Auf dem Weg zum esoterischen Öko-Sozialismus? Alain de Benoist plädiert für eine „Kultur des Maßhaltens“
Geschrieben hat Alain des Benoist das Buch nach eigenen Angaben, „bevor im Herbst 2008 die weltweite Finanzkrise losbrach.“ (6) Ihm geht es folglich weniger um die Analyse aktueller Tendenzen des Weltkapitalismus als um die Kritik ihrer grundsätzlichen Entwicklungspfade. Einen wesentlichen Zusammenhang sieht er zwischen beiden Phänomenen dennoch: Eine Überproduktion, und darin klingt fast eine marxistisch inspirierte Krisenanalyse an, materieller Güter habe nicht nur die Grundlagen der heutigen Finanz-, sondern auch die der seit mehreren Jahrzehnten andauernden Ökokrise geschaffen.
Was dann folgt, ist wenig originell: Der Autor trägt auf 70 Seiten sorgsam zahlreiche Bücher und Zeitschriftenartikel zum Problemkomplex „Ökokrise“ vor. Auf den Punkt gebracht überschreiten die Darlegungen jedoch nicht die bereits im Vorwort formulierte Position, dass ein „unendliches materielles Wachstum in einer endlichen Welt“ schlicht nicht möglich sei und sich die westlichen Staaten vom Paradigma des „Produktivismus“ (25) verabschieden müssten. Insbesondere hebt Alain de Benoist darauf ab, dass eine Übertragung des westlichen Wachstumskapitalismus auf die Schwellen- und Entwicklungsländer unweigerlich den ökologischen Tod des Planeten Erde zur Folge hätte.
Auf diese Situation sieht er nur zwei mögliche Reaktionen: eine oberflächen- und eine tiefenökologische Strategie – grundsätzlich konkurrierende Positionen, wie bspw. die Kritik an der These des von Menschenhand verursachten CO2-Anstiegs in der Erdatmosphäre, wie sie in der JF regelmäßig vorgetragen werden, ignoriert Alain de Benoist gleich ganz:
Tja, und wie nun weiter? Man liest Alain de Benoist und weiß es einfach nicht, denn über Appelle an ein verändertes Bewusstsein gehen seine Empfehlungen nicht hinaus. Aber selbst ein verändertes Bewusstsein allein würde am Ende auch recht wenig helfen. Spielen wir das Ganze einfach einmal durch: Er will den Produktivismus des modernen Industriekapitalismus in Frage stellen – um die Menschen als Menschen zu retten und zugleich die Natur. Das geht nach seiner Meinung nur durch Verzicht auf materiellen Konsum. Lassen wir dabei die Frage, wie dies in einem demokratischen System eigentlich durchgesetzt werden könnte, einmal ganz beiseite: Die Folge wäre ein geringeres Wirtschaftswachstum als heute, vielleicht sogar die Schrumpfung. Der Kapitalismus ist jedoch systemisch auf Wachstum angelegt. Der durch den technischen Fortschritt Jahr für Jahr induzierte Produktivitätszuwachs bildet die so genannte Beschäftigungsschwelle. Diese muss das jährliche Wirtschaftswachstum überschreiten, um überhaupt den Bestand an Arbeit unter gleich bleibenden Bedingungen zu erhalten.
Alain de Benoists Plädoyer für eine „Kultur des Maßhaltens“ würde also zunächst einmal vor allem eine Erhöhung der Arbeitslosigkeit und erhebliche soziale Schieflagen zur Folge haben. Diese wiederum könnten über den Sozialstaat kaum bedient werden, da dieser aufgrund der Schrumpfung seinerseits weniger Mittel zur Verfügung hätte. Übrigens sieht Alain de Benoist diese möglichen Folgen seiner Strategie selbst sehr klar: „Es wäre also sehr gut möglich, daß eine ständige Wachstumsrücknahme um soundsoviel Prozent im Jahr unter heutigen Gegebenheiten ein regelrechtes soziales Chaos verursachen würde.“ (83) Und diese Folgen gälten selbst dann, wenn die Menschen ihre Konsumansprüche einfrierten oder gar reduzierten.
Es klafft also eine seltsame Lücke zwischen dem Wollen des Alain de Benoist und der kapitalistischen Wirklichkeit. Einen konkreten Vorschlag, wie man vom einen Ufer zum anderen gelangen könnte, bietet er nicht. Dabei scheinen die Schlussfolgerungen zwingend, auch wenn sie der Vordenker der französischen „Neuen Rechten“ nicht ausspricht: Wenn sich die Menschen in ihrem Konsum bescheiden sollen, zur Produktion dieses Reichtums aufgrund der Produktivitätsentwicklung jedoch immer weniger Arbeit vonnöten ist, verwandeln sich alle wirtschaftlichen Probleme in eines der bloßen Verteilung: von Arbeitszeit und finanziellen Ansprüchen auf den erwirtschafteten Reichtum. Alain de Benoists Prämissen führen also direkt in einen esoterisch-ökologisch angehauchten Verteilungssozialismus. Da passt es wie die Faust auf's Auge, dass er die ungerechte Verteilung des ökonomischen Reichtums unter den Bedingungen der Globalisierung wie folgt geißelt: „In den heutigen Gesellschaften verteilt sich der Reichtum an der Spitze nicht entlang der Gesellschaftspyramide nach unten, sondern die Reichen werden immer reicher und die Armen immer ärmer.“ (68) Lafontaine und Gysi lassen grüßen!
