von Martin Hagen
   

Analyse zu Antisemitismus der AfD: Juden als Verschwörer und „Störenfriede“

Die AfD gibt sich immer wieder als Fürsprecher der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland. Dabei ist die Partei selbst tief im antisemitischen Denken verankert. Zu diesem Schluss kommt eine aktuelle Analyse des American Jewish Committee.

Laut Studie des "American Jewish Committee" sei Antisemitismus sei ein „Kernelement der Parteiideologie“ der AfD.

Schon 2017 pries die inzwischen ausgeschiedene AfD-Vorsitzende Frauke Petry ihre Partei als „einer der wenigen politischen Garanten jüdischen Lebens“ in Deutschland an. Die AfD gibt sich gerne als parlamentarische Vertretung der Juden und Jüdinnen und prangert immer wieder antisemitische Einstellungen unter Muslimen und Geflüchteten an. Auch die Gründung der Interessengruppe „Juden in der AfD“ im Jahr 2018 sollte diesen Eindruck offenkundig untermauern.

In der Realität verbreitet die Partei aber selbst antisemitische Stereotype und Denkmuster. Das geht aus einer Analyse hervor, die das American Jewish Committee Berlin vor wenigen Tagen veröffentlichte. Laut Remko Leemhuis, Direktor der deutschen Vertretung der US-NGO, konzentriere sich die öffentliche Debatte auf Rassismus und Demokratiefeindlichkeit der Alternative für Deutschland. „Dem Antisemitismus der AfD wurde indes aus unserer Sicht bisher noch nicht ausreichend die gebotene Aufmerksamkeit zu Teil. Dies ist aus unserer Sicht problematisch“, so Leemhuis.

Die mangelnde Debatte liege mitunter an der Selbstdarstellung der AfD als pro-jüdisch und pro-israelisch. Der AJC-Direktor hält das für einen Irrtum: “Bei der näheren Betrachtung der AfD wird allerdings rasch deutlich, dass diese Positionierung rein taktischer Natur ist, dient diese vermeintliche Parteinahme doch nur als Mittel für ihre rassistische und migrationsfeindliche Propaganda.” Antisemitismus sei ein „Kernelement der Parteiideologie“ der AfD.

Verschwörungsdenken und Antisemitismus gehen Hand in Hand

Das zeige sich vor allem an der Affinität der AfD zu Verschwörungserzählungen: Wer von einer geschlossenen Elite mit bösartien Interesse ausgehe, greife schnell auf Juden als Feindbild zurück. Der Schritt von den „Globalisten“ zur „jüdischen Weltverschwörung“ sei klein, so die Analyse, die von Politikwissenschaftler Lars Rensmann verfasst wurde. Schließlich existieren antisemitische Stereotype und Codes seit Jahrhunderten in Deutschland. AfD-Kader müssen so nicht zwangsläufig offen aussprechen, wer als Feind markiert werden soll, um ihren Anhänger verständlich zu machen, was sie meinen. Das mit dem US-Milliardär George Soros ein Jude zu einem der prominentesten Feindbilder der AfD erklärt wird, dürfte also kaum überraschen. Ein modernisierter Antisemitismus - und offenkundig ein salonfähiger.

So befanden bei einer Umfrage des Instituts Allensbach 55 Prozent der befragten AfD-Wähler, dass Juden „auf der Welt zu viel Einfluss“ hätten. Bei einer ähnlichen Befragung durch die Universität Hamburg stimmten sogar 59 Prozent der AfD-Anhänger zu, wenn vom „großen Einfluss der Juden“ die Rede ist – bei den anderen Parteien teilten im Schnitt nur 16 Prozent diese antisemitischen Stereotype. Eine Reihe weiterer Studien belegen die weite Verbreitung antisemitischer Haltungen unter Anhängern der Partei. „In der AfD-Wählerschaft erweist sich Antisemitismus insofern als mehrheitsfähige Einstellung, die sich in den politischen Positionen der Parteiführung reflektiert“, resümiert Rensmann.

„Rehabilitierung eines ungebrochenen deutschen Nationalismus“

Zudem äußere sich der Antisemitismus der AfD auch in ihrem Geschichtsbild: Aussagen von Björn Höcke, der eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ fordert oder Alexander Gauland, der den Nationalsozialismus als „Vogelschiss“ bezeichnet, seien keine Einzelfälle. Die Partei wirke gezielt auf eine Idealisierung der deutschen Geschichte hin, um einen „ungebrochenen deutschen Nationalismus“ zu etablieren. Die Erinnerung an den Holocaust und die Verbrechen des Zweiten Weltkrieges stünden dem im Weg. Juden und Jüdinnen werden, so Rensmann, zu „Störenfrieden“ beim Versuch der AfD eine „national(istisch)e Erinnerungskultur“ zu popularisieren.

In der Ideologie der AfD, so Rensmann, ist der Antisemitismus tief verankert. Nicht nur in offener Form, sondern auch als Teil des völkischen Nationalismus, für den weite Teile der Partei eintreten, fallen antisemitische Vorstellungen auf. Juden werden demnach nicht nur als „Fremde“, sondern oftmals auch als Bedrohung, als Feinde im Inneren wahrgenommen. Die AfD knüpfe damit an jahrhundertealte Traditionen antisemitischen Denkens an. Auch vor dem Hintergrund der wachsenden verschwörungsideologischen Bewegungen von Querdenkern und Co. dürfte dies in Zukunft nicht an Relevanz verlieren.

Die Broschüre „Die Mobilisierung des Ressentiments – Zur Analyse des Antisemitismus in der AfD“ lässt sich auf der Website des American Jewish Committees herunterladen

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