von Redaktion
   

Warum man über Hitler lachen muss - Mit Apfelfront-Aktivist Dr. Klaus Blaudzun im Gespräch

Das Satireprojekt „Front Deutscher Äpfel“ (FdÄ) ist die vielleicht erfolgreichste Initiative gegen Rechtsextremismus in Deutschland. Dennoch sieht sie sich immer wieder scharfer Kritik ausgesetzt, weil sie angeblich den Nationalsozialismus verharmlose. Über Zustand und Zukunft der Apfelfront sprachen wir mir Dr. Klaus Blaudzun (1958), der seit vielen Jahren beruflich das Rostocker Institut für Neue Medien leitet.

ER: Herr Blaudzun, darf man über Hitler lachen?

Blaudzun: Man darf nicht nur, man muss.

ER:
Hitler gilt als der größte Verbrecher der Menschheit. Was soll daran lustig sein?

Blaudzun: Diese Frage ist wahrscheinlich eher ein Teil des Problems als seine Lösung, weil sie die Welt künstlich in etwas Zugängliches und etwas prinzipiell Unzugängliches teilt. Wenn Hitler aber für uns unzugänglich ist, wie sollen wir dann politisch und gesellschaftlich überhaupt gegen Rechtsextremismus vorgehen? Die Lebensäußerungen der Menschen sind vielfältig, also muss man sie auch vielfältig bedienen. Die Nazis verstehen das auch heute leider oftmals besser als so mancher Demokrat. Das Lachen gehört zum Menschen dazu. Also auch im Kampf gegen Nazis. Und natürlich gibt es in dieser Satire etwas Verstörendes, Dinge, die umstritten sind und hinterfragt werden müssen. Nur: Ohne diese Widerhaken, die zum Nachdenken anregen, wäre die Apfelfront keine politische Satire, sondern platte Blödelei.

ER: Der Apfelfront wird aber bisweilen vorgeworfen, ihre Anhänger würden sich nicht nur über Nazis lustig machen, sondern in Wahrheit selbst fasziniert sein von der „faschistischen“ Ästhetik.

Blaudzun: Selbstverständlich ist Hitler faszinierend – jedenfalls war er das für Millionen Deutsche. Irgendwer muss ihn ja schließlich damals gewählt haben. Wer sich diesem Phänomen verschließt, begeht eine riesengroße politische Dummheit. Er verschließt sich damit nämlich zugleich der Frage, wie man Hitler eigentlich verhindern kann. Es stimmt also eher das Gegenteil: Wer ernsthaft behauptet, der Nationalsozialismus hätte keine künstlerischen und ästhetischen Leistungen vollbracht, verharmlost auf naive Weise die Herrschaftsmechanismen der Nazis. Die Nazi-Ästhetik hat funktioniert – ob man das will oder nicht. Und genau dieses Phänomen begegnet uns in der Apfelfront. Diese „Faszination“ ist damit aber gerade keine Verharmlosung oder gar Verherrlichung der Nazis, sondern der Versuch, die Wirkungsmechanismen der Nazi-Ästhetik zu verstehen. In der Sache sind wir von den Nazis auf doppelte Weise angewidert: politisch UND ästhetisch.

apfelfront-mv

ER: Warum hat sich die Apfelfront eigentlich gegründet?

Blaudzun: Es kamen mehrere Dinge zusammen: Zunächst 2004 der Einzug der NPD in den Landtag von Sachsen. Deren Vorsitzender heißt bekanntermaßen Holger Apfel - und so entstand der Name. Der eigentliche Anlass für die Gründung war der Versuch von Neonazis, Leipzig symbolisch und auch ästhetisch zum rechten Aufmarschplatz umzufunktionieren. Ein Leipziger Künstler hat daraufhin mit Schülern ein Gegenprojekt entwickelt, um genau diese Strategie der Nazis zu durchbrechen. Der eigentliche Grund für die Geburt der Apfelfront ist aber die seit vielen Jahren zu beobachtende Strategie der neuen Nazis, linke Symbole zu besetzen. Die Apfelfront dreht den Spieß einfach um.

ER: Und wie genau funktioniert nun diese Ästhetik der Apfelfront?

Blaudzun: Wir sind einfach die „Schnelle Ästhetische Hilfe“. Wir kreuzen überall auf, wo Nazis den öffentlichen Raum ästhetisch und symbolisch besetzen wollen – und nur dort. Wir sorgen dann für die umgehende satirische Erstversorgung. Der Effekt, der sich einstellt, rührt aus zwei Momenten: Zunächst ist die Apfelfront das Original und die Nazis erscheinen als deren verklemmte, billige Kopie. Unser SS-Ballett in schwarzen Uniformen und mit roter Armbinde tritt in einer ästhetischen Radikalität auf, wie es sich die neuen Nazis nicht trauen. Sie sind folglich als bloße Kopie blamiert. Damit setzt der zweite Effekt ein: Die „Schnelle Ästhetische Hilfe“ bringt optisch zum Ausdruck, was die neuen Nazis in Wahrheit sind, nämlich die Kopie, die Kontinuität der historischen Nazis. Die Apfelfront stellt somit sichtbare Warnschilder auf und enttarnt die braunen Kameraden. Es wird ihnen unmöglich, den öffentlichen Raum symbolisch und ästhetisch erfolgreich zu besetzen. Wir tun also das, was die politische Linke hätte schon in den 1920er und 1930 Jahren tun müssen, um die Wirkungsweise der Naziästhetik zu durchbrechen und Hitler zu verhindern.

Kommentare(3)

Leo Naphta Mittwoch, 04.November 2009, 22:55 Uhr:
>>Irgendwer muss ihn ja schließlich damals gewählt haben.ler nicht vom Volk gewählt, sondern vom Oberhaupt der Republik eingesetzt wurde, um dann schließlich von einem demokratischen Parlament zum Diktator ermächtigt zu werden ?
 
Albert Donnerstag, 05.November 2009, 11:46 Uhr:
Nananana!!! Aufpassen: Bei den letzten freien Reichstagswahlen im November 1932 erhielt die NSdAP unter ihrem Spitzenkandidaten Adolf 33,1 % der Stimmen und damit mehr(!) Stimmen als die heutige Regierungspartei CDU. Als größter Fraktion hätte ihr nach heutiger Praxis das Vorrecht der Regierungsbildung zugestanden. Zu dem Zeitpunkt stellten die braunen Horden schon jede Menge Landtagsregierungen. Das dumme Volk hat also damals sehr wohl die braunen Horden gewählt.
 
normaler_bürger Donnerstag, 05.November 2009, 22:47 Uhr:
Ich befürchte einige der Kritiker wissen nicht einmal, dass es Herrschaftsmechanismen gibt, das müssen sie aber aufgrund ihrer Motivation vielleicht auch gar nicht wissen, wer weiß...
 

Die Diskussion wurde geschlossen