AfD-Nachwuchs auf dem Weg ins Parlament

Manchmal wirkt das Schauspiel wie das „good guy – bad guy“ in schlechten Krimis: Der eine Bundesvorsitzende der „Jungen Alternative“ mimt den liberalen Säusler, der andere gibt den konservativen Haudrauf. Wie im Krimi gilt: Entscheidend ist das Ergebnis. Im Fall der „Jungen Alternative“ heißt das: Es geht mit beiden Vorsitzenden stramm nach rechts.

Freitag, 30. September 2016
Rainer Roeser

Sven Tritschler ist der (National-)„Liberale“ im Theater der „Jungen Alternative“ (JA), Markus Frohnmaier der (National-)„Konservative“. Gemeinsam ist ihnen das Nationale. Ein paar Wochen vor dem Essener Parteitag der AfD, bei dem im Sommer 2015 Bernd Lucke vom Hof gejagt wurde, wählte ein JA-Bundeskongress die beiden an die Spitze des Jugendverbandes. Der AfD-Nachwuchs nahm damit den Rechtsruck vorweg, der sich auf Parteiebene erst etwas später vollziehen sollte. Die Arbeitsteilung mit gemeinsamem Ziel funktionierte so gut, dass das „jungalternative“ Führungsduo in diesem Jahr in seinen Ämtern bestätigt wurden, der eine Frohnmaier mit klarer Mehrheit, der andere, Tritschler, deutlich knapper.

Geht alles wie geplant, werden beide im kommenden Jahr in Parlamenten sitzen. Tritschler hat es bereits auf Platz 13 der AfD-Liste für die nordrhein-westfälische Landtagswahl im kommenden Mai gebracht. Das Mandat in Düsseldorf ist quasi garantiert. Frohnmaier zieht es Medienberichten zufolge in den Bundestag, nachdem er im März bei der Landtagswahl im Südwesten gescheitert war. Im Weg stehen könnte ihm eine Satzungsbestimmung seiner Partei. „Parteimitglieder sollen vor ihrer Kandidatur für ein Mandat mindestens fünf Jahre in einem Beruf tätig gewesen sein. Bezahlte Tätigkeiten in der Politik oder einer Partei gelten hier nicht als anrechenbarer Beruf“, steht in den Statuten. Doch eine Soll- ist keine Muss-Bestimmung, und für einen hier und da bereits als „Nachwuchsstar“ gehandelten 24-Jährigen könnte sich durchaus ein Schlupfloch finden lassen, auch wenn manche AfD-Mitglieder direkte Karrieren vom Kreißsaal über Schul- und Hörsaal bis zum Plenarsaal nicht so sehr mögen.

„Patriot mit Offizierspatent“

Tritschler und Frohnmaier wären nicht die ersten aus der Nachwuchsriege der AfD, die es ins Parlament schaffen. Gleich fünf JA-Mitgliedern gratulierte Tritschler nach den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin zum erfolgreichen Sprung auf die auch finanziell gut gepolsterten Landtagssitze – fünf Männern, denn Frauen haben bei den AfD-Youngstern wenig zu bestellen. Besondere Hoffnungen ruhen auf dem Berliner JA-Landesvorsitzenden und Neu-Abgeordneten Thorsten Weiß. Frohnmaier: „Sein Redestil ist scharf und sein Auftritt hat Schneid – so wie man das von einem Patrioten mit Offizierspatent erwartet. Ich freue mich bereits darauf, ihn im Einsatz gegen die Altparteien zu sehen“, sagt der JA-Chef.

Dass er die rüpelige Tonlage ebenfalls beherrscht, hatte er im vorigen Jahr unter Beweis gestellt, als er bei einer Demonstration von Björn Höckes Thüringer AfD in Erfurt so ins Mikrofon donnerte, als hätte er selbst das Offizierspatent einer – freilich prädemokratischen – Armee: „Wenn wir kommen, dann wird aufgeräumt, dann wird ausgemistet, dann wird wieder Politik für das Volk und nur für das Volk gemacht!“

Zur Karriereplanung gehört das parteiinterne Netzwerken. Zwar zählt das Duo vordergründig betrachtet zur Riege von Parteisprecherin Frauke Petry: Frohnmaier steht als persönlicher Pressesprecher in ihren Diensten; Tritschler war Mitarbeiter von Petrys Lebens- und AfD-intern engstem Bündnispartner Marcus Pretzell und ist inzwischen in Brüssel bei der rechtsradikalen ENF-Fraktion beschäftigt, deren Mitglied Pretzell ist. Dennoch oder gerade deswegen sind beide klug genug gewesen, den Kontakt zu den sich noch radikaler gebärdenden Kräften rund um Höcke nicht abreißen zu lassen. Bei dessen Erfurter Demonstrationen gehörten beide bereits zu den Rednern.

