AfD: Fast 3000 Mitglieder weniger

Die Zeiten des stetigen Wachstums sind vorbei. Vor allem in Berlin, Hessen und Rheinland-Pfalz suchten viele AfDler nach den bisher vorliegenden Zahlen im vorigen Jahr das Weite.

Mittwoch, 27. Januar 2021
Rainer Roeser

Es ist die große Furcht in der AfD-Spitze: Kommt der Verfassungsschutz zum Schluss, dass die gesamte Partei künftig als Verdachtsfall beobachtet gehört, könnten schrumpfende Umfragewerte, miserable Ergebnisse im Superwahljahr, Abgänge von Abgeordneten, von Funktionär:innen und einfachen Mitgliedern die logische Folge sein.

Erste Anzeichen der Erosion hat die Partei bereits erlebt. Vor zweieinhalb Jahren rangierte sie mit rund 16 Prozent mit SPD und Grünen auf Augenhöhe; heute steht sie in den Umfragen zwischen acht und elf Prozent. Was die Mitgliederzahl anbelangt, an deren deutlichen und stetigen Anstieg man sich gewöhnt hatte, war 2019 mehr oder weniger ein Jahr der Stagnation gewesen, obwohl die Europawahl sowie die Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen eigentlich beste Aussichten auf weiteres Wachstum verhießen hatten.

Angeblich Karteileichen

Doch 2020 sollte es für die Partei noch schlimmer kommen. Erstmals seit dem Abgang von Mitbegründer Bernd Lucke 2015, als mit ihm jeder fünfte AfDler die Reißleine zog, sank die Zahl der Mitglieder wieder. Zählte die Partei Anfang des Jahres 2020 noch 34.750 Mitglieder, waren es zwölf Monate später nach dpa-Informationen nur noch etwa 32.000. In der AfD selbst wird die exakte Zahl 31.932 genannt. Besonders deutlich war der Mitgliederschwund im zweiten Halbjahr 2020. Im Juni zählte die AfD noch 34.023 Mitglieder. Ein halbes Jahr später waren es 2100 weniger.

Die AfD erklärt das Minus zum Teil mit einer Bereinigung der Kartei. „Etwas über 1.400 der Nettoverluste resultieren aus Beendigung der Mitgliedschaft durch die AfD aufgrund Nichtzahlung der Beiträge“, zitiert dpa den AfD-Pressesprecher Peter Rohling. Überzeugend klingt das nicht – liefert es doch keine Erklärung dafür, warum so viele AfDler ihre Mitgliedschaft sang- und klanglos enden lassen, ohne sich die Mühe zu geben, eine Austrittserklärung zu verfassen.

Berlin mit einem Minus von 15 Prozent

Noch liegen nicht aus allen Bundesländern aktuelle Zahlen vor. Doch die Zahlen, die bereits bekannt wurden, deuten an, wie schwierig die Situation in einigen Landesverbänden ist. Etwa in Berlin, wo nur ein vom Schiedsgericht eingesetzter Notvorstand amtiert, weil die AfD in der Hauptstadt seit vielen Monaten nicht in der Lage ist, die Wahl einer regulären Führungsspitze zu organisieren. Dort sank die Zahl der Mitglieder um 15,1 Prozent auf 1.342. In Hessen verlor die AfD netto im vorigen Jahr elf Prozent ihrer Mitglieder. Ende Dezember waren es nur noch 2.523 (Ende 2019: 2.829). Mehr als zehn Prozent ihrer Mitglieder – exakt 10,1 Prozent - verlor die AfD auch in Rheinland-Pfalz. 1.997 waren es zum Jahreswechsel noch. Den 168 Eintritten standen 392 Abgänge gegenüber.

In anderen Bundesländern fiel das Minus nicht ganz so deutlich aus. In Mecklenburg-Vorpommern betrug es rund fünf Prozent. Vor einem Jahr zählte der Landesverband 845 Mitglieder, nun seien es „rund 800“. Zirka vier Prozent verlor die AfD in ihrem größten Landesverband, in NRW, der zwar in absoluten Zahlen stark ist, gemessen an der Einwohnerzahl jedoch zu den schwächsten Gliederungen der Partei gehört. Im Dezember berichtete die Partei, dass dort die Zahl der Mitglieder binnen Jahresfrist um rund 230 auf 5.636 gesunken war. Um knapp drei Prozent schrumpfte die Mitgliederzahl in Brandenburg, wo Anfang des Jahres 1.604 Inhaber eines Parteiausweises in der Kartei standen, 46 weniger als zwölf Monate zuvor.

Meuthen: „Radikale“ würden „Stille“ aus Partei verjagen

Leicht zugelegt hat hingegen nach eigenen Angaben die AfD Sachsen. Sie spricht von 2.644 Mitgliedern. Vor einem Jahr sollen es „rund 2.600“ gewesen sein. Um bemerkenswerte zehn Prozent hat nach eigenen Angaben der Landesverband Sachsen-Anhalt zugelegt, der nun auf 1.336 Mitglieder verweist.

Warum Mitglieder austraten oder ihre Mitgliedschaft auslaufen ließen – auf diese Frage geben die nackten Zahlen keine Auskunft. Der Deutungskampf in der Partei ist aber schon entbrannt. Für Anhänger von Bundessprecher Jörg Meuthen ist klar, dass die „Radikalen“ die „Stillen“ aus der Partei verjagen. Für seine Gegner ist mindestens genauso offensichtlich, dass Meuthens Kurs der „Anpassung“ die „Konsequenten“ resignieren lässt.

Gar nicht beantworten mochte im Übrigen der AfD-Landesverband Bremen die Frage nach der Mitgliederentwicklung. Dem Weserkurier teilte die AfD mit, „zum Schutz unserer Mitglieder“ keine absoluten Zahlen zu nennen. Wirklich überraschen kann die Schweigsamkeit nicht. Schon 2019 war die AfD in der Hansestadt um fast 15 Prozent geschrumpft. Gerade noch 143 Mitglieder zählte sie damals. Erst gestern erklärte der Bremer Landesvorsitzende der AfD, Peter Beck, seinen Austritt. Weitere Mitglieder dürften ihm folgen.

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