„Bayern betreibt ängstliche Verhinderungspolitik“

Er hat die Satirefigur „Storch Heinar“ mitentwickelt, um damit ein in der rechtsextremen Szene beliebtes Modelabel zu karikieren, jetzt ist er der oberste Chef aller Geschichtslehrer: Der Bildungsminister von Mecklenburg-Vorpommern, Matthias Brodkorb, fordert im Cicero-Interview die Veröffentlichung von Hitlers „Mein Kampf“.

Montag, 05. November 2012
„Bayern betreibt ängstliche Verhinderungspolitik“
Herr Brodkorb, Sie sind Bildungsminister in einem Bundesland, in dem die rechtsextreme Szene besonders aktiv ist. Wenn am 1.?Januar 2016 der Urheberrechtsschutz für Adolf Hitlers „Mein Kampf“ entfällt, kann im Prinzip jeder das Werk nachdrucken. Fürchten Sie sich vor dem Datum?

Nein, überhaupt nicht.

Sehen Sie keine Gefahr, dass die rechtsextreme Szene dann „Mein Kampf“ zu einer Art Hausbibel macht?

Die einzige Gefahr, die ich sehe, besteht darin, dass irgendein rechtsextremer Verlag eine Ausgabe von „Mein Kampf“ auf den Markt bringt und damit Geld verdient, mit dem dann wiederum rechtsextreme Projekte unterstützt werden. Ich glaube allerdings nicht, dass von einer Veröffentlichung dieses Buches eine politische Gefahr im engeren Sinne ausgeht.

Sie glauben nicht, dass manch historisch unbedarfter Leser die falschen Schlüsse aus „Mein Kampf“ ziehen könnte?

Ehrlich gesagt, wer die 800 Seiten von „Mein Kampf“ je gelesen hat, der weiß auch, dass das über weite Strecken so ein krudes und langweiliges Zeug ist, dass man aufpassen muss, bei der Lektüre nicht einzuschlafen. Mal ganz davon abgesehen, kann sich jeder, der über einen Internetzugang verfügt, die komplette Ausgabe von „Mein Kampf“ herunterladen. Es gibt im Internet ja sogar Audioversionen von „Mein Kampf“, bei denen man nicht einmal mehr selbst lesen muss, sondern alles vorgelesen bekommt.

Ich zitiere jetzt eine Passage aus „Mein Kampf“: „Der schwarzhaarige Judenjunge lauert stundenlang, satanische Freude in seinem Gesicht, auf das ahnungslose Mädchen, das er mit seinem Blut schändet und damit seinem, des Mädchens Volke raubt.“ Warum sollten solche Sätze wieder Verbreitung finden?

Wenn Sie Ihre These ernst nehmen, warum stellen Sie mir eine solche Frage und tragen so selbst zur Verbreitung von Hitlers Schriften bei? Zudem unterstellt Ihre Frage, dass etwas nur dann existiert, wenn es auch in gedruckter Form vorliegt. Das ist aber nicht der Fall. Gerade junge Leute beziehen ihr Wissen heutzutage nicht vorrangig aus Büchern, sondern vor allem aus elektronischen Medien. Und „Mein Kampf“ kann, wie gesagt, im Internet aus Tausenden unterschiedlichen Quellen heruntergeladen werden, einschließlich des Satzes, den Sie hier zitiert haben. Mal ganz davon abgesehen, dass auch im deutschen Buchhandel etwa Hitlers politische Jugendschriften verfügbar sind. Ebenso eine vierbändige Ausgabe der Schriften von Adolf Hitler aus den Jahren 1933 bis 1945 sowie eine wissenschaftliche Ausgabe für die Zeit dazwischen. Es sind also ungefähr 95 Prozent des Hitler’schen oevres im Buchhandel frei verfügbar – nur eben nicht „Mein Kampf“.

Nun steht „Mein Kampf“ aber gewissermaßen stellvertretend für die gesamte Nazi-Ideologie. Bayerns Kulturstaatssekretär Bernd Sibler gab deswegen unlängst zu bedenken, wenn Touristen in der Nähe des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau in einen Buchladen kämen und dort auf „Mein Kampf“ stießen, gäbe es zu Recht einen Skandal. Liegt der Mann denn völlig daneben?

Ich weiß nicht, ob es besser ist, wenn man in dem gleichen Buchladen Landser- Hefte kaufen kann, die Tagebücher von Joseph Goebbels oder Hitlers „Zweites Buch“ – was ja heute schon völlig legal ist. Ich glaube einfach, der bayerische Kulturstaatssekretär hat sich mit dem ganzen Thema so wenig beschäftigt, dass er gar nicht weiß, was es im deutschen Buchhandel alles zu kaufen gibt, und zwar ganz offiziell.

Woher rührt denn dann Ihres Erachtens diese offensichtliche Tabuisierung von „Mein Kampf“?