Das alles überhaupt noch „rechts“ zu nennen, fällt schwer. Kein Wunder also, dass er für seine unscharfe Vision einer anderen Welt eine „vollkommen neuartige ideologische Landschaft“ herbeisehnt: „Eine sozialistische Linke, die die Weitsicht hätte, mit dem Fortschrittsdenken zu brechen, wäre heutzutage der natürliche Verbündete einer Rechten, die wiederum den Autoritarismus, die Metaphysik der Subjektivität und die Logik des Profits überwinden könnte.“ (97) Wie allerdings ein solches Bündnis zustande kommen, welche Welt sie konkret erstreben und vor allem wie sie sie errichten soll, bleibt völlig im Unklaren. Alain de Benoist hat gewiss in der Vergangenheit so manches umstrittene, aber auch inspirierende Buch geschrieben. Dieses weitere unter den sehr vielen zugunsten einer „Kultur des Maßhaltens“ gehört indes nicht dazu. Er hätte am besten selbst ein wenig Maß gehalten.
Benoist, Alain de
Abschied vom Wachstum
Für eine Kultur des Maßhaltens
(Junge Freiheit)
ISBN: 978-3-929886-33-7
ca. 200 S. - 24,90 Eur[D]
Was dann folgt, ist wenig originell: Der Autor trägt auf 70 Seiten sorgsam zahlreiche Bücher und Zeitschriftenartikel zum Problemkomplex „Ökokrise“ vor. Auf den Punkt gebracht überschreiten die Darlegungen jedoch nicht die bereits im Vorwort formulierte Position, dass ein „unendliches materielles Wachstum in einer endlichen Welt“ schlicht nicht möglich sei und sich die westlichen Staaten vom Paradigma des „Produktivismus“ (25) verabschieden müssten. Insbesondere hebt Alain de Benoist darauf ab, dass eine Übertragung des westlichen Wachstumskapitalismus auf die Schwellen- und Entwicklungsländer unweigerlich den ökologischen Tod des Planeten Erde zur Folge hätte.
Auf diese Situation sieht er nur zwei mögliche Reaktionen: eine oberflächen- und eine tiefenökologische Strategie – grundsätzlich konkurrierende Positionen, wie bspw. die Kritik an der These des von Menschenhand verursachten CO2-Anstiegs in der Erdatmosphäre, wie sie in der JF regelmäßig vorgetragen werden, ignoriert Alain de Benoist gleich ganz:
- Unter einer oberflächlichen Ökostrategie versteht er Ansätze, die den westlichen Wachstumskapitalismus in seinen Prämissen nicht in Frage stellen, sondern mit ihm vereinbar machen wollen. Es geht also um ein „grünes Wachstum“, um die rabiate Besteuerung des Ressourcenverbrauchs und um eine Effizienzrevolution. Alain de Benoist allerdings scheint das keine überzeugende Lösung zu sein, auch wenn sich der Grund dafür nicht recht in Erfahrung bringen lässt: „Echtes ökologisches Denken ist etwas völlig anderes.“ (142), meint er. Dass ihm dabei das Christentum und der von ihm begründete Herrschaftsanspruch über die Natur, der in der Moderne im Rahmen des Industrialismus erst recht an Fahrt gewinnt, ein Dorn im Auge ist, verwundert wenig.
- Mit dem Ansatz der Tiefenökologie, dem Alain de Benoist offenkundig zuneigt, werde hingegen fundamental mit den Werten der modernen Welt gebrochen. Nicht nur soll die Natur aus der bloßen Zweck-Mittel-Beziehung heraus gerissen und ihre Eigenwürde wieder hergestellt, sondern der Mensch nicht länger als Konsumautomat anthropologisch verfehlt werden: „In seiner erhabensten Ausprägung verfolgt der Umweltschutz ebendieses Ziel einer Wiedervereinigung dessen, was willkürlich getrennt worden ist: Seele und Körper, Geist und Materie, Subjekt und Objekt, die Teile vom ganzen, der Mensch vom restlichen Universum.“ (131f) An vorchristlichen Naturreligionen lobt der Franzose daher vor allem, dass diese den Kosmos in seiner Gesamtheit noch als beseelt und lebendig sowie den Menschen als dessen organischen Bestandteil verstanden hätten.
