von Robert Scholz
   

Baal Müller über den „Vorsprung der Besiegten“

Als „wichtiges Buch“ preist Verlagsherr Götz Kubitschek das vor kurzem in seinem Antaios-Verlag erschienene Kaplakenbändchen von Baal Müller an. Er befasst sich mit der „Identität nach der Niederlage“ und legt das inhaltlich wohl gehaltvollste Buch der aktuellen Staffel vor.

Müller ist kein Vertreter der Jammer-Rechten, sondern konservativer Optimist. Das Ende des Zweiten Weltkrieges, das der promovierte Philosoph als „Niederlage“ bezeichnet, böte die Chance für die Rekonstruktion der Nation. Man könne vom Sieger lernen, so Müller an Anlehnung an eine Studie des Historikers Wolfgang Schivelbusch zum „Niederlagendenken“.

Schivelbusch befasst sich in seiner – zumindest wissenschaftlich – nicht unumstrittenen Studie mit dem Sezessionskrieg in Amerika 1865, dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 und dem Ersten Weltkrieg 1914-1918 mit Phasen, die das „kollektive Ego der Verlierernation idealtypisch durchläuft“ (18). Müller arbeitet hier schließlich acht Phasen heraus. In der letzten und für Müller scheinbar wichtigsten Phase werde der Besiegte  zu einer „Analyse der Ursachen“ genötigt. Dies ist vor allem dann möglich, wenn das „alte Regime“ für die Fehler der Vergangenheit verantwortlich gemacht werden könne. In einer „von der Macht entblößten ,Nacktheit‘“ könne die eigene Existenz als Läuterung, als gereinigtes Bewusstsein verstanden werden. „Der Untergang des Falschen“, so Müller, „führt somit zur Wiederentdeckung des Eigenen.“ (28)

Ein gesamtes Kapitel befasst sich anschließend mit dem „moralischen Sonderweg – Niederlage als Strafe“ (31-36). Bei diesem Sonderweg werden Sieg und Niederlage als „schicksalhaft gegeben“ angenommen und in einen „Kreislauf aus Werden und Vergehen“ eingeordnet, was laut Müller die Gefahr in sich berge, die „kulturelle Identität einzubüßen und die des Sieger zu übernehmen“. (32f.)

Hier kann der Leser bereits ahnen, wie es weitergehen wird. Müller überträgt im Gegensatz zu Schivelbusch das „Niederlagendenken“ auch auf 1945 und stellt hier ob der „Totalität der Niederlage“ eine veränderte Situation fest, in der es nahezu unmöglich gewesen ist, eine „gewisse nationale Identität“ zu erhalten (48 f.): „Hitlers Bestreben, seinen politischen Willen und seine persönliche Existenz mit der des deutschen Volkes zu verkoppeln, um auch diejenigen zum letzten Widerstand zu mobilisieren, die ihm ablehnend gegenüberstanden, fand in der alliierten Politik seine Entsprechung und hatte zur Konsequenz, daß mit Hitler ganz Deutschland, in seinen Augen wie in denen der anderen, in den Abgrund gerissen wurde.“ (49) Nicht zuletzt die bedingungslose Kapitulation habe dazu geführt, dass nicht mehr „deutlich zwischen deutschem Volk und dem nationalsozialistischem System“ unterschieden werden konnte.

„Produkt“ bzw. „Teil des ,Niederlagendenkens‘“ nach 1945 sei schließlich „die Behauptung einer ,Kollektivschuld‘“ bzw. der deutsche „,Schuld-Kult‘“ (67f.) Die produktiven Kräfte, die zur „Wiederentdeckung des Eigenen“ führen könnten, sieht Müller offenbar durch die „Hypothek des Vergangenen“ (73) belastet. Er hält es für „besser, nach einem grundlegenden Umbruch wie 1945 oder 1989 eine politische Amnestie – außer für die führenden Repräsentanten des alten Systems, an denen eine ,kathartische‘ Bestrafung zu vollziehen ist – auszusprechen“. (73) Die Aufarbeitung der Vergangenheit über „das Herstellen bloßer Kausalzusammenhänge hinaus“ erscheine dann sinnvoll, wenn die Aufarbeitung dazu diene, Wunden zu heilen und ein traumatisches Fortwirken zu verhindern, anderenfalls drohe eine „negative Identität“. (ebd.)

Eine rechte Antwort auf eine bewahrenswerte „positive Identität“ bietet allerdings auch Müller nicht, er schlägt statt dessen die Flucht auf dem „ästhetischen Sonderweg“ (79) in das „geistige Exil“ (81) vor. In dieser „Traditionskompanie“ versammle sich das „Geheime Deutschland“, das eine „sehr deutsche Weise der Niederlagenverarbeitung“ darstelle (82f.). Dieses „Geheime Deutschland“ bilde gewissermaßen das „geistige Gegenbild“ des Dritten Reiches und durch die Tat des Hitler-Attentäters Stauffenberg werde dieser Gegensatz vollendet, so Müller: „Das Attentat (hat) für einen Augenblick das Geheime Deutschland hinter dem offiziellen hervortreten lassen“ (88).

So weiß man am Ende zwar, dass Müller einen elitären Ansatz vertritt, sich von der Masse lossagt, mithin also ein geheimes Deutschland verkörpern will. Was nun aber ganz konkret das Geheimnis dieses geheimen Deutschlands sein soll, lüftet auch Baal Müller nicht.

baalmllerBaal Müller
Der Vorsprung der Besiegten – Identität nach der Niederlage

96 Seiten, kartoniert mit Fadenheftung

Schnellroda: Edition Antaios 2009

ISBN: 978-3-935063-84-5
8,50 EUR





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