Auf dem rechten Auge blind, Die braunen Wurzeln des BKA (2001)

Das BKA als Klon des NS-Vorgängers

Freitag, 12. August 2005
Gudrun Giese
Vor ziemlich genau 51 Jahren, am 8. März 1951, nahm eine neue Behörde in Wiesbaden ihre Arbeit auf: das Bundeskriminalamt, kurz: BKA. Wirklich neu war jedoch an dieser Einrichtung allenfalls der Name. Aufbau, Arbeitsgebiete und vor allem das Gros des Leitungspersonals deckten sich bis zur Verwechselbarkeit mit denen des Reichskriminalpolizeiamtes, das in der NS-Zeit als gleichgeschaltete Polizeibehörde parallel zu Gestapo und Sicherheitsdienst für Unrecht und Verbrechen verantwortlich zeichnete. Mit wahrhaft kriminalistischem Spürsinn hat der ehemalige BKA-Kriminaldirektor Dieter Schenk die Vor- und Entstehungsgeschichte der obersten bundesdeutschen Polizeibehörde recherchiert. Der Band "Auf dem rechten Auge blind" ist Ergebnis seiner Arbeit, zu der Michel Friedman im Vorwort schreibt: "Ich würde mir wünschen, dass das Bundeskriminalamt die Vorwürfe dieses Buches schonungslos aufklärt." Bis zum Erscheinen des Bandes sah es nicht so aus, als ob das BKA selbst auch nur das geringste Interesse an der von Schenk betriebenen Aufklärung hätte. Wie wäre es sonst zu erklären, dass der Autor trotz einer von Innenminister Otto Schily im März 2000 zugebilligten Akteneinsicht bis Ende August 2001 vom BKA kein einziges Blatt aus dem hauseigenen Archiv erhalten hatte? Schenk ließ sich freilich von dieser fehlenden Kooperationsbereitschaft nicht entmutigen. Im Bundesarchiv, in Landesarchiven, bei der Gauck-Behörde und zahlreichen anderen Einrichtungen fand er, was er suchte: Dokumente, die hinreichend Aufschluss über die braunen Wurzeln des BKA geben. Viele Einzelpersonen, vor allem aber das nach 1945 schon bald vom "Kalten Krieg" geprägte Klima in der entstehenden Bundesrepublik haben dazu beigetragen, dass überzeugte Nazis und Kriegsverbrecher in den unterschiedlichsten Institutionen nahezu nahtlos an ihre frühere Karriere anknüpfen konnten. Im Fall des BKA war die weitgehende Fortführung alter Konzepte und Strukturen eng mit zwei Personen verknüpft: Paul Dickopf und Rolf Holle, beide Teilnehmer des 13. Kriminalkommissar-Anwärterlehrgangs am Polizeiinstitut Berlin-Charlottenburg. "Der Querschnitt der Lehrgangsteilnehmer entsprach der Personalpolitik, wie sie vom ,Architekten’ des Reichssicherheitshauptamtes, Dr. Werner Best, betrieben wurde", schreibt Schenk. Die Besetzung von Führungsposten in der Nazi-Kriminalpolizei war gekoppelt an "Aufstiegswillen mit einer Affinität zu den Elite- und Ordensvorstellungen der SS". Dickopf, der sich seinerseits später als "Architekt des BKA" bezeichnete und vierter Präsident des Amtes wurde, verstand es ausgezeichnet, seine Rolle im NS-Staat zu vertuschen und Ungereimtheiten in seinem Lebenslauf mit immer wieder neuen Legenden zu verharmlosen. Den Grundstein seiner Nachkriegskarriere legte er jedenfalls während des Zweiten Weltkrieges, als er in der Schweiz eine Agententätigkeit für den US-Geheimdienst OSS, Vorläufer des CIA, aufnahm. Bald nach 1945 begann Dickopf gemeinsam mit seinem ehemaligen Lehrgangskollegen Holle Konzepte für eine zentrale Polizei in den Westzonen des besetzten Deutschlands zu entwickeln. Mit wenigen Abstrichen konnte Dickopf seine Vorstellungen bei der ab 1949 CDU-geführten Bundesregierung durchsetzen. Dazu Dieter Schenk: "Das aus dem nationalsozialistischen Reichskriminalpolizeiamt geklonte Bundeskriminalamt richtete sich auf so gut wie allen Feldern nach seinem Vorbild." Ermittlungen richteten sich schwerpunktmäßig gegen "Linke"; die Beobachtung alter und neuer Nazis wurde dagegen vernachlässigt. Auch in der Terminologie änderte sich wenig: "So genannten Berufs- und Gewohnheitsverbrechern verweigerte man den Opferstatus." Die Mehrzahl aller Leitungspositionen im BKA war mit früheren Mitgliedern der NSDAP und der SS besetzt. Eine Aufstellung von 1958 ergab, dass von 47 Mitarbeitern des Leitenden Dienstes im BKA lediglich 14 keinen SS-(Angleichungs-)Dienstgrad gehabt hatten und nur zwei überhaupt ohne NS-Vergangenheit waren. Dieter Schenk hat eine wichtige Lücke geschlossen, indem er nachweist, wie stark die Kontinuität vom NS-Staat zur Bundesrepublik auch in diesem Bereich war. Sein Buch ist aufgrund der enormen Faktenfülle nicht leicht zu lesen; als Nachschlagewerk ist es unverzichtbar.
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