Tja, und wie nun weiter? Man liest Alain de Benoist und weiß es einfach nicht, denn über Appelle an ein verändertes Bewusstsein gehen seine Empfehlungen nicht hinaus. Aber selbst ein verändertes Bewusstsein allein würde am Ende auch recht wenig helfen. Spielen wir das Ganze einfach einmal durch: Er will den Produktivismus des modernen Industriekapitalismus in Frage stellen – um die Menschen als Menschen zu retten und zugleich die Natur. Das geht nach seiner Meinung nur durch Verzicht auf materiellen Konsum. Lassen wir dabei die Frage, wie dies in einem demokratischen System eigentlich durchgesetzt werden könnte, einmal ganz beiseite: Die Folge wäre ein geringeres Wirtschaftswachstum als heute, vielleicht sogar die Schrumpfung. Der Kapitalismus ist jedoch systemisch auf Wachstum angelegt. Der durch den technischen Fortschritt Jahr für Jahr induzierte Produktivitätszuwachs bildet die so genannte Beschäftigungsschwelle. Diese muss das jährliche Wirtschaftswachstum überschreiten, um überhaupt den Bestand an Arbeit unter gleich bleibenden Bedingungen zu erhalten.
Alain de Benoists Plädoyer für eine „Kultur des Maßhaltens“ würde also zunächst einmal vor allem eine Erhöhung der Arbeitslosigkeit und erhebliche soziale Schieflagen zur Folge haben. Diese wiederum könnten über den Sozialstaat kaum bedient werden, da dieser aufgrund der Schrumpfung seinerseits weniger Mittel zur Verfügung hätte. Übrigens sieht Alain de Benoist diese möglichen Folgen seiner Strategie selbst sehr klar: „Es wäre also sehr gut möglich, daß eine ständige Wachstumsrücknahme um soundsoviel Prozent im Jahr unter heutigen Gegebenheiten ein regelrechtes soziales Chaos verursachen würde.“ (83) Und diese Folgen gälten selbst dann, wenn die Menschen ihre Konsumansprüche einfrierten oder gar reduzierten.
Es klafft also eine seltsame Lücke zwischen dem Wollen des Alain de Benoist und der kapitalistischen Wirklichkeit. Einen konkreten Vorschlag, wie man vom einen Ufer zum anderen gelangen könnte, bietet er nicht. Dabei scheinen die Schlussfolgerungen zwingend, auch wenn sie der Vordenker der französischen „Neuen Rechten“ nicht ausspricht: Wenn sich die Menschen in ihrem Konsum bescheiden sollen, zur Produktion dieses Reichtums aufgrund der Produktivitätsentwicklung jedoch immer weniger Arbeit vonnöten ist, verwandeln sich alle wirtschaftlichen Probleme in eines der bloßen Verteilung: von Arbeitszeit und finanziellen Ansprüchen auf den erwirtschafteten Reichtum. Alain de Benoists Prämissen führen also direkt in einen esoterisch-ökologisch angehauchten Verteilungssozialismus. Da passt es wie die Faust auf's Auge, dass er die ungerechte Verteilung des ökonomischen Reichtums unter den Bedingungen der Globalisierung wie folgt geißelt: „In den heutigen Gesellschaften verteilt sich der Reichtum an der Spitze nicht entlang der Gesellschaftspyramide nach unten, sondern die Reichen werden immer reicher und die Armen immer ärmer.“ (68) Lafontaine und Gysi lassen grüßen!
Das alles überhaupt noch „rechts“ zu nennen, fällt schwer. Kein Wunder also, dass er für seine unscharfe Vision einer anderen Welt eine „vollkommen neuartige ideologische Landschaft“ herbeisehnt: „Eine sozialistische Linke, die die Weitsicht hätte, mit dem Fortschrittsdenken zu brechen, wäre heutzutage der natürliche Verbündete einer Rechten, die wiederum den Autoritarismus, die Metaphysik der Subjektivität und die Logik des Profits überwinden könnte.“ (97) Wie allerdings ein solches Bündnis zustande kommen, welche Welt sie konkret erstreben und vor allem wie sie sie errichten soll, bleibt völlig im Unklaren. Alain de Benoist hat gewiss in der Vergangenheit so manches umstrittene, aber auch inspirierende Buch geschrieben. Dieses weitere unter den sehr vielen zugunsten einer „Kultur des Maßhaltens“ gehört indes nicht dazu. Er hätte am besten selbst ein wenig Maß gehalten.
Benoist, Alain deAbschied vom Wachstum
Für eine Kultur des Maßhaltens
(Junge Freiheit)
ISBN: 978-3-929886-33-7
ca. 200 S. - 24,90 Eur[D]