100 Jahre Novemberrevolution: Trotz allem bleiben große Erfolge

Seit dem Ende der DDR 1989/90 heißt es, dies sei die einzige erfolgreiche Revolution der deutschen Geschichte. Dabei geraten die fundamentalen Errungenschaften der Revolution von 1918/19 und die historischen Leistungen der SPD so in den Hintergrund. Zu Unrecht.

Philipp Scheidemann ruft vom Westbalkon des Reichstagsgebäudes die Republik aus.

Der erste zentrale Erfolg der Revolution ist ohne Frage die Abschaffung der Monarchien in Deutschland. Mit der Ausrufung der Republik im November 1918 endet das Kaiserreich. In den folgenden Wochen stürzen sämtliche Throne in den 22 deutschen Monarchien. Kein politischer Systemwechsel in Deutschland hat diese Entscheidung rückgängig gemacht. ­Sicher verbreiten gekrönte Häupter mehr Glanz als Präsidenten, aber wie überflüssig eine Monarchie ist, zeigte die Phase vor dem Brexit in Großbritannien. Kein Signal, keine Andeutung von der Königin, dass die Briten Teil der ­europäischen Familie bleiben sollten. Bonbonfarben spazieren zu tragen, reicht bei weitem nicht aus. Deutschland kann also mit Recht 100 Jahre Republik feiern.

Am 12. November 1918 veröffentlicht die sozialdemokratische Revolutionsregierung, der Rat der Volksbeauftragten, einen in schlichter Sprache gehaltenen Aufruf „An das deutsche Volk!“, der grundlegende Reformen ankündigte, in erster Linie das neue Wahlrecht. Alle künftigen Wahlen sollen nach dem gleichen, geheimen, direkten, allgemeinen Verhältniswahlrecht abgehalten werden; wählen dürfen alle mindestens 20 Jahre alten Männer und Frauen. Schluss mit dem Dreiklassenwahlrecht in Preußen, mit dem Achtklassenwahlrecht in Bremen und den unhaltbaren Zuständen in den beiden mecklenburgischen Großherzogtümern, wo es bis 1918 überhaupt keine gewählten Landtage gibt. Die Verhältniswahl verhindert undemokratische Wahlbündnisse (meistens gegen die SPD) und garantiert, dass jede Stimme gleich viel zählt. Die Absenkung des Wahlalters von 25 auf 20 ermöglicht, dass auch Soldaten des Weltkrieges wählen dürfen. Wer „reif“ genug ist, für das Vaterland zu fallen, der sollte auch „reif“ genug zum Wählen sein.

Die Freiheit der Kunst

Der zweite wichtige Punkt des Aufrufs vom 12. November ist äußerst knapp formuliert: „Eine Zensur findet nicht statt. Die Theaterzensur wird aufgehoben. Meinungsäußerung in Wort und Schrift ist frei“. Nur aufgrund dieser Vorgaben kann sich die Weimarer ­Republik zu einer Ära kultureller Blüte und Experimentierfreude entwickeln, zu den „Goldenen Zwanziger Jahren“. Ohne diese Freiheit der Kunst wären der pazifistische Jahrhundertroman „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque oder die „Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill undenkbar gewesen.

Der dritte wichtige Punkt betraf ­sozialpolitische Reformen, darunter die Festlegung des achtstündigen Maximal­arbeitstages ab 1. Januar 1919. Damit wird eine uralte Forderung der SPD endlich Realität („Acht Stunden Arbeit, acht Stunden Muße, acht Stunden Schlaf“). Am 15. November werden mit dem sogenannten Stinnes-Legien-Abkommen die Gewerkschaften von den Arbeit­gebern als Tarifpartner anerkannt. Der Sozialstaat ist heute eine Selbstverständlichkeit, damals war sein Zustandekommen ein Triumph nach jahrzehntelangen Kämpfen.

Wie keine andere Regierung in der deutschen Geschichte muss der allein von Sozialdemokraten gebildete Rat der Volksbeauftragten innerhalb kürzester Zeit schwierigste Probleme lösen: einen Waffenstillstand mit den Siegermächten abschließen, die Millionen deutscher Soldaten aus den noch besetzten Gebieten Frankreichs und Belgiens friedlich nach Hause zurückführen, die Ernährung sichern, damit nicht noch mehr Deutsche hungerten oder verhungerten, die Wirtschaft auf Friedensproduktion umstellen und schließlich dem Deutschen Reich eine neue politische Grundlage geben. Die am 19. Januar 1919 gewählte Nationalversammlung soll diese letzte Aufgabe übernehmen. Zwischen dem 10. November 1918 und dem 19. Januar 1919 liegen gerade einmal zehn Wochen. Unter ungeheurem Zeitdruck erreicht diese Regierung ­vieles, wenn auch nicht alles.

Effiziente Nationalversammlung

Die am 6. Februar 1919 in Weimar ­zusammengetretene Nationalversamm­lung arbeitet mit einer Geschwindigkeit und Effizienz, von der heutige Parlamente etwas lernen könnten – und das alles ohne Enquetekommissionen, externe Gutachter oder einen riesigen Mitarbeiterstab. Sie wählt am 11. ­Februar Friedrich Ebert zum Reichspräsidenten und damit zum ersten demokratischen Staatsoberhaupt Deutschlands. Sie setzt die SPD-geführte Regierung Scheidemann ins Amt. Sie nimmt nach heftigen, im ganzen Deutschen Reich emotional geführten Debatten den ­umstrittenen Versailler Friedensvertrag an, den ­Außenminister Hermann ­Müller (SPD) in Paris unterzeichnet. Und sie verabschiedet die Weimarer Reichsverfassung, die bis dahin und bis heute freiheitlichste Verfassung in der deutschen Geschichte. Auf Druck Eberts und anderer Sozialdemokraten ­werden Grund- und Menschenrechte in die ­Verfassung aufgenommen.

Durch die Novemberrevolution kommt es in Deutschland zu einem ­Systemwandel, von dem Ebert am 28. August 1919 sagt, kein Land der Welt habe „in so weitgehendem Maße […] die Demokratie verwirklicht“. Dass Demokratien auch wirksame Instrumente gegen ihre Feinde bereithalten müssen, werden die Weimarer Demokraten spätestens ab 1933 schmerzhaft erfahren. Viele verlieren während der Hitler-Diktatur ihr Leben.

Unser heutiges Grundgesetz ist die ergänzte Weimarer Reichsverfassung unter Ausmerzung ­ihrer Schwachstellen. Die zweite deutsche Demokratie funktioniert auch deshalb – bis jetzt – so gut, weil es die Weimarer Republik gab. Ein Grund mehr, sich an die Novemberrevolution und ihre Errungenschaften zu erinnern. Eine Prise Stolz und Dankbarkeit darf, zumal bei Sozialdemokraten, ruhig dabei sein.

Der Artikel erschien zuerst beim vorwärts.

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