Altgedienter Kader als Späher in Thüringen?

Der bayerische Verfassungsschutz soll in den 90er Jahren einen langjährigen, bekannten Neonazi-Funktionär aus Franken als V-Mann im Umfeld der späteren Terroristenbande Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) installiert haben.

Mittwoch, 17. Oktober 2012
Anton Maegerle

Der heute 48-jährige Kai Dalek soll ab den Jahren 1994/95 regelmäßig an Stammtischen der späteren Rechtsterroristen Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe teilgenommen haben und am Aufbau rechtsextremer Strukturen in Thüringen beteiligt gewesen sein, berichten verschiedene Medien.

Dass Dalek V-Mann gewesen sein sollte, mutmaßte bereits im Jahr 2003 das NPD-Organ „Deutsche Stimme“. Dalek gehöre der Reihe von „zwielichtigen Gestalten“ an, „die erwiesenermaßen Mitarbeiter des VS waren oder zumindest ganz zufälligerweise von einem Tag auf den nächsten vom Erdboden verschwanden“, so das Parteiblatt. Der NPD-Artikel sorgte für Wirbel in der Neonazi-Szene, sodass sich Christian Worch, langjähriger Weggefährte von Dalek, zur Ehrenrettung von Dalek bemüßigt sah. Daleks Rückzug aus der politischen Arbeit, so Worch in einem Schreiben, „zog sich über mehr als ein Jahr hin; das mag für NPD-Vorständler mit ihrem seltsamen Zeitverständnis ‚von einem  Tag auf den anderen’ sein, aber schwerlich für normale Menschen“.

Auflistung von „antideutschen Kräften“

Dalek war einer der Führungsköpfe der 1984 vom damaligen Neonazi-Führer Michael Kühnen gegründeten  „Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front“ (GdNF) und Mitglied der 1989 aus dem Bremer Landesverband der Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP) heraus gegründeten  Kühnen-treuen „Deutschen Alternative“ (DA). Der umtriebige Neonazi leitete ab 1988 die GdNF-Vorfeldorganisation „Antikommunistische Aktion“ (ANTIKO), eine Vorläuferorganisation der Anti-Antifa.  Eingebunden war Dalek auch in die Erstellung der „Anti-Antifa“-Publikation „Der Einblick – Die nationalistische Widerstandszeitschrift gegen zunehmenden Rotfront- und Anarchoterror“. Die Auflistung von „antideutschen Kräften“ darin, darunter zahlreiche Fach-Journalisten, sorgte Ende 1993 für bundesweite Schlagzeilen.

Über Jahre hinweg zählte Dalek zu den führenden Köpfen des „Aktionskomitees Rudolf Heß“. Heß, so Dalek in einem Schreiben an die „lieben Kameraden“ vom Juni 1992, sei ein „deutscher Held“. 1996 fand das Gedenken an den Hitler-Stellvertreter Heß  am 17. August in der rheinland-pfälzischen Stadt Worms statt. Unter den Aufmarschierern waren auch Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe. Der heutige NPD-Bundesvorsitzende Holger Apfel wurde wegen des nicht ordnungsgemäßen Anmeldens und der Durchführung dieses „Gedenkmarsches“ zu einer Geldstrafe von 2700 Mark verurteilt.

Dienel zur „‘Unperson’ im Nationalen Lager erklärt“

Ebenfalls  im Jahr 1996 Jahr wurde der thüringische Neonazi Thomas Dienel, zeitweilig Bundesvorsitzender der „Deutsch Nationalen Partei“ (DNP) und zuvor thüringischer NPD-Landesvorsitzender aus dem „Aktionskomitee Rudolf Heß“ ausgeschlossen. Dienel hatte Geld und Sachwerte der Neonazi-Knasttruppe „Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige“ (HNG) für sich einbehalten. Im Namen des „Aktionskomitees Rudolf Heß“ gab Dalek kund, dass Dienel deshalb „zur ‚Unperson’ im Nationalen Lager erklärt“ werde. Dienel war zu diesem Zeitpunkt V-Mann des thüringischen Landesamtes für Verfassungsschutz. Veröffentlicht wurde das Schreiben zum „Fall Thomas Dienel“ unter anderem in der Szene-Publikation „Der Weiße Wolf“. Einige Ausgaben später war im „Weißen Wolf“ zu lesen: „Vielen Dank an den NSU, es hat Früchte getragen;-) Der Kampf geht weiter...“

Der Computerexperte Dalek alais „Undertaker“ war auch einer der  Köpfe des am 20. März 1993 gegründeten Neonazi-Mailbox-Verbunds „Thule-Netz“.  Über „Undertaker“ äußerte Thekla Kosche alias „Gothmag99“, Betreiberin der Mailbox „Asgard BBS“, seinerzeit: „Kai vertritt eine dumme und gefährliche Art des Pseudo-Nationalismus, die nicht zum Segen unseres Volkes gereichen wird.“ Er habe ihr und ihren „Nürnberger Freunden einen denkbar schlechten Eindruck hinterlassen. Dazu gehört sein rüpelhaftes Benehmen genauso wie die unverhohlen zum Ausdruck gebrachte Sympathie für Terror und Gewalt als legitimes Mittel im politischen Kampf.“ Dalek, so urteilte Kosche, sei ein „gewöhnlicher Krimineller“.

„Die Kameraden zurückpfeifen, damit es nicht weitere Tote gibt“

1997 schlug „Undertaker“, Betreiber der Mailbox „Kraftwerk“, im „Thule-Netz“ zunehmend militante Töne an: Die Terroraktion des Berliner Polizistenmörders Kay Diesner kommentierte er folgendermaßen: „Das hätten sich die Schreibtischtäter (gemeint sind Verfassungsschützer) mit Sicherheit nicht träumen lassen, wie manche Kameraden auf Verbote reagieren können. Dass da Kameraden mal die Sicherung durchbrennt, ist verständlich und von meiner Seite nachvollziehbar.“ Dalek weiter: „Wie sagte Kamerad Christian Worch vor ein paar Jahren sinngemäß: Sie werden uns auf Knien bitten, dass wir die Kameraden wieder zurückpfeifen, damit es nicht weitere Tote geben wird.“

1997 zeigte sich Dalek in einem Leserbrief an das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ über die „steigende Gewaltbereitschaft im Land“ besorgt und gab kund, dass „Otto Normalverbraucher immer mehr mitbekommt, dass er allein um seine Sicherheit kämpfen muss.“ Am 9. September 2000 verübten die NSU-Terroristen ihren ersten Mord. Auf der Ladefläche seines Transporters wurde der aus dem hessischen Schlüchtern kommendes 38-jährige türkische Blumenhändler Enver Simsek in Nürnberg durch mehrere Schüsse aus zwei verschiedenen Waffen ermordet.

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