von Elmar Vieregge
   

Alemannia Aachen und eine Rechts-Links-Konfrontation in der Fußballfanszene

Alemannia Aachen steht am Abgrund. Sportlich ist der Verein aus der Erstklassigkeit in die 3. Liga gefallen und wirtschaftlich droht die Insolvenz. Der Fußballklub benötigt deshalb gegenwärtig jegliche Unterstützung. Doch ausgerechnet in dieser Lage belastet ein länger bestehender Konflikt innerhalb der eigenen Ultras die heimische Fanszene. Ein Gastbeitrag.

Am 12. Januar 2013 unterstützen die „Aachen Ultras `99“ (ACU) während des Auswärtspokalspiels bei Viktoria Köln zum letztem mal ihren bisherigen Verein. Mit einer Reihe von Spruchbändern warfen sie ihren Rivalen von den „Karlsbande Ultras“ (KBU) noch einmal diskriminierende Gesänge sowie eine Nähe zum Rechtsextremismus vor. Ihre Gegner fühlten sich dadurch provoziert und reagierten mit Angriffen im Stadion. Damit fanden mehrjährige Auseinandersetzungen innerhalb der Fanszene des Traditionsvereins ihren traurigen Höhepunkt. Den Hintergrund des Konflikts bildete eine Kombination aus faninterner Rivalität mit politischen Aspekten vor dem Hintergrund der speziellen Gegebenheiten der Kaiserstadt.

Aachen fällt dadurch auf, dass es nicht auffällt. Eigentlich sorgen ein traditionelles Bürgertum sowie eine Konzentration von Medizinern und technischen Akademikern für ein ruhiges Klima. Im Kontrast dazu steht jedoch die Existenz einer für das Rheinland ungewöhnlich starken rechtsextremistischen Szene. Diese wird von Angehörigen der „Nationaldemokratischen Partei Deutschlands“ (NPD) sowie von Aktivisten der 2012 verbotenen „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL) geprägt. Andererseits sind auch Antifa-Gruppen aktiv und in der Nähe des Hauptbahnhofs befindet sich ein „Autonomes Zentrum“. Beide Lager prallen mindestens einmal jährlich anlässlich der im nahen Stolberg veranstalteten rechtsextremistischen Aufmärsche aufeinander. Zudem ergibt sich die städtebauliche Besonderheit, dass die Kommune trotz ihrer rund 250.000 Einwohner ein übersichtliches Zentrum hat und sich Mitglieder verfeindeter Gruppierungen deshalb häufig begegnen.

Was die Alemannia angeht, fällt zunächst positiv auf, dass sie einen äußerst treuen Fanstamm hat. Allerdings bewegen sich unter ihren Anhängern auch rechtsextremistisch motivierte Personen. Mit den bereits 1999 gegründeten, zuletzt mehrere Dutzend Angehörige umfassenden ACU bestand eine langjährig aktive Ultra-Gruppierung. Innerhalb der Ultraszene entwickelten sich jedoch Differenzen über den Stil der Unterstützung der Mannschaft und über das Klima im Stadion. Diese führten 2010 zur Spaltung und dann zur Gründung der KBU. Während die Karlsbande nach eigenen Angaben auf eine Größe von rund 200 Personen anwuchs, begrenzten die ACU ihr Engagement nicht auf den Fußball, sondern widmeten sich auch politischen Aspekten.

In diesem Zusammenhang thematisierten die ACU nicht nur Rassismus im Fußball, sondern warfen den KBU auch vor, Rechtsextremisten Anschlussmöglichkeiten an die Fanszene ermöglicht zu haben. Darüber hinaus problematisierten sie, dass die im emotionell aufgeladenen Fußball verbreiteten Beleidigungen gegnerischer Fans oder des Schiedsrichters häufig einen sexistischen oder schwulenfeindlichen Charakter haben. Die KBU sahen sich dadurch diffamiert und bezeichneten sich als „unpolitisch“. In dieser Situation boten sich bei beiden Gruppen thematische Anknüpfungspunkte für Radikale, aber auch für Extremisten. So ist der Begriff „unpolitisch“ auch eine bei Rechtextremisten übliche Bezeichnung, um ihre wahre Gesinnung gegenüber der Öffentlichkeit zu verschleiern. Auf der anderen Seite wenden sich nicht nur Demokraten gegen Rassismus und Rechtsextremismus, sondern auch Linksextremisten, die ihre weitergehenden Absichten hinter gesellschaftlich anschlussfähigen Themen verbergen.

