Absage an den NS-Hollywood-Clown

Die NPD will durch ein gemäßigtes Erscheinungsbild mehr Bürgernähe erreichen, Parteimitglieder sollen einen auf nett machen, sich als „sympathische“ Menschen mit Beruf und Hobbys darstellen.

Dienstag, 02. März 2010
Tomas Sager

Nordrhein-Westfalen und Hessen gehören zu den bislang völlig erfolglosen Landesverbänden der NPD. Bei der Bundestagswahl erzielte die Partei dort mit 0,9 beziehungsweise 1,1 Prozent deutlich schlechtere Ergebnisse als im Bundesdurchschnitt (1,5 Prozent). In beiden Landesverbänden scheint zumindest bei einem gewichtigen Teil der Funktionäre ein Umdenken eingesetzt zu haben. Sie plädieren für eine größere Distanz zu radikaleren Kräften und für einen Kurs, von dem sie sich mehr „Bürgernähe“ versprechen.

Beim „Hessenkongress“ der NPD am Wochenende im Wetteraukreis gab Vorstandsmitglied Daniel Knebel die Richtung vor. Er habe, hieß es in dem parteioffiziellen Bericht über die Veranstaltung, „in eindringlichen Worten“ festgestellt, „dass es der NPD gelingen müsse, durch ein vollkommen anderes äußeres Erscheinungsbild mehr Bürgernähe für die nationale Opposition zu erzeugen“. Abzulehnen seien „subkulturelle Erscheinungsformen“. „Jene, die den politischen Kampf als reine ,Spaßveranstaltung’ ansähen, müssten gnadenlos aus den Reihen der nationalen Opposition entfernt werden“, wird Knebel in dem Bericht der Hessen-NPD zitiert.

Die eigenen Reihen von „subkulturellen Elementen’ säubern“

In dieselbe Kerbe hieb bei der Veranstaltung in Hessen Peter Naumann, einst Mitarbeiter der sächsischen Landtagsfraktion, deren Chef Holger Apfel sich seit längerem für einen weniger NS- und vergangenheitsfixierten Kurs stark gemacht hatte. Naumann forderte, „zuerst die Reihen der NPD von solchen Elementen zu ,säubern’, die durch ein subkulturelles Erscheinungsbild ein weiteres Eindringen der nationalen Weltanschauung in die Herzen des Volkes verhinderten“. Tosenden Beifall soll er für seine Aussage bekommen haben, die NPD könne es sich nicht leisten, „dass wir zu einer Bühne für solche Leute werden“.

Wen genau Knebel und Naumann mit „subkulturellen Erscheinungsformen“ meinen, ob der Vorwurf sich nicht nur an „Autonome Nationalisten“ richtet, sondern auch an manche Neuzugänge der letzten Jahre aus dem Lager der „parteifreien“ Nationalisten, wird in dem Bericht der hessischen NPD nicht verraten.

„Rückständigkeit“ der NRW-NPD

In der nordrhein-westfälischen NPD ist die Frontlage etwas eindeutiger. Die Auseinandersetzung personifiziert sich in Axel Reitz. Seine Kandidatur als Direktbewerber in einem der Landtagswahlkreise war in jenen Kreisen der extremen Rechten, die auf ein bürgerliches Erscheinungsbild setzen, immer wieder als Beispiel für die „Rückständigkeit“ und „Politikunfähigkeit“ der nordrhein-westfälischen NPD angeführt worden. Landesorganisationsleiter Timo Pradel ging schließlich auch öffentlich auf Distanz zum Kandidaten. Für die Nominierung von Wahlkreisbewerbern seien „ausschließlich die Kreisverbände verantwortlich und nicht der Landesverband“. Es sei daher „unangebracht die NRW-NPD auf das Nichtmitglied A. Reitz zu reduzieren“. Und später legte Pradel – ihn darf man jedenfalls hinter dem Autorennamen „NPD KV Märkischer Kreis“ vermuten – noch einmal nach: „Wie lange wollt Ihr noch den NPD-Landesverband NRW mit seinen gut 800 Mitgliedern auf ein Nichtmitglied Namens A. Reitz reduzieren? Mag sein, dass es in NRW einzelne Verbände gibt, welche mit A. Reitz sympathisieren. Dies trifft aber keineswegs auf den Landesverband in seiner Gesamtheit zu.“

„Auf Augenblickserfolge fixierte Reaktionäre“

Noch deutlicher wurde Thorsten Crämer, Funktionär der Partei im Ennepe-Ruhr-Kreis und ebenso wie Reitz einer der Direktkandidaten der NPD bei der Landtagswahl. Er ließ durchblicken, dass er Reitz für einen jener „Typen“ hält, „die es offenkundig darauf anlegen, uns alle in Verruf zu bringen, indem Sie den Medien und Geheimdiensten den NS-Hollywood-Clown liefern“. Doch in NRW wehrt sich der NS-Flügel der Partei. Der Riss geht dabei mitten durch den Landesvorstand. Während sich Organisationsleiter Pradel von Reitz absetzt, schwört sein Stellvertreter, der Dürener Kreisvorsitzende Ingo Haller, dem parteilosen Reitz die Treue. Er wolle, so Haller, „den Dürener Verband der NPD weiter als Bollwerk der radikalen Kräfte gegen die Reaktion im eigenen Lager auf- und ausbauen“. Reitz selbst empfiehlt angesichts der „Flügelkämpfe in der NPD zwischen bürgerlichen und radikalen Kräften“ die Partei zur „zur „revolutionären und kämpferischen Organisation von Kämpfern“ zu machen. Auf der „bürgerlichen“ Seite sieht er keine „Kämpfer“, sondern „eine angepasste und mit bürgerlichen Eierschalen behaftete Clique von Nur-Parlamentariern und auf Augenblickserfolge fixierten Reaktionären“.

„Niedrigschwellig für die eigene Sache werben“

Der Landesvorstand hat zu dem Konflikt bisher nicht Stellung genommen. Er legte stattdessen dieser Tage den Mitgliedern einen Artikel aus der Parteizeitung „Deutsche Stimme“ über die sozialen Netzwerke im Internet zur besonderen Lektüre ans Herz. Um „Medienklischees zu entkräften und niedrigschwellig für die eigene Sache zu werben“, sollen die NPD-Mitglieder einen auf nett machen und in Kontaktportalen Wahlkampf machen, ohne gleich mit der Tür ins Haus zu fallen. Nicht „bissig“ und nicht „klischeehaft“, ohne „Primitivitäten“ und ohne „bloße Sprücheklopferei“. „Sympathisch“ als Mensch „mit Humor, Beruf, Hobbys, ernstzunehmenden Interessen, Literatur- und Musikgeschmack“ sollen sie sich darstellen. NPD light: Für manchen Parteikameraden dürfte das eine drastische Überforderung darstellen, erst recht für „Subkulturelle“ und „NS-Hollywood-Clowns“.

Kategorien
Tags