AfD will Geschichte umschreiben

Geschichtsschreibung à la AfD leugnet die Verbrechen nicht, spielt ihre Bedeutung jedoch herunter, lässt Deutsche vorwiegend als Opfer erscheinen, träumt von einem Schlussstrich und von deutscher „Normalität“.

"Supergau für Deutschland"

Ein Gedenktag zum 8. Mai? Nicht mit Stephan Brandner. Die AfD sei „gegen eine überbordende staatliche Gedenkvorgabe, die droht, zu einer Gedenktagsinflation zu führen“, ließ er wissen. Es war im Spätsommer 2015: Der Thüringer Landtag hatte über den neuen Gedenktag zu entscheiden, und Brandner, damals noch Fraktionsvize unter Björn Höcke, wusste, was von ihm erwartet wurde. „Es wird“, sagte er also zur Begründung seiner Ablehnung, „auf die Menschheitsgeschichte zurückblickend wohl kaum einen Tag im Jahreskreis geben, an dem es nichts zu gedenken gibt.“ Im Übrigen sei das Gedenken „eine sehr private Sache, in die sich der Staat nicht einschalten und Vorhaben machen“ solle.

Sperriger Gedenktag

Man muss Brandner und seiner Partei die Sorge vor einem Zuviel an Erinnerung nicht abnehmen. Tatsächlich kann es für die AfD nicht genug Gedenken geben, wenn es um tatsächlich oder angeblich lichte und große Momente deutscher Geschichte geht. „Diese zwölf Jahre“, wie ihr Ehrenvorsitzender Alexander Gauland die Nazi-Herrschaft nennt, stören aber das Bild, das die Partei von Deutschlands Größe zeichnen will.

Es war Bundespräsident Richard von Weizsäcker, der 1985 die Sätze sagte: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“ Das ist zu viel für Björn Höcke. Von Weizsäcker habe „eine Rede gegen das eigene Volk“ gehalten, schimpfte er Anfang 2017 bei einem Auftritt in Dresden. Höckes Rede machte Schlagzeilen – vor allem weil er das Berliner Holocaust-Mahnmal ein „Denkmal der Schande“ nannte, gegen eine „dämliche Bewältigungspolitik“ wetterte, eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ sowie eine „Erinnerungskultur“ forderte, „die uns vor allen Dingen und zuallererst mit den großartigen Leistungen der Altvorderen in Berührung bringt“. Man habe „uns unsere kollektive Identität rauben“ wollen, sagte Höcke.

Deutsche als Opfer einer „psychologischen Kriegsführung“

Doch der 8. Mai steht den Versuchen aus den Reihen der AfD, Geschichte neu und ganz anders zu schreiben, im Weg. Dresdens Bombardierung sei ein Kriegsverbrechen, gewesen, „vergleichbar mit den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki“, sagte Höcke am Ort des Geschehens. „Man wollte uns mit Stumpf und Stiel vernichten, man wollte unsere Wurzeln roden. Und zusammen mit der dann nach 1945 begonnenen systematischen Umerziehung hat man das auch fast geschafft.“ Der Jubel seines Publikums war Höcke gewiss. In der AfD kommt es auch gut an, wenn Martin Renner, einer ihrer Mitgründer und inzwischen im Bundestag, über die „Dekonstruktion unserer Gesellschaft“ klagt, die seiner Ansicht nach mit der Reeducation nach dem Zweiten Weltkrieg („ein Teil der psychologischen Kriegsführung“) ihren Anfang nahm. (bnr.de berichtete www.bnr.de/artikel/hintergrund/gelenkte-demokratie-la-afd) Bemerkenswert ist es schon, wenn ein AfD-Politiker den großen Bruch nicht auf die Jahre 1933, 1939 oder 1941 datiert, sondern auf das Kriegsende, auf die Befreiung vom Faschismus.

„Beutekolonie Deutschland“

Der „Flügel“-Anhänger Markus Mohr trieb diese Art des Geschichtsrevisionismus noch weiter voran. Vor zwei Jahren notierte er: „Mit dem 8. Mai endete Deutschlands Zeit als souveräne Nation. Unserem Land standen Jahre als Beutekolonie bevor.“ Der „Raub hunderttausender Patente und Erfindungen durch die Alliierten“ sei „das Fundament für die bis heute anhaltende Dominanz der USA“ geworden. „Deutschland wurde nicht nur materiell sondern auch mental entreichert.“ Eine „nie dagewesene Umerziehung (Reeducation) des deutschen Geistes“ habe eingesetzt. Materialismus, Individualismus und multikulturelle Sozialutopien hätten gedeihen können. Deutschland und Europa bräuchten nun „dringender als je zuvor eine geistige Wende, um die Kriegshypothek der Amerikanisierung und seines pervertierten Liberalismus abzuschütteln“. Der 8. Mai sei kein Feiertag – er sei „der Beginn eines historischen Zwischenspiels, das sich mittlerweile selbst überlebt hat“.

Mohrs Geschichtsrevisionismus, der sich kaum vom Jargon neonazistischer Gruppen unterscheiden lässt, ist in der „Alternative für Deutschland“ derzeit nicht mehrheitsfähig. Wolfgang Gedeon, dessen Name stets als erstes genannt wurde, wenn es um Antisemitismus in der AfD ging, wurde – wenn auch erst nach jahrelangen Mühen – mittlerweile ausgeschlossen. Auch eine Landesvorsitzende Doris von Sayn-Wittgenstein wurde vor die Tür gesetzt, weil sie zu intensiv mit Geschichtsrevisionisten anbandelte.

Antidemokratisches Denken wieder salonfähig

Mehrheitsfähig ist hingegen eine Umschreibung der Geschichte, die subtiler vonstatten geht. „Man muss uns diese zwölf Jahre jetzt nicht mehr vorhalten“, sagt Gauland. „Sie betreffen unsere Identität heute nicht mehr.“ Hitler und die Nazis seien „nur ein Vogelschiss in unserer über 1000-jährigen Geschichte“ gewesen, wusste einst der Ex-Parteichef und jetzige Ehrenvorsitzende zu berichten und bestand auf dem Recht, „stolz zu sein auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“. (bnr.de berichtete hier und hier) Die Deutschen hätten „das Recht, uns nicht nur unser Land, sondern auch unsere Vergangenheit zurückzuholen“.

Geschichtsschreibung à la AfD leugnet die Verbrechen nicht, spielt ihre Bedeutung jedoch herunter, lässt Deutsche vorwiegend als Opfer erscheinen, träumt von einem Schlussstrich und von deutscher „Normalität“. Die AfD rüttelt damit an einem Grundkonsens der Bundesrepublik Deutschland: die einhellige und absolute Verurteilung nationalsozialistischer Schreckenstaten. Dieser Grundkonsens des Gedenkens scheint immer mehr zu erodieren, sich aufzuweichen, wodurch Rassismus und antidemokratisches Denken wieder salonfähig werden.

Zuerst erschienen beim blick nach rechts“. Dieser Beitrag basiert auf einem Text, den der Autor für den aktuellen Newsletter des Vereins „Gelbe Hand“ verfasst hat: www.gelbehand.de/informiere-dich/newsletter/

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