Antisemitismus in der deutschen Geschichte

Was wissen wir schon über Antisemitismus?

Donnerstag, 06. Mai 2004
Gudrun Giese
Dass die Nationalsozialisten ihn zur Staatsdoktrin erhoben und ihre judenfeindliche "Politik" im Holocaust mündete – das ist sicher noch allgemeines Wissensgut. Aber die Vorgeschichte? Die Wurzeln des Antisemitismus? Ein Feld für Historiker und andere Experten, so scheint es fast.Um so lobenswerter muss hervorgehoben werden, wenn ein allgemein verständliches, im Umfang knappes, doch gleichzeitig fundiertes Werk erscheint, das den "Antisemitismus in der deutschen Geschichte" zum Thema macht. Der Kölner Politologe Armin Pfahl-Traughber hat das Kunststück fertig gebracht, auf nicht einmal 170 Seiten einen Abriss des Themas zu geben. Der von der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit in Berlin herausgegebene Band enthält alles, was für einen Einstieg in das Themenfeld nötig ist: Begriffsdefinition, chronologische Schilderungen von Antisemitismus, exemplarische Schicksale und ausgewählte Darstellungen von Protagonisten des Antisemitismus’.Pfahl-Traughber arbeitet heraus, dass eine frühe Form des Antisemitismus im Christentum wurzelt. Hier versuchten die Vertreter einer neuen Religion mit diskriminierenden Aussagen und Alleinvertretungsanspruch die ältere Religion, eben das Judentum, schlecht zu machen. So entstand um das Jahr 130 n.Ch. der "Barnabasbrief", in dem, so schreibt der Autor, "die Schriften des Alten Testaments als ausschließlich den Christen gehörend beschrieben (werden) und diese als die wahren Erben der Offenbarung Gottes zur Zeit des alten Israels gelten". Mit der allmählichen Vorherrschaft der christlichen Religion im Bereich des heutigen Deutschlands verlor der rein religiös motivierte Antisemitismus an Bedeutung. Nunmehr diente die Diskriminierung von Juden und das Zurückdrängen "der gesellschaftlichen Bedeutung der jüdischen Gemeinden" zunehmend einem neuen Zweck: Hier ließ sich mit einfachen Mitteln ein identitätsstiftendes Feindbild konstruieren.Sieben unterschiedliche Formen des Antisemitismus nennt Pfahl-Traughber: Neben dem religiösen, den sozialen, den politischen, den kulturellen, den rassistischen, den "neuen" und den "antizionistischen" Antisemitismus. Die Wendung weg von religiös gespeisten Klischees vollzog sich allmählich, wobei bis in die jüngste Vergangenheit auf den Vorurteilsfundus aus frühester Geschichte zurückgegriffen wurde und wird. "In der Neuzeit bildeten die sozialen Motive den eigentlichen ideologischen Kern bei der Ablehnung der Juden, die aber weiterhin mit den im Mittelalter entstandenen Zerrbildern der Minderheit einherging", schreibt der Autor. Bis in die Gegenwart wird jüdischen Bürgern "vorgeworfen", Erfolg bei Geld- oder Handelsgeschäften zu haben – eine Klischeevorstellung, die ihren historischen Kern in der mittelalterlichen Vorgabe hat, dass Juden kein anderes Gewerbe als das des Händlers oder Wucherers ergreifen durften.Es gab – kurze – Phasen der "Entspannung" im Verhältnis der Mehrheitsgesellschaft gegenüber den jüdischen Bürgern. So setzte ab Ende des 18. Jahrhunderts im Zuge von zunehmender Säkularisierung, Aufklärung und wirtschaftlicher Entwicklung eine Phase ein, in der Antisemitismus in Deutschland keine vorrangige Rolle spielte. Doch reichte der Fundus an Vorurteilen stets, um in Krisenzeiten auf Ressentiments zurückzugreifen, wie Mitte des 19. Jahrhunderts etwa bei gegen Juden gerichteten Aufständen im Rheinland deutlich wurde.Die nie wirklich überwundenen Vorurteile gegenüber jüdischen Menschen mündeten schließlich im verstärkt wiederauflebenden Antisemitismus während des Kaiserreiches und nach dem Ersten Weltkrieg, für dessen Ausgang konservative und nationalistische Kräfte sowohl Sozialisten wie "Juden" verantwortlich zu machen suchten ("Dolchstoßlegende"). Und nicht zuletzt griffen die Nationalsozialisten auf den gewaltig großen Vorrat an Vorurteilen zurück, um ihren Rassenwahn mit perfiden Mitteln zu "begründen". "Eine neue Variante des Antisemitismus entstand mit dem Rassismus, der sich im Unterschied zu den genannten Formen als dezidiert wissenschaftlich gab und eine biologisch begründete Abwertung von Juden vornahm."Auch in der Jetztzeit, das belegen in den Band aufgenommene Umfragen, das zeigt aber auch die unsägliche Möllemann-Debatte des vergangenen Jahres, ist Antisemitismus keineswegs nur ein Thema für den Geschichtsunterricht. Doch sollte er dort verstärkt behandelt werden.Bezug über Landeszentrale für Politische Bildung, An der Urania 4-10, 10787 Berlin, Tel. 030/90162552, Fax. -/90162538.
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