von Mathias Brodkorb
   

Begriffe setzen: Von Schnellroda aus sollen die rechten Gedanken geordnet werden

Seit geraumer Zeit befindet sich das rechtskonservative Spektrum der Bundesrepublik in erheblicher diskursiver Bewegung. Von einem einheitlichen ideologischen Standpunkt ist man ebenso weit entfernt wie von einer gemeinsam getragenen Strategie. Das betrifft nicht nur den anhaltenden Zwist zwischen der Wochenzeitung "Junge Freiheit" (JF) und dem "Institut für Staatspolitik" (IfS) über Fragen der Selbstbezeichnung, sondern auch die Akteure rund um das Rittergut Schnellroda selbst. Nun soll eine Reihe mit dem Titel "Kleines Staatspolitisches Lexikon" im eigenen Lager für gedankliche Ordnung sorgen und zugleich den politischen Gegner präziser konturieren.

Vergleichsweise ruhig ist es geworden um den ehemaligen Geschäftsführer des IfS, Götz Kubitschek. Der hatte seine leitende Tätigkeit im September 2008 aufgegeben, nachdem er infolge seiner konservativ-subversiven Aktionen um das Ansehen der erreichten theoretischen Arbeit fürchtete. Seinerzeit las sich Kubitscheks Entschluss zum Rückzug wie die Ankündigung einer ganzen Welle politischer Protestaktionen. Als "wegweisend" bezeichnete er am 7. September 2008 den neuen eingeschlagenen Weg auf dem inzwischen vom Netz genommenen Staatspolitik-Blog. Doch was mit so großer Emphase startete, hatte seinen Höhepunkt schnell überschritten. Mehr als ein Jahr ist es mittlerweile her, dass einige neurechte Aktivisten eine Lesung des Schriftstellers Günter Grass störten und damit bundesweit mediale Aufmerksamkeit erzielten.

Statt politischer Protestaktionen konzentrierte sich Kubitschek fortan auf die Weiterentwicklung seines Verlages und der Instituts-Zeitschrift "Sezession", die am 2. Februar 2009 mit einem umfangreichen Internetauftritt an den Start ging. Monat für Monat sollte je ein neuer namhafter Autor der politischen Rechten hinzutreten. In die Realität umsetzen ließ sich diese Ankündigung nicht, wohl auch weil wenig später die "Junge Freiheit" ihre Internetseite ebenfalls modernisierte und um einen Kolumnen-Blog erweiterte. Nach einer kurzen Welle der Euphorie stellte sich bei Kubitschek dann auch in Sachen mediale Welten Ernüchterung ein und er kündigte nach einer offenbar besinnungsreichen Sommerpause an, die "Schlagzahl" wieder reduzieren zu wollen.

Die ursprüngliche Ankündigung, dass mit der Übergabe der IfS-Geschäftsführung an den Philosophen Dr. Erik Lehnert auch damit zu rechnen sei, dass sich der "Anspruch des Instituts auf ganz andere Weise wird erfüllen können", soll nun offenbar in einem ersten Schritt eingelöst werden. Man plant die Herausgabe einer Reihe mit dem Titel "Kleines Staatspolitisches Lexikon", die von Lehnert und Weißmann verantwortet und von Kubitschek in seinem Verlag "Edition Antaios" verlegt wird. Bereits im November 2009 soll der erste Band "Begriffe" erscheinen und ein Jahr später durch eine Lektürereise durch die wichtigsten 150 konservativen "Werke" ergänzt werden.

Eine kleine Kostprobe, was den Leser erwartet, bot nun die Nummer 31 der institutseigenen Zeitschrift "Sezession". Dass Weißmann dabei den ersten Band dem Problemkomplex "Begriffe" gewidmet hat, ist alles andere als ein Zufall. In einer Einleitung zu einem Vorabdruck vermerkt die Redaktion der "Sezession": "Wer Begriffe setzen kann, gewinnt den metapolitischen Kampf, aber vor der Setzung steht die Mühe der Definition." Es sollen also die eigenen Waffen geschärft, die eigene Identität herausgearbeitet und damit zugleich der Gegner markiert werden.

So verwundert es nicht, dass sich der Vorwegabdruck ausgerechnet dem Thema "Differenz" widmet. Allerdings erwartet den Leser keine Definitionsarbeit im Sinne eines sachlichen Begründens. Weißmann portioniert die politische Welt vielmehr in einfache, manchmal etwas zu einfache Häppchen, die der konservative Nachwuchs dann offenbar mühelos konsumieren können soll. So erstrebe die Linke angeblich eine Welt der "Entdifferenzierung", während der Konservative Differenzen für "wesensmäßig" halte. Die Linke wolle also eine Welt der empirisch Gleichen, während der Konservative das notwendige Streben der "Natur" nach Differenz respektiere.

