Absage an „Astfranzosen“

Der Front National hat wieder seinen alten Rassismus und die "Rückkehr der Nationen" im Programm.

Donnerstag, 19. März 2009
Bernhard Schmid

Die Zeit der Lockerungsübungen ideologischer Art ist vorbei: Im Vorfeld der Europaparlamentswahl am 7. Juni dieses Jahres kehrt der französische Front National (FN) einen sehr „klassischen“, altbekannten Diskurs hervor. Wie zum Beweis entwickelte die Partei Jean-Marie Le Pens auf ihrem „europäischen Konvent“, mit dem sie am Wochenende des 14. und 15. März im nordfranzösischen Arras ihren Wahlkampf eröffnete, ziemlich uralte Thesen. Dort wurde die als „Immigration-Invasion“ und „Überflutung durch die neuen Barbaren“ (so ihr Vizepräsident Bruno Gollnisch) bezeichnete Einwanderung ebenso heftig angeprangert wie eine Abgrenzung vom „Euro-Globalismus“ und der „moralischen Dekadenz“ gefordert – zugunsten einer Rückkehr zu „traditionellen Werten“ und vor allem zum souveränen Nationalstaat.

Rund 1000 Parteifunktionäre und Anhänger, die aus ganz Frankreich zusammengekarrt worden waren, nahmen an dem Auftakt zum Europaparlamentswahlkampf des FN teil. Auch ausländische Gäste etwa vom belgischen Vlaams Belang und der italienischen Lega Nord waren anwesend.

Zuletzt hatte die rechtsextreme Partei in den Wahlkämpfen von 2006/2007, vor den letzten französischen Präsidentschafts- und Parlamentswahlen, eher ungewohnte Töne angeschlagen. Neben den seit längerer Zeit von ihr so bezeichneten „Wurzelfranzosen“ (français de souche) wollte man nun auch die „Astfranzosen“ (français de branche) – die, wie das Zweigwerk auf den kahlen Baum, später hinzugekommen seien –, ansprechen. Das bedeutete, die Partei wollte die französischen Staatsbürger ausländischer Herkunft – „Integrationswillen“ vorausgesetzt – mit zur „nationalen Gemeinschaft“ zählen, im Namen der notwendigen Selbstbehauptung Frankreich in einer globalisierten Welt und gegenüber übermächtigen Konkurrenten oder Feinden wie den USA.

Alain Soral, ein intellektueller Provokateur, der dieses Konzept von den „Wurzeln“ und „Ästen“ der Nation erfunden hat, gehört inzwischen nicht mehr zum Front National. Der frühere Linke Soral, der den unmittelbaren Rassismus gegenüber Einwanderern in Frankreich in der rechtsextremen Agitation zurückschraubte, aber zugleich ein stark antisemitisch unterlegtes Weltbild gegen „die antinationalen Eliten“ vertrat, hat die Partei Anfang Februar dieses Jahres verlassen. Nachdem Alain Soral nicht wie gewünscht Spitzenkandidat des FN für die Europaparlamentswahlen in der Region Ile-de-France (Raum Paris) geworden war, zog er Türe knallend aus der Partei aus. Gegenüber dem „Rot-Braunen“ Soral war als Spitzenkandidat im Raum Paris Jean-Michel Dubois, ein Vertreter des mittelständischen Unternehmerflügels des FN, bevorzugt worden.

Dem FN den Rücken gekehrt hat auch eine Reihe von langjährigen Parteikadern wie der frühere Generalsekretär Carl Lang, der sich in den letzten Jahren zum „Hüter der programmatischen Orthodoxie“ aufgeschwungen hatte. Lang hatte seit Anfang des Jahrzehnts energisch gegen alle Versuche, „die Programmatik aufzuweichen“, und dies vor allem „im Bereich Einwanderung“, Stellung bezogen. Vor wenigen Wochen, am 23. Februar gründete Carl Lang nun die bislang letzte Abspaltung vom FN, unter dem hochtrabenden Titel „Die Partei Frankreichs“ (LPDF, Le Parti de la France).

Die übergreifende Themenstellung beim „Europäischen Konvent“ des FN war „die Rückkehr der Nationen“. Dies verkauft die rechtsextreme Partei derzeit als Patentrezept gegen die Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise; man verspricht sich von dieser reaktionären Utopie laut Ansicht der Partei „Sicherheit“ vor der Krise hinter angeblich schützenden nationalen Grenzen. Die Prognose, die aktuelle Wirtschaftskrise werde Bedarf nach einer Rückkehr zum Nationalstaat schaffen, ist – neben der Abgrenzung von den Dissidenten – der zweite Grund für die aktuelle ideologische Verschärfung beim FN. Der langjährige Parteichef Jean-Marie Le Pen forderte gar am 27. Februar die Rückkehr zum französischen Franc durch die „organisierte und konzertierte Aufgabe der Euro-Währung“ durch die Mitgliedsländer. Und dies zu einem Umtauschkurs von eins zu eins bei Wiedereinführung der Nationalwährung. Abzuwarten bleibt, ob diese Propaganda zugkräftig ist.

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