von Redaktion
   

„Besorgte“ Neonazis marschieren durch Wismar

Die Stimmung war aggressiv. Rund 300 Rassisten zogen gestern durch Wismar. Ihr Hass richtete sich nicht nur gegen Flüchtlinge, sondern ebenfalls gegen die anwesende Presse und den politischen Gegner. Von einer „Bürgerinitiative“ kann angesichts der Teilnehmer nicht gesprochen werden – Neonazis dominierten den Aufmarsch. Nach dem Rundgang griffen vier von ihnen zwei Flüchlinge an.

"Besorgte Bürger" in Wismar (Foto: ENDSTATION RECHTS.)

Es ist erstaunlich, wer sich in diesen Tagen für, „das Volk“ hält. Bei der von der vermeintlichen Bürgerinitiative „Wismar gegen Asylmissbrauch“ organisierten Demonstration nahmen sich vor allem junge Männer heraus, für eben jenes Volk zu sprechen. Grölend, mit hasserfülltem Blick, stimmten die nach Polizeiangaben rund 300 „Spaziergänger“ nicht nur gelegentlich den bekannten Schlachtruf der friedlichen Revolution von 1989 an, sondern skandierten ebenso Parolen wie „Antifa – Hurensöhne“, „Wir wollen keine Asylantenheime“ oder „Wismar bleibt deutsch“. Wie „das Volk“ eben redet.

Ansonsten kamen die versammelten Neonazis weitgehend ihrer Vorbildfunktion nach. Es floss eine Menge Bier, und was reinkommt, muss wieder raus. Unter den hämischen Kommentaren von Gegendemonstranten, erleichterten sich einige der rassistischen Flüchtlings-Gegner auf den Grünstreifen. Die Presse freute sich derweil über Fotos von „pinkelnden Neonazis“.

Betrunken und aggressiv

Bereits vor dem eigentlichen Beginn des Rundgangs, der mit rund 45 Minuten Verspätung begann, schloss die Polizei einzelne Demonstranten aus, da sie entweder zu tief ins Glas geschaut hatten oder offen Hakenkreuz-Tattoos zeigten, was wiederum ein Ermittlungsverfahren nach sich ziehen wird. Ein Betrunkener diskutierte mehrere Minuten mit den Beamten und versuchte, sie über die geltende Gesetzeslage zu belehren. Seine Einstellung gegenüber dem Rechtsstaat zeigte er indes durch sein „T-Hemd“ von der Berliner Neonazi-Band „Deutsch. Stolz. Treue“. Auf dem Rücken stand geschrieben: „Unsere Musik radikal, unsere Herzen national, die Flamme der Freiheit neu entfacht, Deutsch, Stolz und Treue, Weiße Macht“.

Das Fronttransparent der Demonstration (Foto: ENDSTATION RECHTS.)

Die Stimmung war trotzdem nicht bierselig – im Gegenteil. Zeitweise hatten die Ordner Mühe, die eigenen Truppen im Zaum zu halten. Dort, wo nur wenige Meter und eine Polizeikette Neonazis und Gegendemonstranten trennten, drohten die Anhänger von „Wismar gegen Asylmissbrauch“ offen, provozierten und forderten eine handfeste Konfrontation. Unter der Losung „Lügenpresse halt die Fresse“ gerieten schnell Journalisten, Kamerateams und Fotografen ins Visier der extrem rechten Marschierer. Gezielt wurden diese mit der Ankündigung „morgen steht ihr im Internet“ abgelichtet.

Im Vorfeld der Demonstration hatte sich Innenminister Lorenz Caffier (CDU) an die Bürgerinnen und Bürger aus der Hansestadt und darüber hinaus gewandt. Es sei davon auszugehen, dass eine „erhebliche Anzahl von Rechtsextremisten“ aufmarschiere. Darüber müssten sich Interessierte im Klaren sein. Dabei unterschied sich der gestrige Aufzug in seiner Zusammensetzung kaum von den Mvgida-Demonstrationen zu Beginn dieses Jahres. Trotz der offensichtlichen NPD-Abhänigkeit des Pegida-Ablegers an der Ostsee blieb die Positionierung des Innenministeriums seinerzeit wage. Selbst im aktuellen Verfassungsschutzbericht wird dieses Thema stiefmütterlich behandelt.

Angriff auf Asylbewerber

Mit dem mehrfach vorbestraften Sven Krüger aus dem nahen Jamel reihte sich gestern ein einschlägig bekannter Kader unter die „besorgten Bürger“, deren rund 60 Minuten langer Rundgang durch die Wismarer Innenstadt von zwei kleiner Blockaden kurz aufgehalten wurde. Filmaufnahmen von den Blockade-Teilnehmern stellten die Macher von „Wismar wehrt sich gegen Asylmissbrauch“ heute Morgen auf ihre Facebook-Seite. Dort zogen sie auch eine für sie positive Bilanz, sprachen von einer „friedlichen Kundgebung“ – und kündigten an, wiederzukommen.

Neonazi-Kader Sven Krüger in Wismar (Foto: ENDSTATION RECHTS.)

Ohne Zwischenfälle verlief der Tag gestern freilich nicht. Wie die Polizei mitteilte, griffen vier Neonazis zwei Asylbewerber an und bewarfen sie mit einer Flasche. Verletzt wurde niemand. Die Täter seien unterdessen ermittelt und ein Strafverfahren eingeleitet.

Auf dem Marktplatz versammelten sich derweil hunderte Personen zu einem friedlichen Gegenprotest. Bei bester Stimmung und lauter Musik schlängelten sich die Menschen durch die aufgebauten Flohmarktstände, die einen Teil ihrer Erlöse Asylbewerbern zukommen lassen wollen.

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