von Robert Scholz
   

Arendt: Eichmann „ein unvergleichlich furchtbarerer Typus Mensch als jeder Mörder“

Heute vor 40 Jahren, am 11. April 1961, begann in Jerusalem der Prozess gegen den wegen millionenfachen Mordes angeklagten ehemaligen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann. Das Urteil im Dezember desselben Jahres lautete: Tod durch den Strang.

Die jüdische Philosophin Hannah Arendt beobachtete den Prozess und prägte in ihrem zwei Jahre nach dem Prozess erschienen Bericht „Eichmann in Jerusalem“ den Ausdruck der „Banalität des Bösen“. Eichmann, so Arendt, sei der „größte Verbrecher seiner Zeit“, gleichzeitig aber auch ein „Hanswurst“ und Schreibtischtäter. Kritiker warfen ihr daraufhin vor, die Schuld Eichmanns zu banalisieren.

In dem am 9. November 1964 aufgezeichneten Gespräch des Südwestfunks zwischen Arendt und dem Historiker Joachim Fest kann von einer Banalisierung keine Rede sein. Im Gegenteil – den Einwurf Fests, ob Eichmann „nicht vielmehr Funktion in einem Mordapparat als wirklich Mörder“ war, weist Arendt zurück:

Ich würde sagen, diese Art zu morden, vom Schreibtisch oder in Massen, ist natürlich ein unvergleichlich furchtbarerer Typus Mensch als jeder Mörder, weil er gar kein Bezug mehr auf sein Opfer hat. Er tötet ja wirklich als ob's Fliegen sind. [...] Er ist in die Sache reingerutscht. Aber, ich kann mir Mörder vorstellen, die mir erheblich sympathischer sind, wenn ich es so sagen darf, als Herr Eichmann.

Den wirklich lesenswerten Auszug aus dem Gespräch hat der SWR in Text und Ton wiederveröffentlicht. Das Original in gesamter Länge gibt es hier im pdf-Format.

Kommentare(3)

TheCharlie Dienstag, 12.April 2011, 07:48 Uhr:
Interessant in diesem Fall Eichmann ist doch wohl auch die Tatsache, dass dem BND der Aufenthaltsort dieses Schreibtischmassenmörders von Beginn der 1950iger Jahre an bekannt war. Und nicht der Mossad hat ihn sich geschnappt, sondern ein anderer israelischer Kleingeheimdienst. Der BND und seine braune Vergangenheit ist nicht bewältigte und nicht aufgearbeite deutsche Geschichte. Oder wie soll man verstehen, dass der SS-Mörder Barbie für den BND in Bolivien tätig war oder dass der SS-Oberscharführer Karl Josef Silberbauer, seines Zeichens der Nazi-Scherge, der 1944 Anne Frank festnahm und nach Auschwitz schickte, für den BND als Anwerber arbeitete?! Auf antikommunistische Erfahrungsschätze konnte und wollte die frühe Bundesrepublik nicht verzichten.

Linkverweise und Quellen:
http://amerika21.de/nachrichten/2011/01/21242/barbie-suedamerika-ruestung
http://nachrichten.rp-online.de/politik/anne-franks-peiniger-arbeitete-fuer-den-bnd-1.600225
 
B.C. Dienstag, 12.April 2011, 14:45 Uhr:
@charlie
daraus laesst sich fuer mich auch erklaeren, wie es kommt, dass vermeintlichen verfassungsfeinden aus vermeintlich "linkem" spektrum gesetzeswidrig ueber jahrzehnte nachgestellt wird:
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,754472,00.html

nicht ganz so lange:
http://www.stern.de/politik/deutschland/g8-razzia-opfer-ich-verfuehre-keine-anderen-589169.html

aehnliche motivationslage:
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,526645,00.html

mir ist noch nicht aufgefallen, dass gegen rechtsextremismus aehnlich rechtsstaatlich riskant vorgegangen wird.
 
Amtsträger Mittwoch, 13.April 2011, 06:33 Uhr:
Es gibt 17 Ämter für Verfassungsschutz. Die hier aufgezeigtne Fälle betreffen jeweils andere Ämter.
Hier einen Zusammenhang darzustellen ist mindestens sehr gewagt ;)
 

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