von Mathias Brodkorb
   

Besuch bei Jüngers Jüngern: Wo die konservative Welt noch in Ordnung ist.

Einmal im Jahr treffen sich Deutschlands Freunde der Werke des Dichters Ernst Jünger in der schwäbischen Provinz im Kloster Heiligkreuztal. An nämlichem, fast asketischem Orte verweilt alljährlich jedoch nicht nur eine elitäre und illustre Gesellschaft, sondern scheint auch der verschollene konservative Kern der Union verborgen zu sein. Im Ländle ist die Welt halt irgendwie noch „in Ordnung".

Beim Thema Jünger erinnert man sich unfreiwillig an den „Fall Kubitschek". Götz Kubitschek, ehemals JF-Redakteur und heute Inhaber des neurechten Verlages "Edition Antaios", war einmal Soldat und im Jahr 1998 als Zugführer des Taktischen OpInfo-Zuges im Bosnien-Einsatz. Dass der von ihm geschätzte Schriftsteller Ernst Jünger am 17. Februar 1998 verstorben war, entnahm er seinerzeit „zwischen zwei dienstlichen Gesprächen einer Radiomeldung". Die Information ließ aber nicht nur ihn nicht unbeeindruckt zurück. Als sich Kubitschek abends zu seinen Kameraden in die Bar begab, sprachen diese zu seiner Verwunderung ausgerechnet über Jünger und hoben das Glas auf den „alten Käfersammler".

„Morgen Abend gebe ich eine Lesung, ich werde einige Stellen aus den Stahlgewittern vorlesen.", kündigte Kubitschek seinen Kameraden an und bat einen weiteren Soldaten um Klavierbegleitung. Gesagt, getan: Am nächsten Tag hing eine Veranstaltungsankündigung in der Kantine aus. Dennoch fanden nur ganze fünf Soldaten den Weg in das Klavierzimmer der Kompanie, um dem „Käfersammler" die letzte Ehre zu erweisen. Der Pianist spielte Rachmaninov. Und dann kam, was kommen musste: Der Kompaniechef bekam Wind von der Sache und Kubitschek musste antreten, kam zunächst allerdings glimpflich davon. Der Rechtsberater des Generals wollte lediglich einen schriftlichen Bericht zu den Akten nehmen und gab Kubitschek dafür folgenden Tipp: „Mit fällt auch ein, was Sie noch dazuschreiben könnten: Wir haben den Kanzler auf unserer Seite! Kohl besuchte Jünger zum hundertsten Geburtstag."

Doch damit hatte die Geschichte ihr Ende keinesfalls erreicht. Am 16. August 2001 wurde Kubitschek vom Amtschef des Personalamtes der Bundeswehr, Generalmajor von Scotti, aus einer laufenden Wehrübung entlassen. Als Begründung gab man seinerzeit an, Kubitschek hätte als ehemaliger Redakteur der Wochenzeitung „Junge Freiheit" (JF) und durch seine Verehrung des Dichters "Ernst Jäger" (sic!) unter Beweis gestellt, dass ein "Verbleiben in der Bundeswehr die militärische Ordnung und die Sicherheit der Truppe ernstlich gefährdet". Gegen diese Entscheidung organisierte das JF-Spektrum Widerstand - mit Erfolg. In der ersten Jahreshälfte 2002 erreichte Kubitschek ein Brief, mit dem der Entlassungsbescheid wieder zurückgenommen wurde.

In der schwäbischen Provinz ist derlei Aufregung gar nicht nötig und die konservative Lebenswelt noch einigermaßen in Ordnung. Der „Stifterverband der Deutschen Wissenschaft" finanziert gar Schülerprojekte zu Ernst Jünger. Eben diese „Geistesblitze" wurden denn auch beim XI. Jünger-Symposion am Samstagnachmittag von einer jungen Schülerin stolz präsentiert. Völlig unbefangen schildert sie vor dem überwiegend männlichen Auditorium ihre innere Anteilnahme an Jüngers Kriegsschilderungen aus „In Stahlgewittern." Es sei doch schier unglaublich und beeindruckend, was Jünger - damals kaum älter als sie selbst - seinerzeit habe erleben müssen.

