Aktive Zustimmung

Die Gewerkschaft ver.di zeigt Dokumente des allgegenwärtigen Nazi-Terrors. Öffentliche Zurschaustellungen wurden von der Bevölkerung mit Interesse verfolgt.

Donnerstag, 31. Januar 2008
Gudrun Giese

Dass nur wenige von den Schrecken des Naziregimes, von der Bedrohung Andersdenkender und der systematischen Judenverfolgung gewusst hätten, gehört zu den Legenden, die sich bis in die Gegenwart in manchen Teilen der Gesellschaft hartnäckig halten. Ein wirksames Mittel gegen diese Art von (Fehl-)Einschätzung kann der Besuch der Ausstellung „Vor aller Augen – Fotodokumente des nationalsozialistischen Terrors in der Provinz“ sein, die in der Mediengalerie der Gewerkschaft ver.di in Berlin gezeigt wird.
Im März 1933, die Machtübernahme der Nazis lag erst wenige Wochen zurück, wurden in vielen kleinen und mittelgroßen Städten Bürgermeister, die der SPD angehörten, regelrecht vorgeführt. Die neuen Herren zwangen sie, beispielsweise das Reichsbannersymbol von Hauswänden zu entfernen. Begleitet von schmähenden Parolen auf Schildern, traten etliche Sozialdemokraten ihren Spießrutenlauf Richtung Gefängnis an. Fotografiert wurde zumeist im Auftrag der Nazis. Unfreiwillig entstanden dabei Dokumente, die belegen, wie groß Interesse und Zustimmung der Bevölkerung zu öffentlichen Zurschaustellungen durch das NS-Regime waren.

Die Stiftung Topographie des Terrors hat die Ausstellung erstmals im September 2002 präsentiert. Seitdem wurde „Vor aller Augen“ in verschiedenen deutschen Städten gezeigt, unter anderem in Heidelberg, Saarbrücken und Riesa. Erika Buchholz und Klaus Hesse, die das Material sammelten und auswerteten, hatten zuvor eine große Zahl von Stadt- und Gemeindearchiven angeschrieben und um Zusendung von Fotos gebeten, die belegen sollten, dass der Naziterror allgegenwärtig war und öffentlich stattfand. Letztlich beteiligten sich 186 Archive am Projekt.

„Die Aufnahmen zeigen viel aktive Zustimmung zu den Geschehnissen. In den meisten Gesichtern der Zuschauer spiegeln sich Häme und Spott für die Gedemütigten“, fasste Andreas Nachama, geschäftsführender Direktor der Stiftung Topographie des Terrors, in seiner Ansprache anlässlich der Ausstellungseröffnung in der Mediengalerie zusammen.

Die ausgewählten Aufnahmen sind mehreren Themenblöcken, wie etwa „Der frühe Terror“, „Antijüdische Aktionen und Diskriminierungen“, „Die Deportation“, zugeordnet. Das Muster der fotografierten Szenen ist ähnlich – gleichgültig, ob sie in Remscheid, Heppenheim oder Rostock entstanden: Menschen – einzeln oder in kleinen Gruppen – wurden in eine entwürdigende Lage gezwungen und öffentlich vorgeführt. Es traf Juden, Sinti und Roma, Sozialdemokraten und Gewerkschafter, und nahm zunehmend perfidere Formen an. Das verdeutlichen etwa die Aktionen, bei denen Frauen öffentlich die Haare geschoren wurden, weil sie „Rassenschande“ begangen hatten. Obwohl diese Aufnahmen, wie Andreas Nachama vortrug, lediglich drei Prozent der gezeigten Fotos ausmachen, prägen sie sich wegen der erkennbaren Sensationslüsternheit der gaffenden Menge besonders ein.

Ver.di zeigt die Ausstellung anlässlich des 75. Jahrestages der Machtübernahme durch die Nazis. Die Gewerkschaft will aber auch die Brücke zur Gegenwart schlagen, wie der frühere Vorsitzende der Vorgängergewerkschaft IG Medien, Detlef Hensche, bei der Eröffnung verdeutlichte. Aufklärung tue nach wie vor Not, gerade in einer Zeit, in der die NPD verfassungsfeindliche Ziele propagieren könne und gleichzeitig aufgrund der geltenden Rechtslage mit Steuergeldern alimentiert werde. Hensche stellte klar, dass auch Gewerkschafter aufgrund ihres historischen Versagens heute die Aufgabe hätten, aktiv gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit einzutreten. Die Machtübernahme durch die Nazis 1933 sei in weiten Teilen der Arbeiterbewegung nicht hinreichend ernst genommen worden. Manch’ Gewerkschafter hätte sich gar in der Anfangsphase an das neue System angebiedert. Auch heute seien, wie eine Studie von Professor Bodo Zeuner zeige, Gewerkschafter keineswegs immun gegen rechtsextreme Einstellungen. Die Ausstellung solle insofern auch zur Auseinandersetzung mit aktuellen Entwicklungen einladen.

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