von Elmar Vieregge
   

10 Jahre nach der Nagelbombe - Kulturfest erinnert an NSU-Anschlag in Köln

Am 9. Juni 2004 zündete der „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) eine Nagelbombe in der mehrheitlich von türkischstämmigen Bürgern bewohnten Kölner Keupstraße. Deren Bewohner erlitten nicht nur unmittelbare Schäden, sondern sahen sich nach Fehlern der Ermittlungsbehörden auch ungerechtfertigten Verdächtigungen ausgesetzt, die sie gesellschaftlich ausgrenzten und wirtschaftlich schädigten. Ein Jahrzehnt später erinnert ein prominent unterstütztes deutsch-türkisches Kulturfest an die Opfer und setzt sich für eine solidarische Gesellschaft ein.

Kulturfest in der Keupstraße

Unter dem Motto „Birlikte - Zusammenstehen“ organisierten vom 7.-9. Juni lokale und bundesweit bekannte Vertreter aus Kultur, Politik und Wirtschaft ein Kulturfestival. Es beinhaltete Theateraufführungen, Diskussionen und eine Konzertreihe zu denen mehrere Zehntausend Besucher kamen.

 

 

Die Bombe in der Keupstraße

Der auf einem Fahrrad vor einem Friseursalon gezündete Sprengsatz verwüstete mehrere Geschäfte, verletzte 22 Menschen körperlich und traumatisierte eine nicht bekannte Zahl weiterer Personen. Zu den unmittelbaren Schäden kamen weitere, nachdem Polizeivertreter und der damalige Bundesinnenminister Otto Schily unmittelbar nach dem Anschlag erklärten, keinen rechtsextremistischen Hintergrund zu sehen. Im Gegensatz zu ihnen vermuteten viele Kölner mit Migrationshintergründen eine generell gegen Einwanderer gerichtete Absicht der Täter. Manch einer erinnerte sich daran, dass elf Jahre zuvor im benachbarten Solingen ein rassistisch motivierter Brandanschlag fünf Menschenleben gefordert hatte. Dass ungeachtet einer allgemein in der Domstadt bestehenden toleranten Grundstimmung eine derartige Vermutung aufkam, begründete sich auch mit der besonderen lokal- und migrationspolitischen Bedeutung der Keupstraße.

Der Tatort in der Keupstraße

Eine Straße in Mülheim

Die Keupstraße ist für ihre Konzentration an türkischen Geschäften und Restaurants bekannt. Sie hat nicht nur als Handelsplatz eine ökonomische Bedeutung, sondern versorgt die im Stadtteil Mülheim lebenden Einwanderer mit türkischen Produkten und ist ein sichtbarer Beleg für die Einwanderungsgeschichte der Stadt. Der nördlich des Zentrums am östlichen Rheinufer gelegene Stadtteil ist von einst florierenden Fabriken geprägt und gehört trotz einiger Modernisierungen zu den sozial unterprivilegierten Vierteln. Arbeitsplatzverluste infolge des industriellen Wandels, eine niedrige Kaufkraft sowie aggressive Gruppen migrantischer Jugendlicher belasten den Ruf Mülheims. Er verbessert sich jedoch seit der Jahrtausendwende unter anderem durch die Etablierung diverser Kulturprojekte. So befinden sich heute entlang der auf die Keupstraße treffenden Schanzenstraße mehrere überregional bekannte Konzertveranstaltungshallen und Produktionsstätten für Fernsehshows. Dies trug dazu bei, dass die Einkaufsstraße auch einem ausgehfreudigen Publikum bekannt wurde und ihre Geschäfte sowohl türkische auch deutsche Kunden anzogen.

Verdächtigungen und Vertrauensverluste

Mit dem Anschlag änderte sich vieles. Während die Polizei einen rechtsextremistischen Hintergrund schnell ausschloss, vermutete sie als Tathintergrund Auseinandersetzungen zwischen extremistischen Türken und Kurden, Drogenhändlern oder sonstigen organisierten Kriminellen. In diese Richtung laufende Befragungen zerstörten nicht nur den Ruf von Anschlagsopfern, sondern bewirkten auch einem doppelten Vertrauensverlust. Einerseits verloren über Mülheim hinaus Einwanderer das Vertrauen in den Staat und seine Institutionen, insbesondere seine Sicherheitsbehörden. Andererseits blieben insbesondere deutsche Kunden der Geschäftsstraße fern, was zu ökonomischen Schäden für deren Gewerbetreibende, bis hin zu Betriebsaufgaben führte.

Kultur soll in der Keupstraße für Verständigung sorgen

Kultur als Verständigungsversuch

„Birlikte – Zusammenstehen“ wird von lokalen Initiativen sowie bundesweit bekannten Künstlern und Politikern bis hin zum Bundespräsidenten getragen. Dieser besuchte am 9. Juni den Tatort und ging danach sichtlich gelöst durch die Straße. Später eröffnete er mit einer Rede die auf einer zweiteiligen Großbühne präsentierte Mischung aus Kurzkonzerten und Redebeiträgen. Dabei berichtete der Bundespräsident, dass er vor dem Treffen Verzweiflung und Wut erwartet hatte, aber auf eine positive, der Zukunft zugewandten Stimmung traf. In einem weiteren Beitrag äußerte sich der Journalist Stefan Aust über das von ihm mitverfasste Buch „Heimatschutz. Der Staat und die Mordserie des NSU“. Für ihn war die Nagelbombe der Wendepunkt in der Geschichte des NSU. Er könne nachvollziehen, dass die Sicherheitsbehörden die zuvor verübten Morde nicht zwingend als Tatreihe einer rechtsterroristischen Organisation erkennen mussten; nach dem Bombenanschlag hätten sie aber einen derartigen Hintergrund erkennen müssen.

Die Beteiligung von mehreren zehntausend Festivalbesuchern zeigt, dass „Birklikte – Zusammenstehen“ kein auf gesellschaftliche Eliten beschränktes Projekt ist, sondern von breiten Bevölkerungskreisen unterstützt wird. Wenngleich am 9. Juni der Konzerttag witterungsbedingt am frühen Abend abgebrochen werden musste, ist es dem Fest gelungen, an den Anschlag zu erinnern, ein Zeichen der Solidarität mit den Opfern zu setzten und darüber hinaus eine gesamtgesellschaftliche Botschaft zu verbreiten. Dass aber zehn Jahre vergehen mussten, bis es zu diesem Zeichen kam, dürfte manchen Betroffenen daran erinnern, dass er nach dem Anschlag über Jahre allein gelassen worden war. Für die Gewerbetreibenden der mehrfach geschädigten Keupstraße wird viel davon abhängen, dass das Interesse keine Momentaufnahme bleibt, sondern es zu einer nachhaltigen Belebung kommt.

Fotos: Elmar Vieregge

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