Auf dem Boden der Tatsachen

Ein halbes Jahr ist Udo Pastörs nun in dem Amt, von dem er seit Jahren geträumt hatte. Dass es kein Traumjob ist, NPD-Vorsitzender zu sein, dürfte er freilich längst gespürt haben.

Dienstag, 10. Juni 2014
Tomas Sager

Im vorigen Dezember spülte ihn der „Skandal“ um den Ex-Vorsitzenden Holger Apfel ins Amt. Es bot sich niemand anderes dafür an, auf dem Chefsessel Platz zu nehmen. Pastörs stand in der Parteihierarchie ausreichend weit oben. Und jede andere Personalentscheidung wäre entweder ein Schritt zurück ins Vorgestern der NPD-Geschichte gewesen oder ein bloßes Weiterwursteln auf dem von Apfel skizzierten Weg einer „seriösen Radikalität“, der in den Augen vieler Mitglieder und der neonazistischen Unterstützer ohne Parteiausweis als gescheitert galt. Blieb Pastörs, dem man trotz Anzug, weißem Hemd und Krawatte die Seriosität zwar nicht abnimmt, wohl aber die Radikalität, die braune Bierzelte in Stimmung bringen kann.

Doch sollte er geglaubt haben, er könnte nun schalten und walten in „seiner“ Partei, so wurde Pastörs ebenso rasch wie unsanft auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Beim Parteitag Mitte Januar wurde nicht er, sondern Udo Voigt als Spitzenkandidat bei der Europawahl nominiert. Ausgerechnet Voigt, gegen den Pastörs schon einmal den Kürzeren gezogen hatte, als er im April 2009 nach der Macht in der Partei gegriffen hatte. Aus der Enge der Schweriner Landtagsfraktion und dem Mief der Köpenicker NPD-Zentrale hatte Pastörs aufbrechen wollen nach Europa. Doch mit Voigt zeigte ihm einer die Grenzen auf, den seine Anhänger „Vorsitzender der Herzen“ nennen. Wohl niemand käme auf die Idee, Pastörs Herzlichkeit zu bescheinigen oder die Verteidigung seiner Person zur Herzenssache zu erklären. Man jubelt ihm zwar zu, wenn er gegen die „Judenrepublik“ wettert oder vor „türkischen Samenkanonen“ warnt – beliebt oder gar geliebt ist er dennoch nicht.

In den Niederungen der NPD-Politik

Statt auf der großen Bühne Europa spielen zu können – quasi auf Augenhöhe mit „Front National“ oder FPÖ –, musste sich Pastörs in den Niederungen der NPD-Politik abmühen. Über Wochen zerstritten sich Mitglieder und „parteifreie“ Neonazis über die Frage, welche Rolle ein Ex-Porno-Sternchen in der Szene spiele dürfe. NPD-Generalsekretär Peter Marx stolperte schließlich über die „Affäre“ und musste zurücktreten. Schon zuvor hatte er das Amt als Geschäftsführer von Pastörs Landtagsfraktion in Schwerin verloren, und in Zeitungen konnte Marx Pastörs’ kalte Absage an eine weitere Zusammenarbeit nachlesen: „Wir haben keine Anschlussverwendung mehr für ihn.“

Das klang stark, doch Pastörs war in diesem Jahr alles andere als das. Im Streit um den Hamburger Landesvorsitzenden Thomas („Steiner“) Wulff, den die Parteispitze gerne aus der NPD werfen würde, musste er erkennen, dass auch ein Vorsitzender an Satzung und Schiedsgerichtsentscheidungen gebunden ist. Und zu allem Überfluss durfte er sich von Wulff auch noch anhören, dass er selbst, Pastörs, mit „dümmlichen Dampfplaudereien“ Argumente für ein NPD-Verbot geliefert habe.

„Name NPD völlig verbrannt“

Nicht in den Griff zu bekommen ist für den Neuen an der Parteispitze offenbar auch die NPD-Zentrale in Berlin. Anfang Juni wurde bekannt, dass wieder einmal Mitarbeiter die Entlassungspapiere erhalten hatten: Ein wichtiges Dokument, dass man beim Bundestag hätte vorlegen müssen, um Gelder aus der staatlichen Parteienfinanzierung kassieren zu können, war spurlos verschwunden.

Auch das Ergebnis bei der Europawahl brachte keine Entlastung im von Pastörs proklamierten „Kampfjahr“ 2014. Die NPD gewann zwar ein Mandat, blieb mit 1,0 Prozent aber auf Splittergruppenniveau. Sogar die Tierschutzpartei holte mehr Stimmen als die, die ausgezogen waren, Deutschland zu retten. „Kein Ruhmesblatt“, kommentierte Parteivize Karl Richter das Ergebnis. Er macht sich offenbar wenig Hoffnung, dass die NPD rasch auf einen erfolgreicheren Kurs zu bringen ist: „Es wird wohl noch herberer Klapse auf den Hinterkopf bedürfen – die werden kommen, verlaßt euch drauf.“ Einige Funktionäre denken offenbar an einen radikalen Neuanfang, der nicht einmal vor dem Namen haltmacht. In ganz Europa würden „volkstreue Parteien“ gewählt, der „,Bürgerschreck’ NPD“ aber nicht, meint Matthias Pohl, Landesvorstandsmitglied in NRW. Er hofft auf die „Einsicht, dass die NPD (Name m.M. sogar völlig verbrannt) einen modernen Nationalismus mit einer breiten Themenpalette vertreten muss“. Die „Jungs, die eher auf den Krawall auf der Straße aus sind“, könnten ja gerne zur Worch-Partei „Die Rechte“ gehen.

„Komplett neue Struktur“

Dass Pastörs solche Ratschläge aufnimmt, scheint unwahrscheinlich. Bei einer Veranstaltung des von ihm nicht geliebten „Freundeskreises Udo Voigt“ versprach er einen „neuen Aufbruch der NPD“, ohne aber wirklich konkret zu werden. So viel verriet er immerhin: Spätestens im Herbst werde man „zu einer komplett neuen Struktur kommen, vorstandsmäßig, vorsitzendenmäßig“. Fast klang es, als bereite Pastörs bereits seinen Abgang von der Spitze vor. Eine Lücke würde er kaum hinterlassen. Seine beiden Vorgänger standen für unterschiedliche strategische oder taktische Ansätze: Voigt öffnete ganz weit die Türen für Neonazis aus dem militanten Kameradschaftsspektrum, Apfel wollte sich um eine seriöser wirkende Außendarstellung der Partei bemühen. Was Pastörs will oder wollte, ist hingegen nicht erkennbar.

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