von Armin Pfahl-Traughber
   

Ältere journalistische Arbeiten zum Rechtsextremismus in Deutschland

Der Journalist Anton Maegerle legt in seinem Buch „Vom Obersalzberg bis zum NSU: Die extreme Rechte und die politische Kultur der Bundesrepublik 1988-2013“ über siebzig frühere Veröffentlichungen von ihm in gebündelter Form vor. Nicht alle Texte lohnen heute noch die Lektüre, gleichwohl liefert der Band einen interessanten Rückblick auf Recherchen zum Thema, wobei manche prognostische Dimension besondere Beachtung verdient.

Anton Maegerle arbeitet bereits seit Jahren journalistisch zum Thema „Rechtsextremismus“, wobei sich sein Interesse nicht nur auf bestimmte Teilbereiche wie die NPD oder die Neonazi-Szene bezieht. Auch scheinbare Randgebiete wie „Black Metal“ oder „Esoterik“ gehörten und gehören zu seinen Arbeitsthemen. Einschlägige Berichte fertigte er in den letzten Jahren für die unterschiedlichsten Medien vom Fernsehen bis zur Presse an. So erschienen etwa Beiträge von ihm im Informationsdienst „Blick nach rechts“ ebenso wie in dem TV-Magazin „Report Mainz“. Nun hat Maegerle seine älteren Arbeiten zu einem Buch zusammengefasst: „Vom Obersalzberg bis zum NSU: Die extreme Rechte und die politische Kultur der Bundesrepublik 1988-2013. NS-Verherrlichung, rassistische Morde an Migranten, Antisemitismus und Holocaustleugnung“. Darin finden sich über siebzig frühere Beiträge zu den im Titel genannten Themen, die entlang der Chronologie des erstmaligen Erscheinens abgedruckt werden und mal nur eine Seite, mal aber auch mehrere Seiten lang sind.

Die ersten Texte stammen von 1988, wobei es um Organisationen wie den „Bund Heimattreue Jugend“ oder das „Nationaleuropäische Jugendwerk“ geht. Man findet danach dann aber auch einen Text über „eine 5. Partei rechts von CDU/CSU“, womit seinerzeit „Die Republikaner“ gemeint waren. Maegerle prognostizierte damals deren „Etablierung“ (S. 50). Dies hat sich bekanntlich nicht bewahrheitet. Gleichwohl sprachen seinerzeit viele Gründe dafür. Die „heile Welt“ auf dem Obersalzberg mit den Erinnerungen an den „Tierfreund“ (S. 52) Adolf Hitler steht danach im Zentrum des Interesse. Die Reportage gab dem Band auch in Teilen seinen Titel. Dem folgen Texte zu den unterschiedlichsten Entwicklungen im Lager des Rechtsextremismus, sei es bezogen auf die gewaltbereite Szene im Anschlagsort Solingen Anfang der 1990er Jahre, sei es der Nachdruck antisemitischer Bücher unter dem Deckmantel der Wissenschaftlichkeit, sei es ein bedeutender Teilbereich der esoterischen Szene mit dubiosen Verschwörungsideologien.

Man findet bei Maegerle aber auch immer wieder Texte, welche die Kooperation deutscher Rechtsextremisten mit arabischen oder iranischen Islamisten und Nationalisten thematisieren. Der Autor macht dabei deutlich, dass im Antisemitismus eine ideologische Gemeinsamkeit mit Potentialen für bündnispolitische Kooperationen besteht. Ein früher Text aus dem Jahre 1995 macht auf das Potential eines möglichen Rechtsterrorismus aufmerksam, welches sich Maegerle aber auch in erster Linie nur als „eine RAF von rechts“ (S. 68) vorstellen konnte. Sehr früh wies er zutreffend auf die Wiederentdeckung der sozialen Frage durch Rechtsextremisten hin. Bereits 1997 schrieb Maegerle: „Mit dem Aufgreifen der sozialen Frage, insbesondere der Beschäftigung mit der Arbeitslosigkeit, lösen Rechtsextremisten zunehmend das in der Vergangenheit rückwärtsgewandte Verherrlichen und Verharmlosen der NS-Zeit ab“ (S. 106). Das ist zumindest die Linie, die der gegenwärtige Parteivorsitzende Holger Apfel offiziell umsetzen will.

Nicht alle abgedruckten Texten lohnen heute noch die Lektüre, manche Organisationen haben sich aufgelöst, verschiedene Parteien sind bedeutungslos geworden. Auch handelt es sich eben um journalistische Arbeiten, vermisst man doch häufig eine analytische Komponente. Die vorgenannten Beispiele machen aber auch die prognostische Dimension einer solchen Perspektive deutlich. Gerade die Lektüre von schon sehr „alten“ Texten ist vor einem solchen Hintergrund dann doch noch interessant. Bedauerlicherweise fehlen die Nachweise für die Zitate in den Texten. Auch kann die indirekte Botschaft von manchen Beiträgen hinterfragt werden. So ist etwa ein Beitrag „Israel im Visier von rechts und links“ (S. 349) überschrieben. Zwar gilt Israel Links- wie Rechtsextremisten als ein Feindbild, doch bestehen bezogen auf Grundlage und Folgewirkungen doch bedeutende Unterschiede. Auch hat die von Maegerle geschilderte Begeisterung von „Rechtsaußen“ (S. 316) für Joachim Gauck sehr schnell nach seinem Amtsantritt als Bundespräsident nachgelassen.

Anton Maegerle, Vom Obersalzberg bis zum NSU: Die extreme Rechte und die politische Kultur der Bundesrepublik 1988-2013. NS-Verherrlichung, rassistische Morde an Migranten, Antisemitismus und Holocaustleugnung, Berlin 2013 (Edition Critic), 409 S., 20 €

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