von Simon Berger
   

Aue: Über 1.000 Teilnehmer nach Neonazi-Mobilisierung

Nachdem an Heiligabend ein ehrenamtlicher Helfer in Aue mit einem Messer angegriffen wurde, hat es die lokale NPD-Gliederung geschafft, über 1000 Menschen zu mobilisieren. Neben vielen Menschen aus dem bürgerlichen Milieu nahmen auch gewaltbereite Neonazis aus der Region teil.

Mitglieder des Dritten Weges mischten sich ebenfalls unter die Teilnehmer. Foto: Simon Berger

Spätestens seit den rassistischen Aufmärschen von Chemnitz ist der rechten Szene bewusst, welches Mobilisierungspotential Straftaten mit mutmaßlich migrantischen Tätern haben. So auch in Aue: Nachdem am Abend des 24. Dezember ein ehrenamtlicher Helfer der hiesigen, evangelischen Kirchgemeinde nach einer Auseinandersetzung mit einem Messer angegriffen wurde, mobilisierte die NPD in sozialen Medien zu einer Kundgebung. Der Grund: Ein 53-jähriger Syrer sitzt in Untersuchungshaft.

Massives Mobilisierungspotential

Während der Tathergang laut Ermittlern noch unklar ist, verbreitete sich der rechtsextreme Aufruf in den sozialen Medien massiv: Über 3.000 Mal wurde er auf Facebook geteilt. Letztlich zog es laut Polizei ca. 2.200 Menschen in die Erzgebirgsstadt, während Beobachter von 1.000 bis 1.500 Teilnehmern ausgehen – ein beachtlicher Mobilisierungserfolg für die sonst schwächelnde NPD um Kommunalpolitiker Stefan Hartung.

Wenig überraschend: Neben vielen Demonstranten aus dem bürgerlichen Spektrum waren auch Mitglieder von offen rechtsextremen Gruppierungen vor Ort: Aktivisten der neonazistischen Kleinstpartei Der Dritte Weg positionierten sich öffentlichkeitswirksam mit Transparenten in der Menge und fotografierten demonstrativ Pressevertreter, daneben standen Personen aus dem Umfeld der vom Verfassungsschutz beobachteten Lokalpartei Pro Chemnitz. Kurz vor Ende der Demonstration wurde ein Journalist von Neonazis bedrängt. Die Polizei löste die Situation auf und verwies die Rechtsextremisten.

Kirchenschelte und Ost-West-Konflikt im Erzgebirge?

Dass die Teilnehmer der Kundgebung auf dem Altmarkt keine Ahnung hatten, welcher Art Kundgebung sie beiwohnten, kann man indes nicht gelten lassen: Gleich zu Beginn stellte sich Hartung als NPD-Mann vor. Auch Martin Kohlmann und Pro Chemnitz dürften den Menschen in der Region ein Begriff seien. Er gilt als einer der Initiatoren der rassistischen Aufmärsche im Spätsommer 2018. In seiner Rede – die Kohlmann selbst als „Predigt“ bezeichnete – kritisierte er die sogenannte „etablierte Pfarrerschaft“ und deren Deutung des christlichen Glaubens. Zudem deutete Kohlmann einmal mehr separatistische Fantasien an: So wie sich das „israelische Reich“ der biblischen Zeit spaltete, sei dies auch in Deutschland möglich, deutete er an. „Wenn der Westen untergehen will, dann wollen wir nicht mit!“ – nicht das erste Mal, dass Kohlmann solche Gedanken äußert.

 

 

Am Ende der Kundgebung wurde das Steiger-Lied – ein traditionelles Bergmannslied aus der Region – gesungen, welches um eine Strophe erweitert wurde: „Denn sie lieben die Heimat und sie lieben ihr Volk - Denn sie lieben die Heimat und sie lieben ihr Volk und bleiben Deutsch und bleiben Deutsch.“

Kirchgemeinde widersetzt sich Instrumentalisierung

Derweil wehrte sich die betroffene Kirchgemeinde gegen eine Vereinnahmung der Tat durch NPD und Co.: „Wir verwahren uns dagegen, diese Straftat zum Anlass zu nehmen, alle Fremden als potenzielle Gewalttäter zu betrachten. Denn dieser schrecklichen Tat eines Migranten stehen ungezählte gute Erfahrungen mit Migranten entgegen", hieß es in einer Stellungnahme der St.-Nicolai-Kirchgemeinde.

Mit einem Friedensgebet wollte die Gemeinde ein Zeichen gegen Rassismus und „sinnlosen Hass“ setzen. Etwa 500 Menschen beteiligten sich an der Zeremonie. Das Bündnis „Chemnitz Nazifrei“ entschied sich auf eine Gegendemonstration zu verzichten und verwies mit der Entscheidung auf lokale zivilgesellschaftliche Akteure.

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