AfD-Rechtsaußen: Interne Abrechnungen

„Flügel“-Mann Hans-Thomas Tillschneider soll als Vorsitzender im Saalekreis abgewählt werden. Er reagiert mit einem Ausschlussantrag.

Donnerstag, 12. Juli 2018
Rainer Roeser

Hans-Thomas Tillschneider ist Mitglied des Magdeburger Landtags, Chef der „Patriotischen Plattform“ und einer der Initiatoren des „Flügels“, hinter dem sich die Rechtsaußen der AfD versammeln. Seit Jahren treibt er – gemeinsam mit Funktionären wie Björn Höcke, André Poggenburg oder Andreas Kalbitz – die Radikalisierung seiner Partei voran. Doch nun scheint es, als habe er sein Faible für parteiinterne Sauberkeit und Lauterkeit entdeckt. Wie die „Mitteldeutsche Zeitung“ berichtete, geht Tillschneider im heimischen Saalekreis gegen vier – angeblich – noch radikalere Mitglieder vor.

Dem Zeitungsbericht zufolge verlangt der Kreisvorsitzende Tillschneider ihren Ausschluss aus der Partei. Und den möglichst rasch. Ein „sofortiges Eingreifen“ sei nötig, drängt er in einem Schreiben an das Bundesschiedsgericht der AfD. Es gebe Indizien, dass ein Netzwerk mit rechtsextremen Wurzeln im Saalekreis versuche, die Partei zu übernehmen. Seine vier „Parteifreunde“ verdächtigt er, der „Bürgerinitiative Merseburg West“ anzugehören, die von der Landesregierung als rechtsextrem eingestuft wird. Als Beleg für das Treiben des Quartetts dienen ihm auch Fotos von einer Demonstration im Sommer 2016 in Merseburg, bei der neben Mitgliedern der „Brigade Halle/Saale“ und der Neonazi-Partei „Die Rechte“ auch jene vier AfDler mit dabei gewesen sein sollen. 

Empfindliche Rückschläge in den letzten Monaten

Tillschneiders Rauswurfbegehren hat eine Vorgeschichte. Vor einigen Wochen forderten rund 30 Mitglieder im Saalekreis seine Abwahl und die Wahl eines neuen Kreisvorstands. Politisch haben seine Opponenten offenbar wenig an ihrem Kreisvorsitzenden auszusetzen. Persönlich aber umso mehr: Die Zusammenarbeit mit ihm sei menschlich schwierig bis unmöglich, gibt die „Mitteldeutsche Zeitung“ wieder, was intern oder hinter vorgehaltener Hand über Tillschneider geraunt wird. Er habe „kein Feeling, wie er mit Menschen umzugehen hat“. Zu denen, die die Abwahl verlangen, gehören auch die vier, die nun ausgeschlossen werden sollen. Tillschneider hält sie gar für die „Hauptinitiatoren“ des Aufstands gegen seine Person.

Für Tillschneider kommt die Diskussion zur Unzeit. Er ist geschwächt. In den letzten Monaten hat er zwei empfindliche Rückschläge einstecken müssen. Im vorigen Dezember beim Bundesparteitag in Hannover scheiterte sein Versuch, sich in den AfD-Vorstand wählen zu lassen. Ausgerechnet gegen Steffen Königer, einen der Vorleute der „Alternativen Mitte“, zog Tillschneider den Kürzeren. Zwar stimmten rund 35 Prozent der Delegierten für ihn. Das Ergebnis zeigte aber auch, dass der völkisch-nationalistische Teil der Partei nicht jeden Kandidaten durchdrücken kann – erst recht nicht, wenn dieser so eindeutig für eine weitere Radikalisierung der AfD steht. 

Gegen Ex-Landeschef „Illoyal verhalten“

Beim Parteitag der sachsen-anhaltinischen AfD Anfang Juni gelang es ihm zudem nicht, erneut in den Landesvorstand einzuziehen – wohl auch, weil ihm an der Basis vorgehalten wird, gegen Ex-Landeschef André Poggenburg intrigiert zu haben. Sogar ganz öffentlich hatte Poggenburg Tillschneider gerüffelt: „Zum Patriotismus gehört ein gewisser Verhaltenskodex, den hat Hans-Thomas Tillschneider ganz klar verletzt.“ Schon lange habe es Gerüchte gegeben, „dass er an meinem Stuhl sägt. Ich wollte nicht glauben, dass da etwas dran sein könnte“, verriet Poggenburg Ende März der „Mitteldeutschen Zeitung“. Mittlerweile stehe für ihn fest: „Er hat sich illoyal verhalten.“

Auf der einen Seite Tillschneider, der Chefideologe der Rechtsradikalisierung, der „Parteifreunde“ zuweilen vor den Kopf stößt; auf der anderen Seite Poggenburg, der lange Zeit erfolgreiche Strippenzieher und Mehrheitsbeschaffer für Rechtsaußen, rhetorisch aber reichlich limitiert: Wie sehr das Verhältnis der beiden so unterschiedlichen AfDler beschädigt ist, lässt sich von außen schwer einschätzen. 

Bei offiziellen Anlässen machen sie derweil gute Miene zum bösen Intrigantenspiel. Schließlich eint sie trotz aller Differenzen das gemeinsame Ziel, die Partei noch weiter nach rechts zu rücken. Zum Beispiel im „Flügel“.

Sympathien für die Neue Rechte

„Wir sind die patriotische Avantgarde der einzigen patriotischen Partei in diesem Land“, sagte Tillschneider beim „Kyffhäusertreffen“ über die rechten „Flügel“-Leute. Bei Auftritten vor den „lieben Kameraden“, wie er sein Publikum im Juni in Burgscheidungen begrüßte, fühlt er sich erkennbar wohl. Hier hängen sie an seinen Lippen, wenn er gegen das „Delirium des Nationalmasochismus“ wettert oder seine Suche nach „Deutschtum“, „Deutschsein“, dem „Urdeutschen“ oder der „deutschen Weltanschauung“ aus den Lautsprechern dröhnt.

Tillschneiders Sympathien für die Neue Rechte, für Leute wie Jürgen Elsässer und für Rechtsaußen-Gruppen wie die „Identitäre Bewegung“ sind überliefert. Auch wer ihn an der Spitze einer AfD-Demo gesehen hat, in deren Reihen Parolen skandiert wurden, die man eher von Neonazi-Aktionen kennt (bnr.de berichtete), nimmt seine aktuellen Abgrenzungsbemühungen nicht so ganz ernst. Viel eher könnte man sie für interne Abrechnungen unter Partei-Rechtsaußen halten.

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