Alljährliches braunes Treiben in der Heide
Abgeschottet von der Öffentlichkeit hat der rechtsextreme „Bund für Gotterkenntnis (Ludendorff)“ (BfG) seine „Ostertagung“ im niedersächsischen Dorfmark bei Bad Fallingbostel (Heidekreis) abgehalten. Trotz Protests finden die Antisemiten noch immer Räumlichkeiten für ihre Treffen. Ein Rechtsextremist attackierte Journalisten.
Britische Touristen, die das Osterwochenende in der Lüneburger Heide verbrachten, wunderten sich über das große Polizeiaufgebot. Rund 150 Demonstranten beteiligten sich an einem Protestzug durch den Ort und einer Mahnwache nahe des Hotels „Deutsches Haus“, in dem der BfG seit Jahren seine Veranstaltungen abhält. „Die Zukunft hat eine lange Vergangenheit“ stand auf einem Transparent der Gegendemonstranten. Ein „Bündnis gegen Ludendorffer“ hatte wie in den Vorjahren zum Protest gegen die Tagung aufgerufen. Gewerkschaften, Kirchen, Parteien und andere zivilgesellschaftliche Gruppen beteiligten sich. Mit Liedern und Parolen machten sie klar, dass sie das braune Treiben in der Heide nicht unwidersprochen lassen wollen.
Doch im niedersächsischen Dorfmark sieht das nicht jeder so. Die Pensionen freuen sich über die regelmäßigen Einkünfte durch Übernachtungen. Auf diese will auch das „Deutsche Haus“ nicht verzichten. Trotz einer einstimmig beschlossenen Resolution des Bad Fallingbosteler Stadtrates von 2008, in der an die Betreiber von Gaststätten und Hotels dazu aufgefordert werden, rassistischen Gruppen keine Tagungsräume und Unterkünfte zur Verfügung zu stellen, finden die „Ludendorffer“ weiterhin Platz für ihre Veranstaltungen.
Mitgliederversammlungen im Rahmen der „Ostertagung“
Seit etwa vier Jahrzehnten treffen sich die „Ludendorffer“ am Osterwochenende in dem 3200-Einwohner-Ort nahe Bad Fallingbostel (Heidekreis). Gut zu erreichen, direkt an der Autobahn im Dreieck zwischen Hamburg, Bremen und Hannover gelegen, reisen vor allem „Ludendorffer“ aus Norddeutschland an. Doch auch aus den neuen Bundesländern, Süd- und Westdeutschland kamen Ludendorff-Anhänger. Seit den 90er Jahren führt der BfG auch die Mitgliederversammlungen im Rahmen der „Ostertagung“ durch.
Wie viele „Ludendorffer“ in diesem Jahr kamen, konnte ein Polizeisprecher nicht sagen. Die „Ludendorffer“ schotten sich nach Außen ab. Laut Verfassungsschutzämtern zählt der BfG rund 240 Mitglieder. Weitere „Ludendorffer“ sind in anderen Vereinen und losen „Freundeskreisen“ organisiert. Insgesamt ist von einigen Tausend Anhängern und Sympathisanten, vor allem in Deutschland und Österreich, auszugehen. Aber auch in Schweden und sogar in Frankreich sind vereinzelt Anhänger der rassistischen Ideologie bekannt.
Gerade einmal rund 50 „Ludendorffer“ waren bis Freitagmittag angereist. Der Protest vor dem Tagungshotel schreckte offenbar ab. Nur wenige trugen völkische Kleidung. Ab Samstag schlenderten dann jedoch wieder „Ludendorffer“-Familien in Tracht durch den kleinen Heideort. Mehr als 100 Völkische waren es am Ostersonntag. Auch ein ehemaliger Richter, der Mitglied der „Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher“ (AUD) war, zählte zu den Gästen. Begrüßt wurden viele eintreffende Teilnehmer von einem älteren Herrn in Knickerbocker vor dem „Deutschen Haus“.
