Blasser „Klassiker“ der Neuen Rechten

Der Jungeuropa-Verlag veröffentlicht erneut ein Werk des rechtsextremen französischen Theoretikers Dominique Venner.

Mittwoch, 13. Mai 2020
Armin Pfahl-Traughber

Nicht Alain de Benoist sei der Gründungsvater der französischen neuen Rechten, sondern Dominique Venner. Diese Botschaft scheint der Dresdener Jungeuropa-Verlag vermitteln zu wollen, veröffentlicht er doch mit „Was ist Nationalismus?“ ein weiteres Werk von Venner. In Deutschland ist er noch nicht weiter bekannt, was sich wohl mit den fehlenden Übersetzungen erklärt. Der 1938 Geborene beteiligte sich ab 1954 am Algerienkrieg und schloss sich nach dessen Ende der rechtsterroristischen „Organisation de l’armée secrète“(OAS) an. Darüber hinaus gründete er einige militante rechtsextremistische Gruppierungen wie „Jenune Nation“ mit. Aus dem gewaltorientierten Aktivisten wurde danach aber ein rechtsextremistischer Theoretiker. In den folgenden Jahrzehnten rief Venner zahlreiche Zeitschriften ins Leben. Auch viele Intellektuellengruppen entstanden mit unter seiner Leitung. Unterdessen geriet er immer mehr ins Vergessen. Letzte Aufmerksamkeit erregte sein öffentlicher Selbstmord, 2013 erschoss sich Venner in der Kathedrale Notre Dame.

Terrorismus in der historischen Rückschau verharmlost

Nachdem der Jungeuropa-Verlag schon sein „Für eine positive Kritik. Das Ende der alten Rechten“ von 1962 als strategisch ausgerichtetes Werk übersetzte, erschien jetzt „Was ist Nationalismus?“ aus dem folgenden Jahr in deutscher Sprache. Ergänzt wurde diese Ausgabe durch einige Vorworte, wozu auch eine längere Erinnerung von Alain de Benoist gehört, arbeitete er doch in den 1960er Jahren mit Venner regelmäßig zusammen. Er gibt hier einen persönlichen Einblick in die Entwicklung der damaligen „neu-rechten“ Intellektuellen-Szene. Benoist lässt es dabei indessen an Deutlichkeit in den Formulierungen mangeln, denn die OAS-Aktivitäten von Venner waren nicht nur aufständisch. Es ging nicht nur um geheime Aktionen im Untergrund. Angesichts der durchgeführten und geplanten Anschläge und Attentate des OAS wird hier in der historischen Rückschau ein Terrorismus doch eindeutig  verharmlost. Auch wenn später eine Abwendung erfolgte, wohl mehr aufgrund des Scheiterns, war Venner eben in derartigen Zusammenhängen aktiv.

Erst nachdem über 40 Seiten des 151-seitigen Buchs überwunden sind, beginnt der Essay „Was ist Nationalismus?“ Um es gleich vorweg zu sagen: diese Frage wird nicht beantwortet. Dazu hätte es zunächst einer Begriffsbestimmung von Nation und einer Bestimmung der Kriterien bedurft und dann wären Gründe für die Hervorhebung und Wertschätzung nötig gewesen. Doch davon kann allenfalls in Ansätzen gesprochen werden, was für einen Theoretiker auch immanent enttäuscht.

„Kampf der ‚Nationalen’ immer wieder in den gleichen Schlaglöchern“

Der Autor beschrieb die Entwicklung des abendländischen Denkens und benannte vorgebliche Wegbereiter. Bereits hier fallen inhaltliche Auslassungen und schiefe Zuordnungen auf. Édouard Drumont erscheint nicht als fanatischer Judenhasser, sondern als Schriftsteller und Soziologe. Und ob Pierre-Joseph Proudhon und Georges Sorel als Sozialisten gelten können, kann man mit guten Gründen hinterfragen. Gleichwohl bekundet Venner, es sei „die erste Aufgabe des Nationalismus“, sich auf „der strengen Beobachtung der Gesetze des Lebens“ (S. 55) zu bewegen.

Was damit genau gemeint sein soll, erschließt sich danach nicht mehr. Allgemeine Betrachtungen werden von Venner aneinandergereiht. Den inhaltlichen Kern der Titelfrage berührt er nicht mehr. Eher wird die Abtrennung Algeriens als „ein Stück Heimaterde“ (S. 89) beklagt. Danach nimmt er eine ganz andere Perspektive ein, fragt er doch nach den notwendigen Strategien über eine beabsichtigte Umwälzung. Und hier ahnt man auch, warum der deutschen Neuen Rechten die Übersetzung doch wichtig war. Da soll es um die „Theorie der Revolution“ gehen und entsprechend heißt es: „Der Kampf der ‚Nationalen‘ fällt seit einem halben Jahrhundert immer wieder in die gleichen Schlaglöcher. In allererster Linie muss eine neue revolutionäre Theorie erarbeitet werden“ (S. 90f.). Und dann geht es weiter mit anderen Betrachtungen zu Organisations- und Strategiefragen. Da heißt es etwa: „Nationalistischer Aktivismus kann nicht innerhalb einer Formation wie einer einzigen Partei oder Bewegung durchgeführt werden“ (S. 110).

Titelgebende Frage nicht systematisch erörtert

Die Aktivitäten, die damals gegen die Entkolonialisierung gerichtet sein sollten, sollen für die Gegenwart aufgearbeitet und umgesetzt werden. Diese Absicht erklärt wohl letztendlich die Übersetzung von Venners Werk. Denn die titelgebende Frage wird weder systematisch erörtert noch wirklich beantwortet. Hier wirkt der „Klassiker“ der Neuen Rechten erstaunlich blass und nichtssagend. Da heißt es zwar: „Der Nationalismus beinhaltet nicht nur eine politische Doktrin, sondern eine Ethik, die den Menschen als Ganzes erfasst: die Ethik der europäischen Ehre, so wie sie sich im Stoizismus Mark Aurels darstellt“ (S. 119). Unabhängig davon, dass die Inhalte von dessen „Selbstbetrachtungen“ etwas ganz anderes beinhalteten, wird auch hier das mit „politischer Doktrin“ Gemeinte nicht klarer vermittelt. Später heißt es noch: „Die nationalistische Doktrin ist keine Sammlung unveränderlicher Dogmen. Sie resultiert allein aus der Beobachtung der Fakten und den Lehren der Erfahrung“ (S. 128). Doch mehr Klarheit erwächst aus solchen Worten auch nicht.

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