durch die versteckte Kamera schauen lässt. Hierdurch entsteht ein Bild vom Innenleben der Szene, das so ansonsten dem interessierten Betrachter verborgen bleibt. Gleichwohl verbindet sich durch die persönliche und subjektive Komponente auch ein Nachteil: Nur die Kameraaufzeichnungen sind auch intersubjektiv nachprüfbar. Inwieweit andere Bebachtungen durch diese Perspektive etwas verzerrt wurden, lässt sich eben schwer sagen. Man findet in dem Buch eben auch Sätze wie: „Während der Voigt-Rede (Udo Voigt, der frühere NPD-Bundesvorsitzende; Anm. d. Red.) wurde mir buchstäblich schlecht. Wohl eine psychosomatische Reaktion auf die Stimmung im Saal. Vielleicht war es der äußerliche Anschein von Normalität, den viele Besucher erweckten, der mich besonders schaudern ließ“ (S. 117). An differenzierten Analysen und Einschätzungen fehlt es im Band, was aber auch nicht seine Aufgabe sein sollte. Beachtens- und überprüfenswert sind jedenfalls Kubans Ausführungen zur immer stärkeren Vermischung von Neonazi- und Rocker-Szene.

Thomas Kuban, Blut muss fließen. Undercover unter Nazis, Frankfurt/M. 2012 (Campus-Verlag), 316 Seiten, 19,99 €.

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