Die junge Frau sei übrigens Trägerin des „Ernst Jünger Preises" des örtlichen Kreisgymnasiums Riedlingen, erläutert einer ihrer Lehrer auf dem Treffen. Dieser Preis wurde - man höre und staune - anlässlich des 100. Geburtstags Jüngers vom Jünger-Freund und damaligen CDU-Landrat gestiftet und wird bis heute verliehen - natürlich vom neuen Landrat höchst persönlich. Nach der Präsentation des Schülerprojektes brandet kräftiger und anhaltender Beifall auf. Ein Teilnehmer der Tagung bekundet freimütig, er finde die Arbeit der jungen Dame sehr „beeindruckend" und er müsse außerdem sagen: „Ich komme aus Berlin. So etwas wäre dort an einer Schule undenkbar, bei diesen ganzen Alt68er-Lehrern." Ein anderer wirft - offenbar hierdurch angefeuert - die Frage in den Raum: „Warum heißt die Schule nicht schon längst Ernst Jünger-Gymnasium?" Der Schulleiter selbst gehört nicht nur zu den führenden Figuren des Freundeskreises, sondern war vor allem drei Jahre lang Jüngers letzter Privatsekretär und vermag Hoffnung zu stiften: Der neue Landrat hätte da bei der letzten Preisverleihung so eine Andeutung gemacht. Anschließend blickt man in lächelnde und zufriedene Gesichter.

Doch auch dies könnte am Niedergang des Jünger-Mythos in der Region wohl kaum etwas ändern. Das mit stolzen 5.000 Euro geförderte Projekt der Schülerin widmete sich nämlich u.a. der Frage, wie bekannt Jünger überhaupt in seiner eigenen "Heimatregion" sei. Das Ergebnis konnte für den Freundeskreis ernüchternder kaum ausfallen: Während in Riedlingen ein kleiner Teil der Menschen zumindest noch weiß, dass ein gewisser Ernst Jünger einmal gelebt hat, ist er schon in Ulm gänzlich unbekannt. Die ernst gemeinte Antwort eines Schülers, Ernst Jünger sei doch wohl „ein Fußballspieler vom FC Bayern München", wurde so vom Auditorium mit einer Mischung aus Verzweiflung und Gelächter quittiert. Und zu dieser verzweifelten Lage passte auch, was die Betreiber der Jünger-Gedenkstätte in Wilflingen auf beharrliche Nachfrage zu berichten hatten. Ganze 500 bis 700 Besucher weise das Museum derzeit jährlich auf. Das schien selbst die unempfindlichsten Jüngerfreunde in Erstaunen zu versetzen. Baron Stauffenberg, dem das Jünger-Haus gehört, zeigte sich hiervon jedoch unbeeindruckt. Man dürfe Museen eben einfach nicht anhand der Besucherzahlen beurteilen. Eine halbe Million Euro an privaten Stiftungsmitteln benötige man noch, um das Kleinod weiterzuführen, richtete Stauffenberg mehrfach seinen Appell an die Mitglieder des Freundeskreises.

Das Durchschnittsalter der Vereinsmitglieder, das sich auch auf der Tagung nicht verbergen lässt, liegt irgendwo zwischen 60 und 70 Jahren, meint am Abend des zweiten Veranstaltungstages ein überaus freundlicher örtlicher Jünger-Aktivist. Eine Ansammlung konservativ-revolutionärer Nationalisten würde man sich so wohl nicht vorstellen. In feinstem Zwirn und bisweilen äußerst junger weiblicher Begleitung hatten sich die Doktores und Professores im spärlich eingerichteten Kloster eingefunden, um über Ernst Jüngers Kriegserlebnisse und „Gläserne Bienen" zu parlieren - während draußen auf dem Klosterparkplatz die gediegenen Audis, BMWs und Mercedes-Kabrios brav auf die Rückkehr ihrer Besitzer warteten. Was einem in Heiligkreuztal begegnete, war ökonomisch gehobene konservative Lebensart, war katholisch geprägtes Bildungs- und Besitzbürgertum, wie man es sich im Lehrbuch vorstellt. „Die Mitglieder des Vereins sind ganz ähnlich elitär wie Jünger selbst. Im Grunde ist das Lesen seiner Texte für viele so etwas wie der eitle Blick in den Spiegel der eigenen Bildung. Viele möchten sich in Jünger selbst wieder erkennen", schmunzelt einer der Jünglinge des Vereins im Alter von knapp 50 Jahren beim zweiten Umtrunk. Hier dürfte schon aus Tradition mehrheitlich Union gewählt werden, auch wenn einem die rationalen Gründe hierfür spätestens seit der Tatsache abhanden gekommen sind, dass die SPD im Rahmen einer subversiven Aktion eine Sozialdemokratin der schlechteren Sorte zur ersten Bundeskanzlerin der Republik gemacht hat.

