von Andreas Landauer
   

„Armeekorps-Bezirke“: Reichsbürger planen groß

Hunderte Reichsbürger haben sich zusammengeschlossen, um das Deutsche Kaiserreich neu aufzubauen. Dazu haben sie den "Vaterländischen Hilfsdienst" gegründet. Zu den Aufgaben sollen auch Polizeieinsätze gehören.

"Die Deutschen kommen zu sich" - mit Reichsflagge und dem Slogan wird um Mitstreiter geworben. Foto: Screenshot

 „Melde dich jetzt freiwillig zum Vaterländischen Hilfsdienst und beteilige dich an der Reorganisation des Vaterlandes!“ So steht es auf Flugblättern und Postkarten einer neuen bundesweiten Gruppierung aus der Reichsbürgerszene, Interessenten sollen sich bei einer Dresdner bzw. einer Berliner Telefonnummer melden. Der „Vaterländische Hilfsdienst“ (VHD) orientiert sich dabei an einem Gesetz aus dem Ersten Weltkrieg, das Männer im Alter zwischen dem 17. und 60. Lebensjahr, die nicht als Soldaten dienten, zur Arbeit in kriegswichtigen Betrieben verpflichtete.

Weil im Glauben der Reichsbürger der Kriegszustand niemals aufgehoben und Wilhelm II. als Deutscher Kaiser niemals abgesetzt worden sein soll, sollen damalige Gesetze bis heute gelten. Im vergangenen Jahr wurde deshalb der VHD neu aufgebaut. Mit ihm soll das Kaiserreich, im Wording der Reichsbürger der „Ewige Bund“, wieder handlungsfähig gemacht werden.

Einsatz als „Polizeivollstreckungsbeamte – überall, wo Bedarf besteht“

Inzwischen haben sich im gesamten Bundesgebiet mindestens 13 VHD-Regionalgruppen, sogenannte „Armeekorps-Bezirke“, gegründet. Auf Gruppenfotos dieser „Armeekorps-Bezirke“ sind jeweils zwischen 10 und 30 Erwachsene zu sehen, die trotz Corona-Pandemie weder Maske tragen noch Abstände einhalten.

Welche Aufgaben die VHD-Mitglieder übernehmen sollen, ist auf einer Website beschrieben: Sie können von der Leitung des VHD „in allen Bereichen des staatlichen Lebens und Wirkens eingesetzt werden: In Wirtschaft und Produktion, in Landwirtschaft und Verwaltung, selbst als Polizeivollstreckungsbeamte – überall, wo Bedarf besteht.“

Was passieren kann, wenn Reichsbürger hoheitliche Aufgaben ausüben wollen, zeigte sich 2012 im sächsischen Bärwalde. Damals versuchten uniformierte Reichsbürger des „Deutschen Polizei Hilfswerks“ einen Gerichtsvollzieher zu fesseln und gefangen zu nehmen. 13 Personen wurden daraufhin wegen gemeinschaftlicher Freiheitsberaubung in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung und dem Missbrauch von Amtszeichen zu mehrmonatigen Haftstrafen verurteilt.

Mit Reichsfahnen zu Kaiser-Wilhelm-Denkmal

Ob VHD-Mitglieder bereits versucht haben, ihre Vorstellung von Staatsgewalt auszuüben, ist nicht bekannt. Veröffentlichte Aktivitäten beschränken sich bisher auf Treffen mit Kaffee und Kuchen, Vorträge über die Illegitimität der Bundesrepublik Deutschland und dem Aufstellen von Grablichtern mit VHD-Emblem zum Volkstrauertag.

Ein bundesweites Treffen Anfang August beschäftigte die Polizei. Am Kaiser-Wilhelm-Denkmal stellten die Beamten etwa 20 Personen mit verschiedenen Flaggen, darunter der Reichsflagge, sowie einem Banner mit der Aufschrift „Deutschland kommt zu sich – komm einfach mit“ fest. Die Polizei löste die nicht angemeldete Versammlung auf. Bei den Teilnehmern, die aus mehreren Bundesländern angereist waren, wurden ein Messer, ein Tierabwehrspray und Betäubungsmittel gefunden.

Ganz oben in der Hierarchie des VHD steht ein „Generaldirektor“, das Pseudoamt bekleidet aktuell ein Mann, der als „Sascha“ Vorträge und Reden hält. In einer seiner Reden, die er bei einer Demonstration am 19. November 2019 in Berlin gehalten hatte, sagte er bewundernd über Otto von Bismarck: „Er war der Mann, der erkannt hat, wo die Gefahr der Demokratie liegt und er war der erste, der sie bekämpft hat.“

Fachkollegien zu „Militärverwaltung“ und „Staatsanwaltschaft“

„Sascha“ ist, so steht es auf der Website des VHD, Gründer weiterer Strukturen in der Reichsbürgerszene, darunter „Bismarcks Erben“ und das daran angeschlossene „Preußische Institut“. Dieses wird als Struktur von Reichsbürgern und Selbstverwaltern im Bericht des Verfassungsschutzes Mecklenburg-Vorpommern für 2019 erwähnt.

Neben den „Armeekorps-Bezirken“ sollen Fachkollegien Gesetze aus dem Kaiserreich recherchieren. Dazu gehören zum Beispiel die Kollegien „Traditionelles Handwerk“ und „Manneszucht“, aber auch „Polizeirecht“, „Militärverwaltung“ und „Staatsanwaltschaft“. Auf der Grundlage der Arbeit dieser Kollegien soll das Kaiserreich „reorganisiert“ - und damit in letzter Konsequenz die Bundesrepublik Deutschland abgeschafft werden.

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