Auf der Sachbuch-Bestenliste

Die Schrift des verstorbenen Historikers Rolf Peter Sieferle „Finis Germania“ fand überraschende Anerkennung, enthält aber rechtsextremistische Positionen.

Freitag, 21. Juli 2017
Armin Pfahl-Traughber

Am 1. Juni 2017 veröffentlichte die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ auf der ersten Seite einen kleinen Artikel, der mit „Rechtsextremes Buch gelobt“ überschrieben war. Berichtet wurde, dass eine Sachbuch-Empfehlungsliste des „Norddeutschen Rundfunks“ und der „Süddeutschen Zeitung“ das Buch „Finis Germania“ von Rolf Peter Sieferle empfohlen hatte. Es ist im Verlag Antaios erschienen, der der Neuen Rechten zugeordnet werden kann. Fortan gab es einige Artikel in den Feuilletons der Qualitätspresse, die von einer gewissen Aufgeregtheit gekennzeichnet waren. Demnach handele es sich um ein antisemitisches, geschichtsrevisionistisches und rechtsextremistisches Werk. Doch wie angemessen sind diese Einschätzungen? Nachdem wieder eine gewisse Ruhe eingetreten ist, können auch differenzierte Wertungen vorgenommen werden. Diese laufen darauf hinaus, dass das kleine Buch weder für den Nationalsozialismus eintritt noch den Holocaust leugnet. Gleichwohl handelt es sich tatsächlich um eine rechtsextremistische Schrift.

Um diese Einschätzung nachvollziehbar zu machen, bedarf es vor dem Blick in den Text einiger Ausführungen zum Verfasser. Bei Rolf Peter Sieferle (1949-2016) handelte es sich um einen relativ bekannten Historiker, der lange an der Universität Sankt Gallen gelehrt hatte. Seine Forschungsschwerpunkte waren Ideen-, Kultur-, Sozial- und Umweltgeschichte. Bereits 1995 legte er ein Buch „Die konservative Revolution. Fünf biographische Skizzen“ vor, das Denker dieser geistigen Strömung portraitierte, ohne ihre antidemokratische Orientierung kritisch zu thematisieren. Während seiner Hochschullehrertätigkeit schrieb Sieferle offenbar Kommentare zu unterschiedlichen Themen. Diese wurden aber zu seinen Lebzeiten nicht veröffentlicht. Nachdem der Autor 2016 Suizid beging, gelangten sie zum Verlag Antaios. Der kleine Band „Finis Germania“ stellt eine Sammlung derartiger Texte dar. Diese sind als kommentierende Kurzessays und nicht als wissenschaftliche Erörterungen gehalten, was inhaltliche Missverständnisse möglich macht.

„Zivilreligiös mit ‘Auschwitz’ aufgeladene Kollektivschuld“

Im Nachwort von Raimund Th. Kolb wird die inhaltliche Stoßrichtung der Texte wie folgt zusammengefasst: „Wir werden dominiert von instabilen verhaltensunsicheren und arm an Selbstbewusstsein agierenden ‚Herrschaftseliten‘ mit einem vom tief-verwurzelten Sozialdemokratismus geprägten ‚kleinbürgerlich-amorphen Politikstil‘. Ein in alle Lebensbereiche sich hineinfressender Relativismus und eine zivilreligiös mit ‚Auschwitz‘ aufgeladene Kollektivschuld inklusive dem Gebot permanenter Buße bedrängen unser ohnehin zu Furcht, Angst und gelegentlich Panik neigendes ‚Hühner-Volk‘, das Volk der Nazis, das als ‚negativ auserwähltes Volk‘ seine einzige Bestimmung im Verschwinden aus der realen Geschichte findet und sich entsprechend zu fügen weiß“ (S. 103f.).

Derartige Auffassungen deuten die inhaltliche Richtung von „Finis Germania“ bereits an. Dabei geht das Beklagen über gesellschaftliche Gegebenheiten mit der ironisch bis zynischen Kommentierung von verschiedenen Politikfeldern einher. Die Geschichtspolitik bildet den Schwerpunkt: Bereits auf den ersten Seiten wird in der „Vergangenheitsbewältigung“ eine „direkte Fortschreibung der Entente-Propaganda des Ersten und Zweiten Weltkriegs“ (S. 8) gesehen, wobei bezogen auf die Forschungsentwicklung der Historiker doch eine sehr schiefe Wahrnehmung zu erkennen gibt.