Zusammenarbeit mit „Identitären“

Bei Frohnmaier überraschte das nicht, ist er doch selbst im Lager der Verbalradikalen fest beheimatet. Aber auch sein Ko-Vorsitzender Tritschler hat aufgeholt. Die Grünen-Politikerin Claudia Roth titulierte er als „Gutmenschen-Duce“. Und zur Zukunft der AfD fielen ihm zwei Sätze ein, die klingen, als wären sie direkt aus Höckes Endzeit-Arsenal übernommen: „Wenn wir scheitern, dann wird es keine demokratische Alternative mehr geben. Dann werden die Barrikaden brennen.“

Andere greifen noch weiter nach rechtsaußen aus als Tritschler. Über den von Frohnmaier ob seiner soldatischen Tugenden gelobten künftigen Berliner Abgeordneten Weiß hieß es bei „Zeit online“, er fungiere in der neuen Fraktion offenbar als Scharnier zu extrem rechten Nachwuchsgruppen wie der „Identitären Bewegung“ (IB). Im Straßenwahlkampf habe sich Weiß von Protagonisten der „Identitären“ unterstützen lassen, zum Beispiel von Jannik Brämer, der zugleich dem JA-Landesvorstand angehört. Im vergangenen Februar sei Weiß, so „Zeit online“, zudem an der Spitze einer Demonstration im brandenburgischen Zossen mitgelaufen – gemeinsam mit Anhängern der IB, die dort Reden hielten, „Identitären“-Flaggen schwenkten und Slogans skandierten wie „Stoppt den großen Austausch!“ oder „Wir wollen keine Asylantenheime!“ Der Promi aus Berlin durfte dem Bericht zufolge sogar selbst ans Mikrofon treten, gegen den „von oben verordneten Multikulti-Umsturz“ wettern und ankündigen: „Wir sind die Rache an den rot-grünen Antidemokraten!“

Sorge wegen VS-Beobachtung

Mitte des Jahres beschloss der JA-Vorstand eine Art „Unvereinbarkeitsbeschluss“ zur „Identitären Bewegung“. Er hat ein paar Geburtsfehler. Nichts zu befürchten hat offenbar, wer bereits vor dem verbandsoffiziellen Verdikt mit den „Identitären“ kungelte. Offen blieb auch, wie Doppelmitgliedschaften überhaupt zu verhindern sind, wenn eine der beiden Seiten, die „Identitären“, gar keine formalen Mitgliedschaften kennt. Und auch die Frage, wo genau eine – künftig verbotene – Kooperation beginnt, ließ sich nicht beantworten.

Über Hintergründe der Vorstandsentscheidung gab Tritschler in einem Interview mit der „Jungen Freiheit“ Auskunft. Man habe den Beschluss gefasst, „da absehbar ist, dass die IB bundesweit in den Verfassungsschutzbericht kommt“, erklärte er. „Wir als Vorstand haben eine wahnsinnig große Verantwortung gegenüber unseren jungen Mitgliedern. Die dürfen und sollen nicht mit dem Makel der Verfassungsfeindlichkeit in das Berufsleben starten. Da gehen wir keine Risiken ein.“ Zumal sich Tritschler von einer Zusammenarbeit mit der „Identitären Bewegung“ offenbar nicht viel verspricht: Eine Kooperation würde „uns erhebliche Nachteile bringen, Vorteile sind dagegen kaum ersichtlich“. Auffällig blieb, dass Tritschler in dem Interview nicht ein Wort zu der Frage fand, was „Identitäre“ und „Junge Alternative“ politisch-inhaltlich trennt. Solche inhaltlichen Unvereinbarkeiten zu beschreiben, dürfte auch schwerfallen.

Unentbehrlich geworden

Bei ihren parlamentarischen Ambitionen können „Jung-Alternative“ darauf bauen, dass sich ihr Verband in der Partei unentbehrlich gemacht hat. Seine Mitglieder bauen Infostände auf, wenn sonst niemand kann oder will, sie bilden die Organisationsteams bei Veranstaltungen oder sorgen dafür, dass auch bei Parteitagen alles klappt. Der JA komme ihr „relativ hoher Mobilisierungsgrad zugute, der grob geschätzt wohl mindestens doppelt so groß wie derjenige der Mutterpartei“ sei, sagt Frohnmaier.

Er sieht den AfD-Nachwuchs auch strategisch und inhaltlich auf Erfolgskurs: „Wir hatten drei AfD-Bundessprecher, unter denen eine Zusammenarbeit mit der FPÖ oder dem FN undenkbar gewesen wäre. Man hat mich 2013 für ein Treffen mit FPÖ-Spitzenfunktionären sanktioniert. Mit wem kooperieren wir heute ganz offiziell?“ Oder sein zweites Beispiel: „Früher wurde unsere restriktive Haltung zur Einwanderung in Teilen kritisch gesehen. Heute fordert Alexander Gauland, nachdem die JA schon vor Monaten vorgelegt hat, einen Einwanderungsstopp für Muslime.“

„Wenn es nach mir ginge“, so fügte Frohnmaier in einem Interview mit dem neurechten Online-Magazin „Blaue Narzisse“ hinzu, „bräuchten wir auch ein Remigrationsministerium.“ Ganz so weit ging Petry zwar (noch) nicht. Aber ein paar Tage nach seiner Forderung plädierte sie schon einmal für eine „Rückwanderungsbehörde“. Steter Tropfen höhlt den Stein.

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