Geschlossene Veranstaltung im „Deutschen Haus“
Gudrun Klink stellte am Freitag vor dem Tagungshotel Schilder mit Zitaten von Rosa Luxemburg, Albert Schweitzer und Voltaire auf. Nach Außen will man die Meinungsfreiheit hochhalten. Seit zwei Jahren führt die Apothekerin Klink (Jg. 1962) aus Ingelfingen (Hohenlohekreis) im Nordosten Baden-Württembergs den BfG. Vorher war sie bereits führend in dem Verein tätig. Auch ihr Mann nahm an der Tagung teil.
Nicht zufällig wird die „Ostertagung“ in Niedersachsen abgehalten, denn hier wohnen zahlreiche „Ludendorffer“-Familien. Die beiden stellvertretenden Vorsitzenden des BfG, Gerhard Fuchs (Jg. 1932) und Gernot Lange (Jg. 1945), wohnen in dem Bundesland. Fuchs aus Hankensbüttel (Kreis Gifhorn) zeichnet für die Internetpräsenz des Vereins verantwortlich. BfG-Vize Lange aus Kirchdorf (Kreis Diepholz) organisierte zumindest 2010 mehrmals BfG-Veranstaltungen im ostwestfälischen Minden.
Die Tagung in Dorfmark fand hinter verschlossenen Türen statt. Kurz vor 10.00 Uhr hängte am Karfreitag eine Frau ein Schild mit der Aufschrift „geschlossene Gesellschaft“ an die Eingangstür des „Deutschen Hauses“. Nur nach vorheriger schriftlicher Anmeldung und mit einer Teilnahmebestätigung erhielten Gäste Zutritt. Das Programm der viertägigen Veranstaltung wurde im Vorfeld nicht auf der Internetseite des Vereins bekanntgegeben. Wie in den Vorjahren standen auch dieses Mal wieder Themen wie Kindererziehung und Historisches mit eindeutigem Tenor auf dem Plan. Titel der Vorträge lauteten: „Propaganda und Manipulation mit Hilfe der Sprache“, „Roosevelts Krieg und das geschichtspolitische Problem seiner Akzeptanz“ und „Wer sind die Araber, was bedeutet der Islam?“. Ferner fragen sich die „Ludendorffer“: „Menschenwürde und Freiheitsrechte in Gefahr?“
Verfassungsschutz-Chef warnt vor Indoktrinierung von Kindern
„Vergnügliche Lesungen“ und ein „bunter Abend“ gehörten ebenso zu dem Treffen wie ein „Osterkonzert mit Gedenken an Friedrich den Großen“. Weitere Veranstaltungen der Tagung, die unter einem Zitat von Friedrich dem Großen stand, handelten von dem Lyriker Joseph von Eichendorff und dem „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn („ein Philosoph aus dem Leben“). Eine Lesung aus Mathilde Ludendorffs Werken durfte selbstverständlich nicht fehlen. Getagt wurde im „Deutschen Haus“, das Konzert am Sonntagnachmittag wurde jedoch im Festsaal des Hotels „Zur Post“ durchgeführt.
Die Gewaltbereitschaft eines Teilnehmers bekamen am Sonntagnachmittag zwei Journalisten vor dem „Deutschen Haus“ zu spüren. Nach Zeugenaussagen attackierte ein Teilnehmer der Tagung die Fotografen und zerstörte eine Kamera. Bei dem Täter soll es sich um den bekannten ehemaligen NPD-Strategen Steffen H. (Jg. 1962) gehandelt haben. H. nahm bereits mehrmals an „Ostertagungen“ in Dorfmark teil. In seinem Auto lag eine Kiste mit Büchern, unter anderem vom rechtsextremen Grabert-Verlag aus Tübingen. Nach der Aufnahme der Anzeigen wegen Körperverletzung und Sachbeschädigung rückte die Polizei wieder ab. Die Tagung von über 100 Rechtsextremisten blieb weiterhin unbeobachtet. Bereits vor zwei Jahren waren Journalisten bei der Dokumentation des „Ludendorffer“-Treffens von Teilnehmern angegangen worden. Auch damals wurde ihre Ausrüstung beschädigt.
