NSU-Prozess
Beate Zschäpe nimmt ihre Freundin in Schutz
Im Dresdner Prozess gegen die NSU-Unterstützerin Susann Eminger ist zwei Tage lang Beate Zschäpe vernommen worden. Es war ein bemerkenswerter Auftritt der Rechtsterroristin – aber nicht, weil die 50-Jährige Neues offenbart hätte. Mit erstaunlichem Selbstbewusstsein bügelte Zschäpe Fragen ab und blieb im Ungefähren. Der Angeklagten stellte sie einen Persilschein aus.
Gerade hat sich Beate Zschäpe einige Sätze abgerungen, dass die Morde des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) „unerklärlich“ und durch nichts zu entschuldigen seien, da erträgt es Gamze Kubaşık nicht länger. Anderthalb Tage lang hat die Tochter des 2006 in Dortmund vom NSU erschossenen Mehmet Kubaşık zugehört, was die verurteilte Rechtsterroristin im Prozess gegen die NSU-Unterstützerin Susann Eminger erzählt. Jetzt springt sie im Gerichtssaal auf. „Dann sag die Wahrheit!“, ruft sie mit tränenerstickter Stimme. „Du bist verantwortlich, dass mein Vater nicht mehr lebt! Du hast mein Leben zerstört! Wer hat euch unterstützt?“
Der NSU hat, bis er sich 2011 mit dem Suizid von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt selbst enttarnte, neun Menschen mit Migrationsgeschichte und eine Polizistin ermordet, rassistisch motivierte Sprengstoffanschläge begangen und Banken überfallen. Als einzige Überlebende des Kerntrios ist Zschäpe 2018 im Münchner NSU-Prozess zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden. In dieser Woche nahm die mittlerweile 50-Jährige nun erneut in einem Gerichtssaal Platz, in Dresden diesmal. Und diesmal als Zeugin.
Schwarze Sonne im Schlafzimmer
Vor dem Oberlandesgericht der sächsischen Landeshauptstadt muss sich seit Anfang November Zschäpes ehemals beste Freundin Susann Eminger verantworten. Der heute 44-Jährigen wird von der Bundesanwaltschaft vorgeworfen, dass sie Zschäpe und ihren beiden Neonazi-Freunden geholfen hat, in Zwickau ein Leben unter falschen Namen zu führen.
„Sie war eine sehr lustige Person, zuvorkommend, empathisch“, sagt Zschäpe, als sie von der Senatsvorsitzenden Simone Herberger gebeten wird, die Angeklagte zu charakterisieren. „Eine gute Mutter für ihre Kinder. Das ist das Erste, was mir einfällt.“ Und politisch? „Es ist schwer vorstellbar“, antwortet Zschäpe, „aber wir hatten nicht so die Gespräche über Politik.“ Sondern eher über „Frauensachen“. Die Kinder vor allem. Die riesige schwarze Sonne, die im Schlafzimmer des Ehepaars Eminger als Nazi-Symbol an der Wand prangte? „Daran kann ich mich nicht erinnern.“
Angeblich keine Unterstützung in Tatortstädten
So geht das an diesen ersten beiden von voraussichtlich drei Prozesstagen, an denen die NSU-Terroristin in Dresden aussagen soll, immer wieder. Anders als noch im Münchner Prozess versucht Zschäpe zwar nicht mehr, ihre eigene Rolle herunterzuspielen und sich als emotional abhängiges Heimchen am Herd zu inszenieren. Sie habe den Schuldspruch „vollumfänglich angenommen“, sagt sie. Habe eingesehen, dass sie eine Mitschuld an dem jahrelangen Morden trage, auch wenn sie selbst niemanden getötet habe. „Ich war nie dafür. Aber ich war auch nicht genug dagegen.“
Doch die Antworten, auf die Opferangehörige wie Gamze Kubaşık seit Jahren warten, gibt sie immer noch nicht. Sie offenbart keine weiteren Mitglieder des NSU. Sie wisse es nicht, aber „möchte ausschließen“, sagt sie, dass es Helfer*innen in den Tatortstädten gegeben hat. Sie sagt nichts zu den Gründen, warum ausgerechnet Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat ermordet wurden – außer, dass es „Willkür“ und „Hass auf türkische Menschen“ gewesen sei. Und beim Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter sei es Mundlos und Böhnhardt allein darum gegangen, an sicher funktionierende Waffen zu kommen.
Zschäpe nimmt Angeklagte in Schutz
Zschäpe redet viel, aber bleibt oft vage. Versteckt sich hinter Erinnerungslücken, weicht aus, scheut sich, die menschenverachtenden Taten des NSU beim Namen zu nennen. Danach gefragt, wie es zu der Mordserie gekommen ist, antwortet Zschäpe: „Es gibt keine plausible Sache für diese Sachen, die da passiert sind.“ Das ist der Sound.
Ihr Erklärungsversuch: Sie und ihre zwei Neonazi-Kameraden seien „frustriert“ gewesen und unzufrieden mit ihrem Leben, hätten sich über andere erheben wollen. „Wir waren kleine Würstchen.“ Statt über die neonazistische Ideologie, die sie mit den beiden Uwes ebenso verband wie mit ihren Unterstützer*innen, spricht sie immer lieber über das Private, das „Familiäre“, wie sie es nennt: „Ich war, glaube ich, der Eckpfeiler, der das Zusammenleben möglich gemacht hat.“ Und ganz in diesem Sinne nimmt sie auch Susann Eminger in Schutz.