Ich glaube, dass hier ein Generationenproblem zugrunde liegt. Gerade die ältere Generation in unserem Land hat „gelernt“, dass man ein Problem am besten von sich fernhält, indem man die Augen davor verschließt oder dafür sorgt, dass andere es nicht sehen. Dahinter steht ja so etwas wie der Gedanke, dass Hitlers Schrift so genial und gerissen formuliert sei, dass man durch die Lektüre gewissermaßen codiert wird und keine Chance hat, sich dagegen zu wehren. Aber das ist doch lächerlich. Hitler war zwar ein großer Verbrecher, aber kein Magier. Und aus dem Impuls, die Wirkung von „Mein Kampf“ zu überhöhen, rührt dieser Wegschließreflex. Dagegen hilft nur eines: das Buch nicht nur zugänglich zu machen, sondern auch kritisch zu reflektieren. Und stellen Sie sich nur mal vor, wie langweilig „Mein Kampf“ wäre, wenn es in der Schule durchgenommen würde. Aber seit es das Internet gibt, tickt die Welt ohnehin ganz anders.

Sie wollen „Mein Kampf“ entmystifizieren, indem Sie das Buch ganz offiziell und für jeden zugänglich machen?

Unbedingt. Als ich noch zur Schule ging, brachte ein Mitschüler eines Tages eine in Leder gebundene Ausgabe von „Mein Kampf“ mit. Und alle anderen starrten auf dieses Buch, als handele es sich um eine Reliquie. Diese Faszination ergab sich aber ausschließlich aus der Tatsache, dass „Mein Kampf“ nicht normal zugänglich ist. Auf diese Weise spielt da etwas herein, das ich als „unaufgeklärte Faszination des Bösen“ bezeichne, etwas Quasireligiöses in negativer Wendung. Dagegen hilft nur Entmystifizierung durch nüchterne Aufklärung.

Trotzdem hat der Freistaat Bayern als Inhaber der Nutzungsrechte vor einigen Monaten verhindert, dass der britische Historiker Peter McGee kommentierte Auszüge aus „Mein Kampf“ an die Kioske bringen konnte …

Ein völlig absurdes Vorgehen, zumal sich die Sache nach Ablauf des Urheberrechtsschutzes in drei Jahren sowieso erledigt hat. Was Bayern da betreibt, ist eine ängstliche und rückschrittliche Verhinderungspolitik.

Sie selbst haben schon im Jahr 2003 ausgerechnet in der ehemaligen „Kraft durch Freude“-Ferienanlage Prora auf Rügen vor Jugendlichen aus „Mein Kampf“ gelesen. Wie kam es dazu?

Das Land Mecklenburg-Vorpommern hatte damals beschlossen, Prora symbolisch zurückzuerobern und dort ein großes Jugendfest zu feiern. Um diese Veranstaltung politisch einzubetten, haben wir eine Reihe von Workshops angeboten, bei der es auch um die Nazi-Ideologie ging, die ja nicht zuletzt zum Bau dieser gigantischen Ferienanlage geführt hat. Und da haben wir in der Tat diese Lesung aus „Mein Kampf“ abgehalten.

Ohne in Bayern vorher um Erlaubnis zu fragen?

Selbstverständlich.

Haben Sie damit eine Rechtswidrigkeit begangen?

Das mögen die Bayern beurteilen. Ich meine, ich habe damals einen guten Beitrag zur Aufklärung geleistet.

Und wie haben die Jugendlichen auf „Mein Kampf“ reagiert?

Wir hatten danach eine sehr ruhige und sehr sachliche Debatte – unter anderem darüber, ob man versuchen soll, diese Schrift vor jungen Leuten geheim zu halten. Von 200 anwesenden Jugendlichen haben sich ungefähr 195 dafür ausgesprochen, dieses Buch ganz normal zugänglich zu machen und in den Schulen kritisch zu behandeln.

Stellen Sie sich vor, „Mein Kampf“ würde vom 1. J anuar 2016 an zu einem Bestseller im deutschen Buchhandel. Das wäre doch eine ziemliche Katastrophe schon allein für das Ansehen der Bundesrepublik im Ausland.

Nein, das wäre weder eine Katastrophe, noch ließe es Rückschlüsse auf den politischen Zustand der Bundesrepublik Deutschland zu. Es wäre vielmehr eine ganz natürliche Reaktion auf 70 Jahre Wegschließpolitik.

Und wenn etwa die israelische Regierung darum bitten würde, „Mein Kampf“ in Deutschland nicht zu veröffentlichen? Könnten wir uns dieser Bitte widersetzen?

Wenn ich nicht falsch informiert bin, können Sie „Mein Kampf“ in Israel sogar auf Hebräisch kaufen. Aber selbst wenn nicht: Kein Staat der Erde hat das Recht, den Bürgern eines anderen demokratischen Staates vorzuschreiben, was diese lesen dürfen und was nicht. Auch Israel nicht.

Mit freundlicher Genehmigung von Cicero übernommen.
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