„Aufruf zur permanenten Buße“

Noch bedenklicher wird es, wenn Sieferle im späteren Text die „Vergangenheitsbewältigung“ stärker kommentiert. Zunächst scheint er zu bedauern, dass Antisemitismus ein „Tabu“ sei und „Kritik an den Juden … auf die sorgfältigste Weise in die Versicherung eingepackt werden“ müsse, es „handle sich dabei keineswegs um Antisemitismus“. Es heißt dann weiter, dass Auschwitz „zum letzten Mythos einer durch und durch rationalisierten Welt geworden“ (S. 63) sei. Auch Holocaust-Leugner sprechen mitunter vom „Auschwitz-Mythos“. Doch so ist dies bei dem Autor nicht gemeint. Sieferle bestreitet die Massenvernichtung der Juden nicht. Gleichwohl zieht sich durch das ganze Buch eine deutliche Relativierung und Verharmlosung.

Dann heißt es beispielsweise: „Aus der Kollektivschuld der Deutschen, die auf ‚Auschwitz‘ zurückgeht, folgt ebenfalls der Aufruf zur permanenten Buße …“ (S. 66). Hier ignoriert der Autor, dass keineswegs von einer Kollektivschuld der Deutschen die Rede ist, gilt doch Schuld immer als individuell und nie als kollektiv. Wie viele rechtsextremistische Revisionisten bediente sich Sieferle hier einer Manipulationstechnik, welche eine fiktive Auffassung benennt, um diese besser kritisieren zu können. Dies läuft dann bei ihm weiterhin darauf hinaus, auch den Juden eine historische „Schuld“ zuzuschreiben. Es heißt bei Sieferle bezogen auf die Kreuzigung von Jesus: „Die Juden waren nun diejenigen, welche nicht nur diese ungeheure (wenn auch heilsgeschichtlich notwendige) Verbrechen verübt hatten – sie weigerten sich auch, zu glauben, dass Jesus der Christus sei, und schlugen somit das Angebot der Erlösung ab“ (S. 67). Deutlich wird hier eine Annahme aus dem Arsenal der religiösen Judenfeindschaft bemüht, welche bis ins Mittelalter zurückgeht.

Nachvollziehbar bei der Neuen Rechten gelandet

Auschwitz war für Sieferle eine Staatsreligion. Er schrieb mit ironisierendem Ausdruck: „Das Erste Gebot aber lautet: Du sollst keinen Holocaust neben mir haben. Das Ritual der Vergangenheitsbewältigung besitzt Züge einer veritablen Staatsreligion“(S. 70). Auch Formulierungen wie „die ominösen sechs Millionen“ (S. 78) rutschten dem Autor mitunter heraus, was eben auch für eine bestimmte Einstellung steht. Doch warum war Sieferle die Kritik daran so wichtig? Er sah in diesem Geschichtsbild eine Hemmschwelle, die Einwände gegen den Multikulturalismus unmöglich machen wolle. Denn „der Gegner des Programms der Multikulturalität“ sei „das indigene Volk der Industrieländer, dessen Widerstand gegen Immigration und Überfremdung durch eine programmatische Identifikation mit Faschismus/Rassismus/Rechtsradikalismus gebrochen werden soll“ (S. 84). Während somit Sieferle der von ihm abgelehnten politischen Seite eine inhaltliche Instrumentalisierung vorwarf, praktizierte er sie selbst für seine Migrationsfeindlichkeit.

Aber auch darüber hinaus handelt es sich um ein antidemokratisches und rechtsextremistisches Buch. Es heißt beispielsweise: „Die moderne, zivilisierte Gesellschaft ist in der Tat demokratisch, d.h. es herrscht in ihr der kleine Mann, und er prägt ihr seinen Stempel auf.“ Und weiter: „Die Massenzivilisation ist deshalb so unkultiviert (und merkt dies nicht einmal), weil in ihr ein vulgärer Typus an der Herrschaft ist: der Massenmensch…“ (S. 92). Diese elitäre Anmaßung geht einher mit einem relativierenden Geschichtsrevisionismus.

Damit ist Sieferles Buch durchaus nachvollziehbar bei der Neuen Rechten gelandet. Denn auch diese huldigt nicht den Nationalsozialismus und leugnet auch nicht den Völkermord. Dort hat man andere Formen gefunden, um die Erinnerung an die Verbrechen zu relativieren.

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