AfD: Umschreibung der Geschichte

Gedächtnispolitik solle „den Daseinswillen der Deutschen als Volk und Nation brechen“, klagt ihr kulturpolitischer Sprecher. Und ein „Flügel“-Politiker erklärt den „Schuldkult“ für „endgültig  beendet“. In Dresden, wo in dieser Woche an den Jahrestag der Bombardierung erinnert wird, zweifelt AfD-Bundessprecher Chrupalla die von Historikern ermittelte Zahl der Opfer an.

Dienstag, 11. Februar 2020
Rainer Roeser

Tino Chrupalla wird nicht dabei sein, wenn Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Donnerstagnachmittag spricht. Zur offiziellen Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Bombardierung Dresdens gehe er nicht, ließ der zum AfD-Sprecher aufgestiegene sächsische Bundestagsabgeordnete den „Spiegel“ wissen. Er rechne damit, so zitierte ihn das Nachrichtenmagazin, dass Steinmeier das Gedenken politisch gegen die AfD instrumentalisieren werde. Und es folgt ein Satz, der deutlich macht, wie ausgeprägt die Neigung zur Selbstüberschätzung in seiner Partei ist: „Ich hätte auch gern Rederecht, um unsere Sicht der Dinge darstellen zu können.“

Ewig missverstanden

Mit ihrer Sicht der Dinge – insbesondere der geschichtspolitischen Dinge – macht die AfD des Öfteren Schlagzeilen. Insbesondere, wenn es um den Nationalsozialismus geht. „Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in unserer über 1000-jährigen Geschichte“, wusste einst etwa Ex-Parteichef Alexander Gauland zu berichten und bestand auf dem Recht, „stolz zu sein auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“. Massive Kritik war die Folge – und die nachgeschobene, AfD-typische Klage, man sei doch nur missverstanden worden.

So wie sich auch Björn Höcke missverstanden fühlte, nachdem er Anfang 2017, vier Wochen vor dem Jahrestag der Bombardierung, seine geschichtspolitischen Betrachtungen bei einer Veranstaltung der „Jungen Alternative“ in Dresden ausgebreitet hatte. Ein paar Wochen später gab er sich bei einem Landesparteitag im heimischen Thüringen reuig – zumindest etwas. Er sei, sagte er, „in eine falsche Tonlage gefallen“ und habe „Interpretationsspielräume zugelassen“. Aber: Verstöße gegen Statuten oder Programm der AfD mochte er nicht erkennen. „Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat“, hatte Höcke in Dresden erklärt, eine „dämliche Bewältigungspolitik“ beklagt und gefordert: „Wir brauchen nichts anderes als eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad!“

Kriegsgegner zum „Kriegsverbrecher“ machen

Seine Fans im Saal waren begeistert. Ein paar Minuten vorher konnten sie bereits den Bundestagsabgeordneten Jens Maier feiern, Statthalter von Höckes „Flügel“ in Sachsen. Für „endgültig beendet“ hatte er den „Schuldkult“ erklärt. Vermutlich ist es kein Zufall, dass Reden wie die von Höcke und Maier gerade in Dresden gehalten werden. So wie die Bombenangriffe auf die sächsische Landeshauptstadt zentral sind für krude Geschichtserzählungen von Neonazis, so wichtig sind sie auch für die Geschichtspolitik von AfD-Politikern, die auf der einen Seite den Stolz auf „soldatische“ deutsche Leistungen wiederbeleben und auf der anderen Seite die Kriegsgegner von einst zum „Kriegsverbrecher“ machen wollen. 