Als Susann Eminger zur Polizei
Schon seit den ersten NSU-Ermittlungen ist bekannt, dass Zschäpe bei etlichen Gelegenheiten die Personalien der Angeklagten genutzt hat. Fünfmal ging sie mit deren Krankenkassenkarte zum Zahnarzt, sie besaß Bahncards auf den Namen der Freundin (aber mit ihrem eigenen Foto), buchte Urlaube unter der geborgten Identität und gab sich einmal sogar bei der Polizei als Susann Eminger aus. Aus alledem macht Zschäpe als Zeugin keinen Hehl. Und sie gibt auch freimütig zu, dass die Angeklagte dabei war, als sie und Uwe Böhnhardt im Oktober 2011 das Wohnmobil für den letzten Überfall abholten. Es war jenes Gefährt, in dem sich die beiden Männer am 4. November 2011 in Eisenach erschossen, als ihnen die Polizei nach dem dortigen Überfall auf die dortige Sparkasse zu nahe kam.
Doch wie viel wusste Susann Eminger von den Mordtaten des NSU? Alles, glaubt die Bundesanwaltschaft. Nichts, sagt Beate Zschäpe. Nur von den Banküberfällen hätten sie und ihr Ehemann André, der bereits im Münchner Prozess mit auf der Anklagebank saß und mit milden zweieinhalb Jahren Gefängnis davon kam, gewusst. Die Mordserie habe sie André Eminger erst gebeichtet, als sie nach dem Suizid von Mundlos und Böhnhardt das Versteck in der Zwickauer Frühlingsstraße angezündet hatte und geflüchtet war, mit seiner Hilfe. Der Neonazi, der sich NS-Parolen und antisemitische Vernichtungsdrohungen auf den Leib hatte tätowieren lassen, habe „fast geheult“.
Strategischer Auftritt
Es ist ein bemerkenswerter Auftritt, den Zschäpe im Dresdner Hochsicherheitssaal zwischen Recyclinghof und Gefängnis hinlegt. Selbstbewusst, bestimmend und in langen Phasen geradezu entspannt. Mal stützt sie ihr Kinn auf die Hände, mal verschränkt sie die Arme im Nacken, mal nimmt sie sich viel Zeit zum Nachdenken, den Blick in eine imaginäre Ferne gerichtet. Und immer spricht sie mit fester Stimme. Freundlich zumeist, doch wenn ihr Fragen nicht passen, kann die Rechtsterroristin auch ungehalten werden. „Ich habe das Gefühl, ich sitze hier auf der Anklagebank“, raunzt sie die Senatsvorsitzende irgendwann an. „Ich fühle mich ein bisschen unwohl.“
Es ist offensichtlich: Hier sitzt eine Frau, die das Heft in der Hand behalten will. Und die genau weiß, was sie will. Möglichst gut will sie da stehen, wenn die Münchner Vollstreckungskammer im kommenden Jahr entscheidet, wie lange Zschäpe noch in Haft bleiben muss. Deshalb hat sie sich bereits 2023 vom NSU-Untersuchungsausschuss des bayrischen Landtags und tagelang vom Bundeskriminalamt befragen lassen. Deshalb hat sie sich kürzlich ins Aussteigerprogramm Exit aufnehmen lassen. Und deshalb sagt sie jetzt als Zeugin aus.
Kaum Neuigkeiten
So viel Zschäpe damit über ihre Persönlichkeit verrät, so wenig inhaltlich Neues gibt sie preis. Ihre Aussage entspricht weitestgehend dem, was sie dem bayrischen Untersuchungsausschuss erzählt hat, mitunter fast wörtlich. Dabei wiederholt sie auch, was sie damals zum ersten Mal berichtete: dass sie am Tag ihrer Flucht auch noch Matthias D., den offiziellen Mieter der Wohnung in der Frühlingsstraße, getroffen und über die NSU-Morde aufgeklärt habe. Der Neonazi aus Johanngeorgenstadt sei „fassungslos“ gewesen. Weil Matthias D. als Zeuge im bayrischen Untersuchungsausschuss sowohl diese Begegnung als auch jegliches Wissen um die Bluttaten bestritten hatte, ermittelt die Staatsanwaltschaft München I wegen des Verdachts der uneidlichen Falschaussage gegen ihn.
Glaubt man Beate Zschäpe, dann haben sich die Emingers genauso wie das gesamte Umfeld von Unterstützer*innen aus der rechten Szene mit sehr einfachen Ausflüchten und Erklärungen zufrieden gegeben. Dass die drei Neonazis nur wegen einer Durchsuchung in Jena, bei der in einer von Zschäpe gemieteten Garage Sprengstoff gefunden wurde, seit 1998 abgetaucht seien. Und dass sie abwarten wollten, bis ihre damaligen Straftaten verjährt seien. „Das klingt nicht logisch, aber es hat gereicht“, sagt Zschäpe. „Es gab kaum Fragen, es war eine riesige Ignoranz.“ Auch die Angeklagte habe sie nie deswegen gelöchert.
Mit Susann Eminger will sie seit damals keinen Kontakt mehr gehabt haben, weder persönlich noch brieflich. Nur in München vor Gericht hätten sie sich gesehen, ohne ein Wort miteinander zu wechseln. Jetzt in Dresden schaut Susann Eminger stets angestrengt weg, wenn sich die einstige Freundin zu ihr umdreht. Sie wirkt gar nicht entspannt.
Am 29. Januar 2026 soll die Befragung von Beate Zschäpe fortgesetzt werden.