Viele Kinder und Jugendliche kamen auch in diesem Jahr wieder nach Dorfmark. Wolfgang Ratz aus dem nahen Walsrode (Heidekreis) nahm Anmeldungen für günstige Unterkünfte für Jugendliche entgegen. Niedersachsens Verfassungsschutz-Chef Hans-Werner Wargel warnte unlängst vor einer Indoktrinierung von Kindern durch die „Ludendorffer“.
In der Anti-Atomkraft-Bewegung aktiv
Die Tagung der „Ludendorffer“ beschäftigte im vergangenen Jahr auch den niedersächsischen Landtag. Nachdem der grüne Bundestagsabgeordnete Sven-Christian Kindler, wie er sagt, von der Polizei in der Ausübung seiner Kontrollrechte als Abgeordneter behindert wurde, thematisierten die Grünen im Landtag die BfG-„Ostertagung“ mit einer kleinen Anfrage. Wenig erhellend war die Antwort von Innenminister Uwe Schünemann (CDU): So waren der Landesregierung nicht einmal „Programmteile mit überwiegend unterhaltendem Inhalt“ bekannt.
Verbindungen haben die „Ludendorffer“ nicht nur in andere rechtsextreme Kreise, sondern auch in soziale Bewegungen. In der Anti-Atomkraft-Bewegung war beispielsweise Heidrun Beißwenger aus dem niedersächsischen Höhbeck (Kreis Lüchow-Dannenberg) aktiv. Als Lehrerin in Hamburg war sie Gründungsmitglied des Vereins „Ferienheim Schönhagen“, der in Schleswig-Holstein bis heute eine Immobilie der „Ludendorffer“ betreibt. Nach Eigenangaben war sie treibende Kraft im „Gorleben-Widerstand“ der 70er Jahre. Die ehemalige Realschullehrerin soll zudem beim „41. Treffen des Überbündischen Kreises Süd“ zwei Vorträge gehalten haben.
Auch der „Ludendorffer“ Walther Soyka (1926-2006) hatte sich anfangs in Österreich und später in Bremen als Atomkraft-Gegner betätigt. Trotz seiner Sympathie für die „Gotterkenntnis“ Ludendorffs erlangte er durch seine zahlreichen angestrebten Prozesse gegen Betreiber von Kernkraftwerken innerhalb der Bewegung einen gewissen Ruf.
Die „Stimme des Gewissens“, Hauszeitschrift des 2008 verbotenen neonazistischen „Collegiums Humanum“, sprach den Angehörigen nach Soykas Tod ihre Anteilnahme aus. Ebenso steht der Antisemit Roland Bohlinger (Jg. 1937) aus Bondelum (Kreis Nordfriesland), der mit Soyka zusammengearbeitet hat, den „Ludendorffern“ nahe und erntet heute noch Zuspruch aus dem Umweltschutz-Lager. Bereits 1960 hatte der BfG ein Buch mit dem Titel „Atomtod droht uns allen! Gibt es einen Weg zur Rettung?“ herausgegeben.
Im Vorfeld der diesjährigen Tagung sorgte ein „Informationsabend“ für Ärger unter „Ludendorffer“-Gegnern. In der Ankündigung war von „menschenverachtenden“ Parolen der Demonstranten, die gegen die Rechtsextremisten protestieren, die Rede. Besonders pikant: Eingeladen hatte zu der Veranstaltung ein ehemaliger Pastor. Die antichristliche Ideologie der „Ludendorffer“ sei jedoch bei der Veranstaltung nicht unter die Lupe genommen worden, wie ein Anwesender berichtete. Nach Erich Ludendorff sei das Christentum eine „Propagandalehre zur Herbeiführung der Juden- und Priesterherrschaft“.