„Die Bombardierung Dresdens war ein Kriegsverbrechen“, sagt Höcke an jenem Tag in Dresden. „Sie ist vergleichbar mit den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki.“ Mit der Bombardierung Dresdens und anderer deutscher Städte habe man nichts gewollt, „als uns unsere kollektive Identität rauben“. Höcke: „Man wollte uns mit Stumpf und Stiel vernichten, man wollte unsere Wurzeln roden. Und zusammen mit der dann nach 1945 begonnenen systematischen Umerziehung hat man das auch fast geschafft.“

Opferzahlen angezweifelt

Im vorigen Jahr twitterte Tino Chrupalla am 13. Februar das Foto eines Kranzes, den seine Bundestagsfraktion in Dresden hatte niederlegen lassen. „Den zivilen Opfern des Alliierten Bombenterrors In stillem Gedenken“ stand auf der Schleife. Chrupalla rechtfertigte im Nachhinein die Verwendung des Terror-Begriffs, der von Joseph Goebbels bis zu den Neonazis unserer Tage gebräuchlich war und ist. Bombardements gegen die Zivilbevölkerung seien „grundsätzlich Terrorakte“.

In diesem Jahr zieht er die von einer hochkarätig besetzten Historikerkommission 2010 ermittelte Zahl der Opfer in Zweifel. Ein paar Tage vor den Dresdner Gedenkveranstaltungen sagte Chrupalla dem „Spiegel“: Er wundere sich, dass die Opferzahlen in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder nach unten korrigiert worden seien. Die wissenschaftlich ermittelte Zahl von 25.000 Toten halte er für falsch: „Ich gehe von etwa 100.000 Opfern aus.“ Das Rote Kreuz habe 1948 von 275.000 Toten geschrieben. Der „Spiegel“ zitiert Chrupalla: „Meine Oma, mein Vater und andere Zeitzeugen haben mir von vollen Straßen vor dem Angriff und Leichenbergen nach der Bombennacht berichtet.“ Niemand von ihnen glaube an die neuere Zahl von 25.000 Opfern. Deswegen habe er auch seine Zweifel.

„Negatives Selbstbild hierzulande wie psychisches Gift“

Unerträglich finde er es, dass jetzt wieder versucht werde, das Totengedenken für die politischen Zwecke der Gegenwart zu missbrauchen, sagt hingegen Rolf-Dieter Müller, ehemals wissenschaftlicher Direktor des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam, der vor zehn Jahren die Historikerkommission leitete.

Der Nationalsozialismus als „Vogelschiss“, englische Soldaten als Terroristen: Tatsächlich arbeitet die AfD an einer Umschreibung der Geschichte. Gedächtnispolitik, wie sie heute betrieben werde, sei „darauf ausgelegt, den Daseinswillen der Deutschen als Volk und Nation zu brechen“, klagt Marc Jongen, kulturpolitischer Sprecher ihrer Bundestagsfraktion, und bedauert: „Sie ist damit schon erschreckend weit vorangeschritten.“ Ohne eine positive Referenz auf die eigene Geschichte in der kollektiven Erinnerung könne aber kein Volk auf die Dauer Bestand haben. Jongen: „Ein ausschließlich negatives Selbstbild, wie es hierzulande schon seit Jahrzehnten kultiviert wird, ist wie ein psychisches Gift, das schleichend zum Tod des Patienten führt.“

AfD-Gedenken mit „ideologiefreier Debatte“

Die Jugend werde „systematisch zu Schuld und Scham über ihr Deutschsein erzogen“, glaubt Jongen. Sie lerne, „mit Deutschland Negatives, ja Böses zu assoziieren“ und „sich an einen Gedanken zu gewöhnen: Deutschland hat eigentlich kein historisches Lebensrecht. Es ist gut, wenn Deutschland verschwindet. Besser ist es, andere nehmen hier unseren Platz ein“.

Es überrascht nicht, dass die AfD am Donnerstag in Dresden ihr ganz eigenes Gedenken plant. Ein Infostand auf dem Altmarkt ist tagsüber vorgesehen, abends dann dort eine Gedenkveranstaltung mit Kranzniederlegung. „Ideologiefrei“ und „tatsächlich würdig“ soll es zugehen. Es sei an der Zeit, „dass im Umgang mit diesem Thema eine neue Qualität entwickelt wird und eine ideologiefreie Debatte entlang bekannter oder unentdeckter Tatsachen möglich ist“, erklärt Dresdens AfD. Dass die relevanten Tatsachen längst bekannt sind, stört sie nicht – im Gegenteil: Fakten sind eher hinderlich.

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