Durch diese Positionierungen standen sich beide Vereinigungen unversöhnlich gegenüber und sorgten während einer ihren Verein gefährdenden Krise für interne Unruhe. Dabei dürften die ACU aufgrund ihres Engagements gegen einen von ihnen als sexistisch kritisierten Sprachgebrauch bei vielen tatsächlich nicht an Politik interessieren Fans auf Ablehnung gestoßen sein. Diese könnten ein Vorgehen gegen bestimmte im Stadion gemachte Äußerungen als Anmaßung oder gar als Zwangsmaßnahme „linker“ Aktivisten verstanden haben. Letztendlich blieb die personell übersichtliche Gruppe isoliert und wurde zum Zielobjekt von Übergriffen ihrer Gegner. Diese eskalierten bei mehreren Auswärtsspielen, bei denen Angehörige der ACU von größeren Haufen der eigenen Auswärtsfahrer massiv angegriffen wurden. Die wiederholten körperlichen Attacken sowie die im alltäglichen städtischen Leben bestehende Bedrohung führten schließlich zum Rückzug der 1999 gegründeten Ultra-Gruppe.

Nach der Niederlage der ACU dürfte die Stimmung auf dem Tivoli zukünftig von der „Karlsbande“ geprägt werden, deren Aktivitäten weitere Aufmerksamkeit verdienen. Darüber hinaus hat die gewalttätige Auseinandersetzung eine über die Kaiserstadt hinausreichende Dimension. So könnte es auch unter den Anhängern anderer Vereine zu vergleichbaren Konflikten kommen, sofern sich unterschiedlich ausgerichtete Fangruppen betätigen, die ihre Aktivitäten nicht strikt auf ihren Sport beschränken, sondern Anknüpfungspunkte für Personen aus dem „rechten“ und „linken“ Lager bieten.

Foto: SurfGuard, Lizenz: CC

Kommentare(2)

Stefan Dienstag, 05.Februar 2013, 22:23 Uhr:
Ich möchte vorrausschicken, dass ich nicht sagen will, dass sich die story so zugetragen hat. Aber gemäß dem Motto „Every Angle Every Side „ ist es nicht uninteressant die Dicht der „unpolitischen“ Karlsbande zu sehen. Deren Erinnerung nach wurde von einigen „linksalternativen“ Fans gefordet aus dem damals noch einheitlichen Fangruppierung einige Rechtsextremisten auszuschließen. Nach dem nun sich die betreffenden Rechtsextremisten nichts zu schulde haben kommen lassen ausser extrem rechts zu sein, wurde dies aber von der Mehrheit der Fans abgelehnt. Worauf hin die „linken“ sagten: „Entweder die oder wir“. Nun fanden dass die meisten Fans zwar eher bedauerlich, aber es setzte sich wohl die Meinung durch „Reisende soll man nicht aufhalten.“

Ich will jetzt nicht moralisch bewerten, was richtig oder falsch ist. Jedoch hier scheint mir das Vorgehen. „Da ist ein Nazi, den schmeissen wir raus“ eher nach hinten losgegangen zu sein. Und ich befürchte, dass sich derartige Entwicklungen wiederholen könnte. In einigen Teilen dieser Republik haben wir nicht nur das Problem, dass jeder fünfter Jugendliche irgendwie rechts drauf ist. Das Problem ist dass in einigen Bundesländern viele Jugendliche einen Neonazi kennen, den sie irgendwie sympathisch finden, oder den sie sogar für ihren Kumpel halten. Und damit ist es eben verdammt schwer Mauern zu errichten.

Vereine müssten sich ernsthaft endlich des Problems von rechtsextremen Jugendlichen unter ihren Mitgliedern oder als Fans annehmen. „Rausschmeißen“ scheint zwar eine einfache Lösung zu sein. Ich bezweifle aber dass sie nachhaltig wirkt. Mir scheint es sinnvoller, dass ausgebildete Sozialarbeiter genau dort anfangen zu arbeiten.
 
Jakob Spatz Donnerstag, 07.Februar 2013, 09:48 Uhr:
Aus dem Beitrag geht hervor, dass die `linksetremistischen` versucht haben, Rassismus und Heterosexismus zu thematisieren und verloren haben. Ob Homosexuelle und Migrant_innen solches Vorgehen wohl auch für linke Gängelei halten? Nun, sie werden wohl einfach Spielen der Alemannia fernbleiben. Bevor sie noch als ´Linksextrmisten` gelten. Der Alemannia bleiben Testosteron und Blut und Boden als unpolitischer, weil unumstrittner Normalzustand erhalten.
 

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