Die Qualität der Vorträge gestaltete sich allerdings recht durchwachsen. Der Eröffnungsvortrag des zweiten Tages „Denken in Stahlgewittern" von Philosophieprofessor Steffen Dietzsch bestach durch eine wenig klare Gedankenführung, die um freie philosophiehistorische Assoziationen angereichert wurde. Dietzsch versuchte sein Publikum davon zu überzeugen, dass schon Jüngers „In Stahlgewittern" als Beitrag zur „modernen Anthropologie" verstanden werden müsse. Paradoxerweise behauptete er dabei, dass bereits beim frühen Jünger Beides zugleich nachweisbar sei: ein post-metaphysischer Impetus sowie die Auffassung, dass die Menschen als „verkörperte Götter" verstanden werden müssten. Zustimmen mochte Dietzsch indes niemand. Einige Zuhörer wiesen darauf hin, dass sie eine solche Interpretation mit ihrer Jünger-Lektüre nicht in Einklang bringen könnten, da die theologischen Motive doch erst mit den „Strahlungen" auftauchten. Dietzschs einzige Antwort hierauf: „Unsere Zunft (die Philosophie, M.B.) ist erfunden worden, um Dinge herauszufinden, die der normale Leser nicht findet." Das Publikum murmelte in einer Mischung aus Erheiterung und Empörung munter vor sich hin.

Ganz anders wurde mit Recht der sich anschließende Vortrag Friedrich Gaedes (Freiburg) aufgenommen, obgleich dieser sich doch „nur" als Literaturwissenschaftler zu erkennen gab und sich wohl auch deshalb stärker auf die eigene Beweisführung als den intuitiven tiefen Blick konzentrieren musste. Gaede eröffnete durch eine schlüssige Rekonstruktion der motivischen Bezugnahme Jüngers auf Grimmelshausen „Simplicissimus" eine Antwort auf die Frage, wie Friede in Zeiten des entfesselten Krieges nach Jünger überhaupt noch möglich sei. Die Basis der Einhegung findet sich nach Gaede in keiner geringeren Schrift als Jüngers „Waldgang", in dem dieser in der Selbstbegegnung des Menschen mit sich selbst den rationalistischen Verstand als logistische Quelle des Krieges durch eine holistische Vernunft einholen lässt - eine Denkfigur, die - wie Gaede plausibel machen konnte - Jünger bereits bei Grimmelshausen gefunden haben dürfte.

Am Interessantesten an der gesamten Veranstaltung sind aber ohnehin eher die Gespräche als die Vorträge. Letztere kann man später immerhin nachlesen, erstere nicht. Und da hier jeder jeden kennt, stößt man schnell auf Informationen über Zeitgenossen, die einem sonst nur aus der Lektüre bekannt sind und über die man schon immer etwas mehr wissen wollte. Am Eindrücklichsten soll allerdings die stets obligatorische Einladung vom Ehrenvorsitzenden des Freundeskreises, Franz Schenk Freiherr von Stauffenberg, in das Schloß zu Wilflingen sein. Am sonntäglichen Nachmittag wird dort der etwa 100 Personen umfassenden Gesellschaft nachmittags in den mit antikem Interieur ausgestatteten Schlossräumen aus edelstem Porzellan von Dienerhand Tee, Kaffee und Gebäck gereicht - ein nach Aussage eines jungen Teilnehmers unvergessliches Erlebnis und angemessener Abschluss der Veranstaltung. Doch dies kann nur erleben, wer nicht allzu weit weg wohnt und daher nicht schon am Sonntagmorgen wieder aufbrechen muss.

Kommentare(5)

Cleverle Samstag, 03.April 2010, 09:36 Uhr:
Daß sich der Wimbauer da hintraut? Der ist doch gar kein Rechter mehr: http://www.dasgespraech.de/?p=786
 
Mathias Brodkorb Samstag, 03.April 2010, 10:19 Uhr:
@ Cleverle: Nun, dann empfehle ich nochmalige Lektüre. Die Teilnehmer dieser Tagung "rechts" zu nennen fiele wahrlich schwer... Das ist ja nicht einmal JF-Milieu.
 
Paul.Pa Samstag, 03.April 2010, 14:09 Uhr:
Dass Bundeswehroffiziere über keine fundierte literarische Bildung verfügen, muss einfach konstatiert werden.
 
Friedrich Nietzsche Samstag, 03.April 2010, 18:04 Uhr:
Der Wimbauer strahlt auf dem Bild ja wie ein Pfannkuchen. Als er noch rechts war, hat er sicherlich nicht so nett dreingeschaut.
 
Okay... Montag, 05.April 2010, 20:03 Uhr:
Also einige Interessierte treffen sich, um (anscheinend philosophische und literaturwissenschaftliche) Vorträge über einen streibaren deutschen Autor zu hören.

Und wo war nun gleich die Meldung?
 

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