Eine solche begriffliche Einführung in das Denken der politischen Linken und Rechten verkauft allerdings beide Lager unter ihrem Wert: Selbstverständlich finden sich in der politischen Linken plumpe Egalitaristen. Allerdings lässt sich schon bei jemandem wie Marx zeigen, dass dessen Konzeption des Kommunismus umgekehrt Differenz und Individualität zum maßgeblichen gesellschaftlichen Strukturprinzip erheben wollte. Und auch umgekehrt ist gerade für die konservative Rechte die Frage nach der Einheit in der Vielheit das Kardinalproblem - eine Tatsache, auf die Weißmann selbst mit der vagen Formulierung hinweist, dass die Verschiedenheit "immer auf ein Ganzes hin gedacht" werden müsse und die Ernst Nolte in beide politische Richtungen kürzlich prägnant auf den Punkt gebracht hat: „Soll das Ringen zwischen Universalität und Partikularität, zwischen Abstraktion und Konkretheit, zwischen Reflexion und Anschauung, das in den verschiedensten Erscheinungsformen die ganze Geschichte der Menschheit bestimmt hat, im Triumph des Universalen sein Ende und seine Vollendung finden (...)?“

Paradox daher, dass sich ausgerechnet ein christlicher Theologe begründungslos dem fast materialistisch anmutenden Diktum anschließt, "daß die Natur immer danach strebt, Vielfalt entstehen zu lassen oder wiederherzustellen." Ebenso ließe sich umgekehrt der Prozess der beständigen "natürlichen" Ausdifferenzierung lebendiger Organismen als Vorgang der Einheitsstiftung nach oben hin gegen die Unbestimmtheit der Materie deuten. Früher einmal diskutierte man diese Fragen auch im konservativen christlichen Kontext unter dem Begriff der scala naturae. Man darf also auf den ganzen Text und vor allem darauf gespannt sein, ob mit ihm am Ende mehr geleistet wird als das bloße Setzen von Begriffen. Denn das macht die Gesprächspartner letztlich sprachlos und die Auseinandersetzung um die Sache im besten Fall zu einem Abwägen unterschiedlicher ästhetischer Urteile.


lexikon1Hrsg. von E. Lehnert und K-H. Weißmann
Kleines staatspolitisches Lexikon Band 1: Begriffe
ca. 200 Seiten, gebunden, 15.00 €
Erscheint im November 2009
ISBN: 978-3-935063-54-8
15,00 EUR

Kommentare(5)

Duval Samstag, 03.Oktober 2009, 03:58 Uhr:
Bislang fand hier keine Erwähnung, daß auf Sezession.de in Sachen Ausländerpolitik eine zehnpünktige Katze aus dem Sack gelassen wurde - es werden Rückführungsszenarien angedacht.

Nicht daß daraus jemals ein Hehl gemacht wurde, aber die Verfassungsbekenntnisse aus dieser Ecke stimmten ja doch mitunter wohlwollend gegenüber einer (Wieder-)Erweiterung des politischen Spektrums. Nun wird es endlich mal konkreter und man kann sich ein Bild davon machen, wie herkömmlich die Vorstellungen der geistesschweren Rechten mal wieder sind.
 
nonvote Samstag, 03.Oktober 2009, 06:46 Uhr:
Kleine Anmerkung: Es handelt sich um Sezession # 32, nicht wie im Text geschrieben # 31.
 
Übrigkeiten Sonntag, 04.Oktober 2009, 06:54 Uhr:
Das stimmt. Wenn auch nicht ER, so habe ich es aber schon entsprechend gewürdigt.

http://uebrigkeiten.blogspot.com/2009/09/sezession-uberfremdung-und-abwanderung.html
 
Mathias Brodkorb Sonntag, 04.Oktober 2009, 14:05 Uhr:
@ nonvote: Und wieso glauben Sie, dass es die Nr. 32 ist? Mir scheint, Sie irren sich da irgendwie.
 
Kreuzberg Dienstag, 06.Oktober 2009, 10:53 Uhr:
Kein Mensch hat "eine Katze aus dem Sack gelassen", weil es weder den Sack noch eine Katze gibt, die man vor irgendjemand verstecken müßte. Ich warte immer noch auf eine ERNSTHAFTE und GEWISSENHAFTE Auseinandersetzung mit den zehn Thesen seitens der Sozialdemokraten hier. Verkehrspolizist allein zu spielen, ist zu wenig. Und wer meint, all das mit Vokabeln wie "herkömmlich" abwinken zu können, hat noch nicht einmal begonnen, darüber nachzudenken.
 

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